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Bayerns ewiger "Kini"

Von Clemens Schuhman   25. August 2015

Franz Josef Strauß

Franz Josef Strauß: Am 6. September hätte Bayerns legendärer Landesvater 100. Geburtstag gefeiert. Die „politische Urgewalt“ wurde hymnisch verehrt oder abgrundtief gehasst und liefert auch 27 Jahre nach dem Tod Schlagzeilen.

  • Franz Josef Strauß: Am 6. September hätte Bayerns legendärer Landesvater 100. Geburtstag gefeiert
  • Die „politische Urgewalt“ wurde hymnisch verehrt oder abgrundtief gehasst
  • Auch 27 Jahre nach seinem Tod liefert der "Kini" noch Schlagzeilen. 

Bayerns ewiger Kini

Sein Foto hing in vielen bayerischen Stuben im Herrgottswinkel, unmittelbar neben dem Kruzifix. Franz Josef Strauß war zu seinen Lebzeiten für viele Bayern eine Ikone, eine Art Halbgott. Er ist Bayerns ewiger König (oder, wie die Bayern sagen: „Kini“).

Der polternde Politiker, der gerne als „politische Urgewalt“ bezeichnet wird, wurde hymnisch verehrt. Und von seinen Gegnern, von denen es viele gab, abgrundtief gehasst. Der am 6. September 1915 in München geborene „FJS“ ließ niemanden kalt – und er liefert auch 27 Jahre nach seinem Tod Schlagzeilen.

„Spiegel Online“ berichtet, dass sich der langjährige Chef der bayerischen CSU (1961–1988) mittels einer Briefkastenfirma von Unternehmen wie BMW, Bertelsmann oder Daimler schmieren ließ. Das überrascht wenig, denn das (politische) Leben des Kanzlerkandidaten 1980 war reich an Eskapaden.

Mit Diktatoren auf Du und Du

Besonders in Erinnerung ist die „Spiegel-Affäre“: Im Oktober 1962 besetzten Polizisten die „Spiegel“-Redaktion, da der damalige Verteidigungsminister wegen eines kritischen Artikels Landesverrat witterte. Herausgeber und Chefredakteur Rudolf Augstein musste 103 Tage hinter Gitter. Letztlich setzte sich aber die Pressefreiheit durch, und Strauß musste aus dem Kabinett Adenauer ausscheiden.

Mehr Weitsicht bewies der Vater dreier Kinder, der beste Kontakte zu Diktatoren und Despoten pflegte (Stroessner in Paraguay, Pinochet in Chile, Botha in Südafrika), im Jahr 1983: Er fädelte klammheimlich einen Milliarden-Kredit für die damals schon marode DDR des Erich Honecker ein. Schließlich glich die DDR-Wirtschaft damals schon einer ausgequetschten Zitrone.

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe, da Strauß ja strammer Anti-Kommunist war. Er musste auch heftige Proteste in „seiner“ CSU hinnehmen: die Folge waren Parteiaustritte und die Gründung der „Republikaner“. Aber auf lange Sicht sollte sich Strauß’ Strategie als richtig erweisen: Denn mit dem Kredit machte sich Ostberlin erpressbar – und man musste humanitäre Zugeständnisse machen. „Strauß’ Politik hat wesentlich zum Untergang der DDR geführt“, sagt etwa der deutsche Historiker Stefan Wolle.

Die Wende durfte Strauß allerdings nicht mehr erleben, er starb unerwartet am 3. Oktober 1988. Zwei Tage zuvor hatte er sich mit dem Helikopter direkt vom Oktoberfest zur Hirschjagd in die Nähe von Regensburg fliegen lassen. Unmittelbar nach dem Verlassen der Maschine war der damalige Ministerpräsident und CSU-Chef zusammengebrochen. Mehr als 100.000 Menschen nahmen am Trauerzug in München teil – mehr als bei Ludwig II. und beim Prinzregenten Luitpold.

„FJS“ mit Helmut Kohl

Aktuelle Schlagzeilen

"Polit-Legende Strauß soll Schmiergeld kassiert haben"

Erst am Samstag berichete nachrichten.at online von der Schmiergeldaffäre um die "Polit-Legende" Franz Josef Strauß, die der "Spiegel Online" aufgedeckt haben will, wie folgt: Der legendäre wie umstrittene deutsche Politiker Franz Josef Strauß soll Schmiergelder kassiert haben. Das schreibt "Spiegel Online" am Freitag. Demnach habe sich der 1988 verstorbene ehemalige Verteidigungs- und Finanzminister sowie zuletzt Ministerpräsident von Bayern jahrelang mittels einer Briefkastenfirma von Unternehmern schmieren lassen.

Dies belegen laut "Spiegel Online" bisher unbekannte Akten des Eureco Büro für Wirtschaftsberatung GmbH und Co. KG, die der Politikwissenschaftler Peter Siebenmorgen bei Recherchen für seine Strauß-Biografie (Siedler Verlag) gefunden habe.

Gegründet wurde das Büro den Angaben zufolge 1964 von Strauß, seiner Gattin Marianne und dem Rechtsanwalt Reinhold Kreile, der mit einer Treuhand-Konstruktion dafür sorgte, dass der NameStrauß im Zusammenhang mit Eureco nirgendwo auftauchte.

Die Liste der Unternehmen, die Strauß über das Büro Geld gezahlt hätten, reiche von BMW und Bertelsmann über Daimler-Benz und Dornier bis hin zu Firmen aus dem Flick-Imperium und der Taurus-Film GmbH des Medien-Moguls Leo Kirch, so "Spiegel Online". Allein in den Jahren 1964 bis 1968 hätten sich die Zahlungen auf insgesamt 490.892 Mark addiert. "Eine für die damalige Zeit immense Summe: Das Jahresgehalt eines Bundesministers betrug seinerzeit etwa 90.000 Mark", so das Hamburger Magazin.

Keine echten Gegenleistungen

Echte Gegenleistungen hätten die Firmen für ihr Geld offenbar nicht erhalten. Die Verträge, die Eureco mit den Unternehmen abgeschlossen haben, seien sehr vage gefasst gewesen, meist sei es um volks- und betriebswirtschaftliche Beratungen aller Art gegangen.

Dass derlei Geschäfte am Rande der Legalität gewesen seien, sei den Beteiligten allem Anschein nach klar gewesen. "Über die praktische Tätigkeit der Gesellschaft verständigen wir uns am besten mündlich", schrieb Kreile an Strauß. Vom "Spiegel" mit den Eureco-Dokumenten konfrontiert, lehnte Kreile jede Stellungnahme ab. Seine anwaltliche Schweigepflicht verbiete ihm, über Eureco zu sprechen. Er legte jedoch wert auf die Feststellung, dass die "an die Eureco geleisteten Beratungshonorare ohne jegliche Beanstandung seitens der Finanzämter blieben".

Die Beziehung zwischen dem "Spiegel" und Strauß war seit 1962 durch eine Affäre geprägt, die das Verhältnis von Politik und Medien in Deutschland nachhaltig veränderte. Nach einem kritischen "Spiegel"-Artikel über die Bundeswehr wurde die Hamburger Zentrale des Magazins durchsucht. Mehrere Redakteure werden festgenommen, darunter Herausgeber Rudolf Augstein. Ihr großer Gegenspieler war der damalige Verteidigungsminister Strauß. Am Ende ging der "Spiegel" als Gewinner aus der Affäre hervor.

Strauß, Nach-Nachfolger Stoiber

 

Bayern nach Strauß

"Bayern nach Strauß"

Am 4. Oktober 1988 widmeten die OÖNachrichten den tags zuvor im Alter von 73 Jahren verstorbenen Franz Josef Strauß einen Leitartikel unter dem Titel "Bayern nach Strauß". Lesen Sie hier den Originaltext:

Es traf den bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß in einem unpassenden Augenblick, aber standesgemäß: als er zur Entspannung Jagdgast war beim Fürsten Thurn und Taxis. Zum unpassenden Zeitpunkt aber auch politisch: weil sein Erbe überhaupt nicht bestellt ist.

Strauß, gleichwohl 73 Jahre und rüstig gewesen, hat keine Anstalten gemacht, sich in absehbarer Zeit aufs Altenteil zurückzuziehen. Da war auch keiner in der CSU, der sich als Kronprinz Franz Josefs fühlen konnte. Strauß ließ keinen heran - so wie das viele Politiker halten, die von sich selber am meisten überzeugt sind. Und da war auch keiner, der auch nur annähernd das politische Format des Alten erreichte, von Erfahrung, Routine nicht zu reden.

Also war klar, und Strauß hat das auch immer gesagt, daß er bei der Landtagswahl 1990 wieder kandidieren werde. Weil ohne ihn die CSU glatt ihre absolute Mehrheit verlieren würde, hat er einmal im Parteivorstand gedonnert, als Widerspruch aufgekommen war. Und die CSU mag nur die Absolute, relative Mehrheiten weiß sie nicht zu schätzen. Bei den letzten Landtagswahlen hat die CSU mit Strauß nur noch 55 Prozent der Stimmen bekommen. Das muß man vor dem Hintergrund der Tatsache sehen, daß sie 1974 noch auf 62,1 Prozent gekommen war. In diesem Zweidrittelmehrheit-Bewußtsein lebt sie immer noch, auch wenn es seither ebenso stetig wie regelmäßig bergab gegangen ist.

Aber es hat schon auch vor dem Strauß-Sterben ein paar Ereignisse gegeben, die selbst die CSU an sich zweifeln ließen. Erst hat der scharfe Antikommunist Strauß Markmilliardenkredite für HoneÍkers DDR vermittelt; und der konkurrenzierte dann dank dieser Aufbauhilfe bundesdeutsche Wirtschaftsbranchen, etwa den Bier- und den Fleischmarkt. Daran haben sich die Rechten in der CSU als Republikaner abgespaltet.

Strauß zog daraus eine Lehre für andere: Er warnte eindringlich die CDU-Schwesterpartei, ja den rechten Rand der Union nicht zu vernachlässigen.

Schließlich folgte die lächerliche Geschichte mit dem Flugbenzin: Fast die ganze Bevölkerung stand auf gegen das vom Privatflieger Strauß initiierte Privileg der Steuerbefreiung für Flugbenzin. Zumal das auch noch in einem Gesetzeswerk stand, das andere Verbrauchssteuern erhöht hat. Strauß wirkte erstmals wirklichkeitsfremd. Und es tauchte die Frage auf, ob er denn seine sprichwörtlichen Fähigkeiten des besonderen politischen Gespürs, der Volksverbundenheit und generellen Kompetenz verloren hat? Fähigkeiten, derentwegen sich Strauß für unersetzlich halten ließ. Aber nach dem Ausrutscher auf dem Flugbenzin hat der eine oder andere in der CSU begonnen, keck von der "Zeit nach Strauß" zu reden. Es dämmerte herauf, was jetzt durch den Tod besiegelt wurde.

Aber da ist sicher keiner, der das ausfüllen könnte, was Strauß offenläßt. Auch wenn unverrückbar wie der Tod ist: es muß einen Nachfolger als Ministerpräsident und womöglich einen anderen als CSU- Chef geben.

Aber da ist eben kein logischer Nachfolger: nicht CSU- Fraktionsführer Theo Waigl; nicht Gerold Tandler, der Wirtschaftsminister; oder Staatskanzleichef Edmund Stoiber. Nicht Finanzminister Streibl, der vorerst die Regierungsgeschäfte führt; Bundesinnenminister Zimmermann könnte wohl CSU-Vorsitzender werden.

Aber allesamt waren irgendwie nur Schatten des Franz Josef oder konnten nie aus seinem Schatten heraustreten. Alle längst nicht so groß wie Strauß, sind sie doch gleich groß genug, um sich im Vakuum nach Strauß um die Macht zu streiten. Und die bayerische Politik hat nach Strauß einen wahren Nachholbedarf an Streit. Aber das kann Bayern nicht nützen, weil's kein gesunder politischer Konkurrenzkampf wäre: Der Tüchtigere kann jetzt in Bayern gar nicht siegen - der zum Inbegriff dafür gemachte ist soeben gestorben.

Bisher ist man solchen Fragen mit der letztlich ratlosen Selbsttröstung ausge- wichen: "Strauß regiert weiter." Das war auch der größte politische Fehler des großen Politikers Strauß: Er hat nie Vorsorge für seine Nachfolge getroffen. Im Gegenteil, er hat diese Notwendigkeit mit der ganzen Überbreite seiner Persönlichkeit verdeckt.

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