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OÖNachrichten

Als das rote Bollwerk sank

Von Josef Lehner   07. März 2015

Bawag/Konsum
Mit Bawag-Anteilsverkauf rettete der ÖGB seinen Handelskonzern nicht.

Die österreichische Konsumgenossenschaft war einst größter Handelskonzern im Lande. Sie galt als unsinkbares Schiff. Im März 1995 war das Ende gekommen.

  • Lebensmittelhandel: Die österreichische Konsumgenossenschaft war einst größter Handelskonzern im Lande. Sie galt als unsinkbares Schiff. Im März 1995 war das Ende gekommen.

Konsum geht pleite

Es fehlten Milliarden an Liquidität. Monatelang wurden Rettungspläne geschmiedet – erfolglos. Österreich war geschockt.

Diese Geschichte handelt nicht von der Hypo Alpe Adria und spielt nicht im Heute. Trotzdem zeigen sich einige erschreckende Parallelen: politische Einflussnahme, Inkompetenz in der Führung, Versagen der Aufsicht.

„Banken wollen Konsum-Konkurs mit allen Mitteln verhindern“ titelten die OÖNachrichten vor genau 20 Jahren, am 7. März 1995. Eine Woche später kapitulierte das Management vor dem Druck der Lieferanten, die bereits drei Milliarden Schilling offene Forderungen hatten und ohne Geld keine Waren mehr lieferten. Das war das Ende. Bei den Banken stand die Genossenschaft, die pro forma 700.000 Kunden gehörte, aber von Gewerkschaftern dominiert wurde, mit mehr als zehn Milliarden Schilling in der Kreide. Am 15. März schließlich trat die Führung den Weg zum Insolvenzgericht an.

700.000 Eigentümer zitterten

Der Konsum stand für rund 40 Milliarden Jahresumsatz, hatte rund 17.000 Mitarbeiter, 75 Großmärkte (KGM) und 670 Läden, außerdem einige Brot- und Fleischfabriken und andere Betriebe. In den Jahren zuvor sollen die Verluste je mehr als eine Milliarde betragen haben. Doch niemand machte sich Sorgen um das „rote Handelsbollwerk“, denn das sei ein „unsinkbares Schiff“.

Angeboten wurde ein Ausgleich mit 40 Prozent Quote. Einziges Asset: Dem Konsum gehörten 30,66 Prozent der damals prosperierenden Gewerkschaftsbank Bawag. Der ÖGB verkaufte 15 Prozent der Bawag an die Bayerische Landesbank.

Aufseher Hobl, Sanierer Tengg
Aufseher Hobl, Sanierer Tengg

Zu Konsum-Sanierung kam es nie. Das neue Management unter Hansjörg Tengg verkaufte fast alle Filialen an Spar, Billa-Merkur, Meinl. Nur einige gut gehende Standorte in Bahnhöfen wurden fortgeführt. Ein Konkurs sollte auf politischen Druck verhindert werden, weil sonst die 700.000 Genossenschafter mit dem Doppelten ihrer Einlage gehaftet hätten – 2300 Schilling pro Kopf.

Der Aufsichtsrat unter Führung des mächtigen Gewerkschafters Hans Hobl kündigte Generaldirektor Hermann Gerharter im April und sprach im Juli die fristlose Entlassung aus. Er war eher Befehlsempfänger. 2002 wurde er wegen Krida verurteilt. Fünf Jahre später stand er nochmals vor Gericht, weil ihm Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner 553.000 Euro in einem Plastiksackerl gegeben hatte, damit er seine Prozesskosten zahlen könne.

Die meisten Konsum-Mitarbeiter wurden samt den Filialen von Billa, Spar & Co. übernommen. Die Gläubiger erhielten 45 Prozent ihrer Forderungen. Viele Lieferanten wurden trotzdem schwer getroffen, denn es war das Jahr des EU-Beitritts, das vorerst viele Auflagen gebracht hatte.

 

Fristlose: Gen.-Dir. Gerharter 1024
Fristlose: Gen.-Dir. Gerharter

Interview

Nachgefragt bei ... Hans Rohregger

  1. OÖN: Können Sie sich an diese turbulenten Tage vor genau 20 Jahren noch erinnern?

    Rohregger: Nicht im Detail, aber es war ein Riesenkrach. Wir haben ja geglaubt, dass der Konsum aus politischen Gründen gerettet wird. Offensichtlich war das dann doch zu teuer.
  2. Hat das Ende des Konsum die Handelslandschaft Österreichs verändert?

    Die Umsätze sind neu verteilt worden. Im Grunde war die Leistung des Konsum schon lange vorher schlecht. Alle anderen haben es besser gemacht, sowohl was Sortimentspolitik als auch Personalpolitik betrifft.
  3. Fehler bei Sortiment und Personal – was waren noch Ursachen des Untergangs?

    Der politische Einfluss hat dazu geführt, dass der Konsum unrentabelste Leistungen und die schlechtesten Filialen nicht aufgeben durfte. Da ist der Bürgermeister gekommen und hat gesagt: nicht meine Filiale! Einen Sanierungskurs fahren zu müssen und nichts ändern zu dürfen, schafft kein Management. Heute hätte ein Manager längst gesagt: Ich muss Insolvenz anmelden. Vorstands- und Aufsichtsratsfunktionen waren im Konsum vermischt. Generaldirektor Gerharter kam vor Gericht, dabei haben Aufsichtsräte das Sagen gehabt.
  4. Die Lieferanten haben Milliarden
    Schilling verloren.


    Das habe auch ich zu spüren bekommen, weil ich in der RWA für die 170 Beteiligungen zuständig war, zum Beispiel Ybbstaler.

     

März 1995

1. März: Der Spekulant Nick Leeson hat die britische Großbank Barings Brothers zu Fall gebracht. Schaden: vorerst 13 Milliarden Schilling. Die OÖN melden: „EU überlegt schärfere Kontrolle der Banken.“

3. März: Josef Pühringer fordert in seiner Antrittsrede als Landeshauptmann zur „Abwehr des Radikalismus“ auf.

8. März: Voest-Betriebsratsvorsitzender Erhard Koppler wirbt aktiv für den Börsegang der Stahl AG: Damit könne man Investitionen finanzieren.

27. März: Das Magazin „profil“ schockt Österreichs Katholiken mit der Anklage eines Ex-Zöglings: „Kardinal Hans-Hermann Groër hat mich sexuell missbraucht.“

TV-Programm 5. März: „Tatort“ mit Ben Becker und Ulrike Folkerts „Kottan ermittelt“ mit Lukas Resetarits, Walter Davy, Bibiane Zeller und Kurt Weinzierl; „Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft“, US-Serie mit u. a. Omar Sharif

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