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OÖNachrichten

Abschied von der Pummerin

Von Roswitha Fitzinger   18. April 2015

Verabschiedung der Pummerin auf der Promenade in Linz mit Landeshauptmann Heinrich Gleißner am 25. April 1952.

25. April 1952: In St. Florian gegossen, danach vier Monate in Linz ausgestellt, trat die Pummerin am 25. April 1952 ihren Triumphzug nach Wien an.

  • 25. April 1952: In St. Florian gegossen, danach vier Monate in Linz ausgestellt, trat die Pummerin am 25. April 1952 ihren Triumphzug nach Wien an.

Abschied

Ob alt oder noch so jung: Alle, wirklich alle waren am 25. April 1952 in St. Florian auf den Beinen, um sie zu verabschieden. Nie davor und nie wieder danach sollte eine Glocke dieses Ausmaßes die örtliche Glockengießerei verlassen. "Die Florianer waren wahnsinnig stolz, dass sie das miterleben durften", sagt Franz Scharf. Aus zahlreichen Gesprächen mit mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen weiß der Florianer Ortschronist: die anfängliche Skepsis, ob das Projekt überhaupt gelingt, sei groß gewesen: "Aufgrund der Größe der Glocke haben alle gedacht, dass das eh nichts wird." Tatsächlich stellte das Projekt die Verantwortlichen vor so manche Herausforderung. So waren die Stromversorgung und auch die Infrastruktur in der Gießerei für einen Guss in dieser Dimension zunächst nicht ausreichend. Leistungsstärkere Stromgeneratoren mussten erst organisiert und eine eigene Gießgrube errichtet werden. Immerhin galt es 27 Tonnen Metall zum Schmelzen zu bringen. Material, das großteils von der alten Pummerin stammte, die am 12. April 1945 bei einem Brand im Stephansdoms abgestürzt und zersprungen war.

Abschied von der Pummerin
Aufbau der Gussform

Auch Pannen blieben nicht aus. So misslang der erste Guss am 26. Oktober 1950. Zehn Minuten nach dem Anstich gab ein Stützbalken der Verdämmung nach, die auf 1300 Grad erhitzte sogenannte Glockenspeise floss aus und setzte die Zuschauertribüne in Brand. Doch beim zweiten Guss ein knappes Jahr später, am 5. September 1951, sollte alles gut gehen. Gegen 10.30 Uhr war es geschafft, am 26. Oktober war die Glocke fertig, am 3. Dezember konnte sie abgenommen werden.

Doch es sollte noch dauern, bis die "Stimme Österreichs", wie die neue Pummerin auch genannt wird, ihre Reise nach Wien antreten sollte. Bis April war sie in Linz ausgestellt worden, bevor sie auf der Promenade feierlich verabschiedet wurde und sich mittels eines Tiefladers auf den Weg machte – Wagen und Glocke festlich geschmückt von der Linzer Gärtnerschaft. "Abschied von der Pummerin, 1. Akt" titelten die OÖNachrichten am 25. April 1952. Durch das reich beflaggte Linz und vorbei an einem dichten Spalier an Zuschauern ging die Fahrt zunächst bis Enns. Tausende Menschen säumten unterwegs den Weg, und die russischen Soldaten ließen den Konvoi an der Zonengrenze ausnahmsweise ohne Kontrolle von Transportschein und Identitätsausweisen passieren.

Eine jubelnde Menschenmenge nahm die neue Pummerin dann am 26. April um 16 Uhr auf dem Stephansplatz in Wien in Empfang. Tags darauf wurde Österreichs größte Glocke zum ersten Mal geläutet, allerdings auf einem provisorischen Glockenstuhl. Ihr eigentlicher Bestimmungsort, der Nordturm des Stephansdoms, war bei dem Brand 1945 beschädigt worden und zu diesem Zeitpunkt noch nicht wieder aufgebaut.

Erst am 5. Oktober 1957 konnte die Pummerin schließlich aufgezogen werden, und am 13. Oktober ertönte sie erstmals im Turm.

Glockengießerei Pummerin St. Florian
Für die Pummerin musste eigens eine Gusshalle errichtet werden.  

Geburtsort

St. Florian – Geburtsort der Stimme Österreichs

Die Gründung der Glockengießerei in St. Florian war eine Entscheidung der Kirche

Ein Industriebetrieb wie die „Oberösterreichische Glocken- und Metallgießerei“, so die korrekte Bezeichnung, inmitten der bäuerlich geprägten Struktur von St. Florian, das hatte zu Beginn des 20. Jahrhundert Seltenheitswert. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges, in dem zahlreiche Kirchenglocken beschlagnahmt und zu Kriegszwecken eingeschmolzen wurden, entschieden sich hohe Geistliche jedoch genau zu diesem Schritt. Ein pragmatischer Entschluss, um den nach Kriegsende erwarteten Bedarf an neuen Glocken zu decken. Am 17. Februar 1917 wurde die Gießerei gegründet, zu den Gesellschaftern zählten neben der Diözese Linz auch zahlreiche Klöster (unter anderem Admont, Altenburg, Göttweig, Lambach, Reichersberg, Schlägl, Schlierbach, Wilhering und St. Florian).

Als erster Direktor wurde Anton Gugg eingesetzt, der bis 1914 in Linz seine eigene Gießerei betrieben und 1901 die Glocke des Linzer Mariendoms gegossen hatte. Erst nach Ende des Ersten Weltkrieges und unter seiner Leitung nahm die Florianer Gießerei am 27. November 1919 ihren Betrieb auf.

Bis zum Anschluss 1938 verließen insgesamt 1618 Glocken das Unternehmen. Während der NS-Zeit enteignet, wurde der Betrieb nach 1945 wieder aufgenommen. Der Bedarf an Glocken war zunächst abermals groß, auch Hitler hatte die Kirchenglocken eingezogen. Etwa 2500 Glocken wurden nach 1945 hergestellt, die berühmteste sollte die neue Pummerin werden – gegossen unter Direktor Karl Geiß und Gussmeister Edmund Karl.

Gleichsam Symbol für den Wiederaufbau läutete die Pummerin jedoch den Niedergang der Glockengießerei St. Florian ein. Der Bedarf an neuen Glocken war bald gedeckt. Nachdem 1973 der Glockenguss eingestellt worden war, meldete der Betrieb 1994 Konkurs an. Heute ist auf dem Gelände ein Technologie- und Innovationszentrum untergebracht.

Wissenswert

Abschied von der Pummerin
Die Glockenspeise wird eingeführt.

Wissenswert

Was Sie sonst noch über die "Stimme Österreichs" wissen sollten
 

  • Vorgängerin: Die alte Pummerin (1711-1945) war die im Südturm des Stephansdoms hängende Vorgängerin der jetzigen „neuen“ Pummerin. Sie wurde aus zurückgelassenen Kanonen der Zweiten Wiener Türkenbelagerung gegossen. Hieß sie bis zum 19. Jahrhundert offiziell „Josephinische Glocke“, wurde sie von der Bevölkerung aufgrund ihres tiefen Tons bald „Pummerin“ genannt.
     
  • 21.383 Kilogramm schwer ist die neue Pummerin (inklusive Klöppel). Mit ihren 2,94 Metern Höhe, ihrem Durchmesser von 3,14 Metern und ihrer Wandstärke von 23 Zentimetern ist sie die größte Glocke Österreichs, die drittgrößte Glocke West- und Mitteleuropas, die fünftgrößte freischwingend läutbare Glocke der Welt und die weltweit zweitgrößte freischwingend läutbare in einer Kirche.
     
  • Reliefs: Franz Forster, Bildhauer aus St. Florian, hat die Reliefs der Pummerin angefertigt. Sie zeigen Motive von der Türkenbelagerung 1711, vom Brand des Stephansdoms 1945 und die Muttergottes.
     
  • Geläutet wird die Pummerin nur zu hohen kirchlichen Anlässen wie zu Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, am Heiligen Abend und am Stephanitag sowie zum Jahreswechsel; weiters bei besonderen Anlässen, etwa beim Tod des Papstes oder des Bundespräsidenten.
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