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Der Tanz auf der Brücke

Von Markus Staudinger   09.Juni 2015

Prominenter Freudentanz: Elmire Koref und Landeshauptmann Heinrich Gleißner am 9. Juni 1953 auf der Linzer Nibelungenbrücke
  • 9. Juni 1953: Die Sowjets heben die Kontrollen an den Grenzen zu ihren Besatzungszonen auf.
  • Die Linzer tanzen Walzer auf der Nibelungenbrücke
  • „Oberösterreich ist wieder ungeteilt“, titeln die OÖNachrichten.

Der Tanz auf der Brücke

Die nächtlichen Gewitter waren abgeklungen, die Sonne blinzelte bei frühsommerlichen Temperaturen von 20 Grad vom Himmel – und auf der Linzer Nibelungenbrücke herrschte am 9. Juni 1953, einem Dienstag, ausgelassene Feierstimmung

Die Kapelle der Linzer ESG spielte den Donauwalzer an – und Landeshauptmann Heinrich Gleißner (VP) und Elmire Koref, die Gattin des Linzer Bürgermeisters Ernst Koref (SP), drehten sich zum Tanz auf der Brücke.
„Die Freude über die aufgehobene Zonenkontrolle sprengte alle Etikette“, schrieben die Oberösterreichischen Nachrichten tags darauf über den symbolhaften Walzer von Heinrich Gleißner und Elmire Koref. Etliche andere Tanzpaare schlossen sich an.

Die geteilte Stadt

Seit August 1945 war Linz eine geteilte Stadt gewesen. Nördlich der Donau saßen die Sowjets in ihrer Besatzungszone, südlich die US-Amerikaner. Wer etwa in Urfahr lebte, aber am Hauptplatz arbeitete, für den war der Griff zum Personalausweis und die damit verbundene Kontrolle eine tägliche, zeitraubende und aufgrund von Übergriffen bisweilen bedrohliche Pflicht – bis zum 9. Juni 1953.

„Um den Wunsch des österreichischen Volkes zu entsprechen, heben die sowjetischen Okkupationsbehörden mit 9. Juni 1953 für den Personen- und Lastenverkehr die ständige Kontrolle an der Demarkationslinie auf“, hatte tags zuvor der sowjetische Generalmajor Kraskewitsch dem österreichischen Bundeskanzler Julius Raab mitgeteilt.

In Linz waren die sowjetischen Grenzposten übrigens überpünktlich – und stellten schon am Montag, dem 8. Juni, um 19.45 Uhr die Personenkontrollen am Urfahraner Brückenkopf ein. „Die Passanten waren so überrascht, daß sie zunächst verdutzt warteten und sich die Brücke nicht zu überschreiten getrauten“, notierten die OÖNachrichten.

Selbst Landeshauptmann Gleißner und der Linzer Bürgermeister Koref wussten am Abend des 8. Juni noch nichts vom Ende der Zonenkontrolle, schrieben die OÖN. „Erst ein Kontrollanruf bei Bundeskanzler Ing. Raab bestätigte Dr. Gleißner die Tatsache.“

Am 9. Juni war dann aber alles so weit offiziell, dass gefeiert werden konnte: Am Morgen besuchten Gleißner, Koref und Johann Blöchl, der Leiter der Zivilverwaltung Mühlviertel, die russische Kommandantur, dann ging es – gemeinsam mit den russischen Offizieren – zur Nibelungenbrücke, wo sich schon die Musikkapellen eingefunden hatten.

„Oberösterreich ist wieder ungeteilt“ titelten die OÖNachrichten tags darauf ihre Ausgabe – samt eines Walzerbildes von Gleißner und Koref auf der Titelseite. Es war ein Vorbote auf das, was zwei knapp zwei Jahre später folgen sollte – als es nach der Unterzeichnung des Staatsvertrags am 15. Mai 1955 hieß: „Österreich ist frei“ – und nicht nur die Zonenkontrollen, sondern die Besatzungszonen selbst sukzessive aufgehoben wurden.

Juni 1953

Das geschah Juni 1953

  • 1. Juni: Die Wiener Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler geben ein Konzert in Linz. Weil Linz keinen Konzertsaal für rund 4000 Besucher hat, findet das Konzert in der Straßenbahnremise Kleinmünchen statt.
     
  • 2. Juni: Elisabeth II. wird in der Westminster Abbey in London zur britischen Königin gekrönt.
     
  • 17. Juni: In den Tagen um den 17. Juni kommt es in der DDR zu einer Welle von Streiks und Demonstrationen. Die Protestwelle gegen die kommunistische Führung wird von der Roten Armee niedergeschlagen. Zumindest 55 Menschen kommen ums Leben.
     
  • 19. Juni: Die US-Staatsbürger Ethel und Julius Rosenberg werden in den USA wegen Atomspionage für die Sowjetunion hingerichtet.
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