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Das "Rieder Fußballwunder"

Von Thomas Streif   28.Juli 2015

Ried Rapid
Grenzenloser Jubel nach dem 2:1-Heimsieg gegen Rapid.
  • Vor 20 Jahren: Im ersten Spiel nach dem überraschenden Aufstieg in die Fußball-Bundesliga bezwang die SV Ried Rekordmeister Rapid mit 2:1 – Roland Kramer erzielte das erste Bundesligator der Innviertler Kicker

Aufstieg und Überraschung


Mit dem Aufstieg in die zweite Fußball-Bundesliga nahm das „Fußballwunder Ried“ 1991 seinen Anfang. Vier Jahre später schafften die „Rieder Wikinger“ sensationell den Aufstieg in die höchste Spielklasse Österreichs. Gegen den FC Linz setzte sich die SV Ried im Juni 1995 zuvor in den Relegationsspielen durch. Pavel Mráz legte mit seinen beiden Toren beim 2:0-Auswärtssieg den Grundstein für den Aufstieg. Mit einem 1:0-Heimsieg machte die Mannschaft von Trainer Klaus Roitinger die Überraschung perfekt.

Schwüle heiße Sommerluft lag über dem Rieder Stadion, als sich am 2. August 1995 mit Rekordmeister Rapid ein schier unschlagbarer Gegner zum ersten Bundesliga-Spiel der Geschichte ins Innviertel aufmachte. „Alles andere als eine Niederlage von uns wäre eine große Überraschung. Im Prinzip stellen wir eine Zweitliga-Elf, die stets am Limit spielt“, stapelte Rieds Trainer Klaus Roitinger vor dem Spiel tief.

Die Rapid-Fans spekulierten vor dem Anpfiff lediglich darüber, wie hoch der Sieg des Rekordmeisters ausfallen wird. Kein Wunder: In den Reihen der Rapidler standen zahlreiche Stars wie Peter Stöger, Trifon Ivanov oder Michael Konsel. Den Riedern, die von knapp 10.000 begeisterten Zuschauern nach vorne gepeitscht wurden, war das egal.

Nach genau einer Stunde Spielzeit erzielte Roland Kramer das 1:0 für die Innviertler. Pavel Mráz erhöhte nur sieben Minuten später auf 2:0. Der Anschlusstreffer von Peter Stöger in der 88. Spielminute kam zu spät.

Frenetischer Jubel bei den Riedern, etwas ungläubige Gesichter bei den Rapidlern, die einen Sieg fix eingeplant hatten. Während die Ried-Fans nach dem Spiel friedlich den Rasen stürmten und den Sensationsaufsteiger mit „So ein Tag, so wunderschön wie heute“ feierten, ergriff Rapid-Trainer Ernst Dokupil die Flucht.

Rapids Abwehrchef Peter Schöttel fand nach dem Spiel klare Worte: „Ich bin fast sicher, dass wir noch recht oft in das Innviertel fahren. Wenn diese Mannschaft immer so spielt, wird sie mit dem Abstieg nichts zu tun haben.“ Schöttel sollte Recht behalten. 20 Jahre später ist die SV Ried nicht mehr aus der höchsten Spielklasse wegzudenken.
 

Nachgefragt

Klaus Roitinger

Nachgefragt bei...Klaus Roitinger

Von 1988 bis 1999 war der heute 55-Jährige Trainer bei der SV Ried. Unter seiner Regie schafften die Innviertler Kicker sowohl den Aufstieg in die zweite Liga als auch in die Bundesliga. 2003 kehrte der Volksschullehrer noch einmal für wenige Spiele auf die Trainerbank zurück. 2012 wurde Roitinger zum „Jahrhunderttrainer“ der SV Ried gewählt.

  1. Welche Erinnerungen haben Sie noch an das erste Bundesliga-Spiel gegen Rapid?

    Wir haben gehofft, dass uns die Rapidler etwas unterschätzen. Schließlich haben sie uns vorher nicht ein einziges Mal beobachtet. Mit dem euphorischen Publikum im Rücken ist uns dann die Sensation gelungen. Über diesen Sieg hat sich die ganze Region gefreut.
  2. Die SV Ried erreichte in der Saison 1995/96 den sensationellen siebenten Platz. Wie überrascht waren Sie darüber?

    Sehr! Wir hatten sicher nicht die Qualität der anderen Mannschaften, aber wir haben uns in eine Euphorie gespielt und waren extrem heimstark. Die Zuschauer haben uns durch die gesamte Saison getragen.
  3. Sind Sie in Sachen SV Ried noch immer auf dem Laufenden?


    Ich habe mir wieder eine Sitzplatzdauerkarte gekauft und gehe mit Freunden ins Stadion. Ich lebe nach wie vor mit, aber sehe das Ganze sehr entspannt.

 

Orginalbericht

Duell Thomas Eder gegen Peter Stöger  

"So schafft Ried den Klassenerhalt"

Lesen Sie hier, wie die OÖNachrichten am 4. August 1995 ausführlich über Rieds Überrschungssieg und das "Innviertel im Fußball-Taumel" berichteten. 

"Komplimente von allen Seiten für den Liga-Neuling nach dem 2:1 über Rapid"

"Ich bin fast sicher, daß wir noch recht oft in das Innviertel fahren", meinte Rapids Peter Schöttel nach der 1:2-Niederlage in Ried. "Wenn diese Mannschaft immer so spielt wie gegen uns", hat sie mit dem Abstieg nichts zu tun. Dennoch fordert SV Rieds Erfolgstrainer Klaus Roitinger noch zwei Verstärkungen, andernfalls werde er zurücktreten. Beachtlich schlug sich auch der Lask in Salzburg (1:1), allein Vorwärts enttäuschte beim 0:4 in Wien. Rieds 2:1 über Rapid löste sogar eine noch größere Begeisterung aus als der Aufstieg. Die Fans stürmten auf den Rasen, um ihre "Helden" gebührend zu feiern. "So ein Tag, so wunderschön wie heute", sangen sie, und die Spieler stimmten ein in den Chor. Ehre, wem Ehre gebührt, allein Rapid-Coach Ernst Dokupil ergriff die Flucht und kritisierte die Sicherheitsvorkehrungen. Er sei im Trubel attackiert worden. "In diesem Stadion kann jeder überall hingehen." Nun, die Bundesliga räumt Ried eine Frist bis September ein, dann wird die vorgeschriebene Umzäunung des Spielfeldes wohl auch abgeschlossen sein.

Dokupils Verärgerung dürfte aber eher auf die blamable Vorstellung seiner Elf (im Barcelona-Look) zurückzuführen sein, denn die Zuschauer, ob aus Ried oder Wien, verhielten sich vorbildlich. Für den Rapidler Peter Schöttel sind die Innviertler überhaupt "eine Bereicherung für die höchste Spielklasse". Am nötigen Selbstvertrauen mangelt es den Riedern nicht mehr. "Der kann vielleicht Jürgen Klinsmann zudecken, aber nicht mich", meinte Stürmer Hubert Möseneder, auf die zahlreichen Zweikämpfe mit Rapid- Neuerwerbung Iwanow, dem bulgarischen WM-Verteidiger, angesprochen. Daß es beim Lask nicht nur auf dem Spielfeld aufwärtsgeht, sah man nach dem 1:1 in Salzburg im Autobahnrestaurant Mondsee. Da wurden die Fußballer von den mitgereisten Fans stürmisch gefeiert, und da schüttelte Max Hagmayr jedem Schlachtenbummler die Hand. "Ein Wahnsinn, wie uns die Anhänger im Lask-Sektor lautstark unterstützt haben." Hagmayr und sein treuer Mitarbeiter Walter Wurzinger verstehen es eben, aus dem Klub wieder eine Familie zu machen.

Nur Trainer Günther Kronsteiner wußte nicht recht, ob er sich freuen oder ärgern sollte: "Das 1:1 ist ein Riesenerfolg. Als wir aber kurz vor Schluß den Ausgleich hinnehmen mußten, war ich schon verzweifelt." Die kampfstarken Linzer spielten nach Dusparas herrlichem Tor so clever, daß 13.000 Salzburger Zuschauer immer ruhiger wurden und daß es zeitweise sogar Beifall für die Gäste gab. Eine kurze Unaufmerksamkeit Dusparas ermöglichte Hasenhüttel schließlich doch noch das (nicht unverdiente) 1:1.

Schiedsrichter Sedlaceks Respekt vor dem Meister war überaus groß, nicht nur, als er eine unverständliche Abseitsentscheidung gegen den Lask traf und ignorierte, wie Mladenovic den Lask-Stürmer Gussnig niederriß. In der zweiten Halbzeit, nach etwa einer Stunde, korrigierte sich Vorwärts-Trainer Milan Djuricic selbst: Er ersetzte seinen glücklosen Verteidiger Michael Helm durch Oliver Heiml. "Ich hätte früher erkennen müssen, daß Helm sehr müde ist", so Djuricic.

Zu diesem Zeitpunkt war das Match im Horr-Stadion freilich gelaufen, zumal die Austria schon 3:0 führte. Am Ende hieß es 4:0, doch das tut nichts zur Sache: Die vorentscheidende Szene spielte sich nämlich bereits in der 35. Minute ab, als der Steyrer Keeper Thomas Engelmaier den allein auf ihn zustürmenden Austrianer Mons- Ivar Mjelde foulte. "Torraub", entschied der Schiedsrichter. Engelmaier wurde ausgeschlossen und der Austria ein Elfmeter zugesprochen, der auch zum 1:0 führte. "Für mich ist das besonders bitter", meinte Engelmaier, die ewige Nummer 2 bei Vorwärts. Jetzt, da er glaubte, den langen Kampf um einen Stammplatz endlich gewonnen zu haben, kommt er um eine Sperre nicht herum.

Am Samstag, 15.30 Uhr, wenn Aufsteiger GAK in Steyr gastiert, steht Michael Paal, die Neuerwerbung aus St. Pölten, von Beginn an im Tor. Milan Djuricic erwartet einen Sieg. "Dann stimmt unser Fahrplan wieder."

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24. Juni 2019