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Eine Nation wird „narrisch“

Von Alexander Zambarloukos   20. Juni 2015

Cordoba 1978
Krankl (M.), Hansi Müller (r.)

Córdoba: Krankl schießt ein, Österreich schickt überhebliche Deutsche bei der Fußball-WM 1978 in Argentinien mit dem 3:2-Sieg ins Tal der Tränen.

  • Córdoba: Krankl schießt ein, Österreich schickt überhebliche Deutsche bei der Fußball-WM 1978 in Argentinien mit dem 3:2-Sieg ins Tal der Tränen

Eine Nation wird narrisch

„Tor, Tor, Tooooooor! I wear’ narrisch! Krankl schießt ein! Drei zu zwei für Österreich.“ Mit diesen prägenden Worten kommentierte der legendäre Radioreporter Edi Finger senior den unvergessenen 3:2-Erfolg der rotweiß-roten Fußball-Equipe über den „großen Bruder“ Deutschland. Das Wunder von Córdoba (Provinz und „Herz“ Argentiniens, mit 165.321 Quadratkilometern doppelt so groß wie Österreich) – geschehen am 21. Juni 1978 bei der WM in Argentinien – jährt sich morgen zum 37. Mal.

90 denkwürdige Minuten, die eine kleine Nation in tagelangen Freudentaumel stürzen und tiefste Depression bei unserem Nachbarn auslösen sollten: „Untergang“ und „Riesen-Blamage“ titelten die deutschen Boulevardblätter. Der Stachel steckte dermaßen tief, dass mancherorts das Leben nicht mehr lebenswert schien.

„Ich bin so verzweifelt“

Ein Urlauber schlitzte sich in Scheffau die Pulsadern auf, ein anderer Fan sprang in Berlin aus dem Fenster und stöhnte schwer verletzt einem Reporter ins Ohr: „Ich bin so verzweifelt. Und dann spielen wir auch noch so schlecht.“ Dramatische Szenen, die nicht nur dem Katastrophen-Auftritt der deutschen „Rumpelfüßler“ um Eigentorschütze Berti Vogts (1:1) geschuldet waren.

Hans Krankl überwindet Sepp Maier (r.) in Córdoba zweimal.

Die Österreicher hatten wirklich brilliert. Allen voran „Mister Doppelpack“ Johann K., der in der 88. Minute das 3:2 erzielte und damit das Ende einer ewig langen sportlichen Durststrecke besiegelte.

Zuvor hatte Rot-weiß-rot in 47 Jahren kein Mittel gefunden, um eine DFB-Auswahl in die Knie zu zwingen. Klar, dass die Sehnsucht nach der Wende groß und die Begeisterung über das Erreichte noch größer war.

„Den Weltmeister nach Hause geschickt!“, titelten damals die OÖN. Österreich belegte Rang sieben, die Deutschen verpassten das Spiel um Platz drei und ernteten dafür Spott. „Hirnlose Ochsenköpfe“ oder „armselige Antikicker“ mussten sie sich schimpfen lassen. Die „Rache“ für ihre unangebrachte Überheblichkeit.

Die BILD hatte von „fünf Toren gegen Österreich“ geträumt und war dem Spitznamen von Herbert Prohaska auf den Grund gegangen. Die Bezeichnung „Schneckerl“ sei wohl auf sein Schnecken-Tempo zurückzuführen.

„Du Scheißkicker verdienst nicht einmal ein Drittel von mir“, soll der deutsche Stürmer Rüdiger Abramczik bei Spielbeginn zu seinem Bewacher Robert Sara gesagt haben. Letzterer drohte Abramczik daraufhin, „er werde ihm in die Gosch’n hau’n“. Es sollte aber bei einer sportlichen Antwort bleiben.

Eine Antwort, die einigen „Ösis“ den Weg ins Fußball-Paradies ebnete: Krankl etwa unterschrieb einen lukrativen Vertrag beim FC Barcelona, während sein damaliger Gegner, der 2009 verstorbene Rolf Rüssmann, in Tränen ausbrach und seine Nationalmannschaftskarriere beendete.

Später soll er nur noch Golf gespielt haben – hieß es.

Originaltöne

Hans Krankl und Edi Finger senior.   

Originaltöne von...

...Edi Finger senior (1989 im Alter von 65 Jahren verstorben)

Die Reporter-Legende kommentierte für das ORF-Radio Österreichs 3:2-Triumph über Deutschland in Córdoba.
Als Hans Krankl der Siegestreffer bei der WM 1978 glückte, war Finger senior nicht mehr zu stoppen. Lesen Sie hier noch einmal den kultigen Text seiner Radio-Reportage nach.

Edi Finger senior am 21. Juni 1978, die 88. Minute: „Da kommt Krankl in den Strafraum – Schuss ... Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wer’ narrisch! Krankl schießt ein – 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals; der Kollege Riepl, der Diplom-Ingenieur Posch – wir busseln uns ab. 3:2 für Österreich durch ein großartiges Tor unseres Krankl. Er hat olles überspielt.“

Die 89. Minute: „Und warten S’ noch ein bisserl, warten S’ no a bisserl; dann können wir uns vielleicht noch a Vierterl genehmigen. Also das, das muss man miterlebt haben ... und jetzt trau i mi schon gar nicht mehr hinschauen ... Noch einmal Deutschland am Ball, und Prohaska haut den Ball ins Out.“

Die letzten Sekunden: „Eine Möglichkeit für Abramczik. Und!? Daneeeeben! Also der Abraaaamczik – obbusseln möcht’ i den Abramczik dafür. Jetzt hat er uns gehooolfn. Allein vor dem Tor stehend. Der braaave Abramczik hot daneben gschossn. Der Orme wird si’ ärgern ... Und jetzt ist auuus! Ende! Schluss! Vorbei! Deutschland geschlagen, meine Damen und Herren!“

Das Jahr 1978

Das Jahr 1978

Was in sportlicher Hinsicht sonst noch im Jahr 1978 passierte - eine Auswahl: 

6. Mai: Die Wiener Austria beendet die österreichische Fußball-Meisterschaft mit einem 0:0 im Derby bei Rapid. Zu diesem Zeitpunkt steht der Meistertitel der Violetten bei einem Respektvorsprung von 14 Zählern auf die Grün-Weißen längst fest. Den Hütteldorfern bleibt nur der Trostpreis: Hans Krankl wird mit 41 Volltreffern Torschützenkönig.
 

25. Juni: Argentinien krönt sich bei der Fußball-Heim-WM 1978 mit einem 3:1-Finalsieg nach Verlängerung gegen die von Ernst Happel betreuten Niederlande zum Champion. Der spätere Vienna-, St. Pölten- und Krems-Legionär Mario Kempes ist mit sechs Toren die dominierende Erscheinung des Turniers.
 

20. August: Tischtennis für die Ewigkeit: Das Ping-Pong-Duell der US-Amerikaner Danny Price und Randy Nunes dauert nicht weniger als 132 Stunden und 31 Minuten. Es findet als längstes Spiel in der Geschichte des Sports Eintragung in das populäre Guinness-Buch der Rekorde.

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