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Kultur

"Zerstörerische Kräfte wurden frei"

Von Nora Bruckmüller  10. April 2020 00:04 Uhr

"Zerstörerische Kräfte wurden frei"
Das Schauspielerduo Martin Zauner (l.) und Alexander Knaipp

Am Montag feiert der Film zum Mollner Wildererdrama Premiere.

"Ich habe selten einen solchen Dreh erlebt, den von Beginn an ein so positives Gefühl bestimmt hat. Das lag daran, dass die Menschen im Steyrtal irrsinnig motiviert waren", sagt Regisseur Fritz Kalteis.

Der St. Pöltner hat die TV-Produktion "Wilderer – Rebellen der Berge" realisiert, Premiere ist am Ostermontag auf Servus TV (20.15 Uhr). Die Geschehnisse, die Kalteis darin mit Spielszenen, Experten und Archivmaterial rekonstruiert, handeln von einem mehr als 100 Jahre alten Kapitel Landesgeschichte: dem Wildererdrama von Molln. Ein Ereignis, so brutal und im Rückblick schmerzhaft, dass Kalteis’ positive Überraschung über das lokale Engagement rasch verständlich wird.

Am 14. März 1919 kam es im Mollner Gasthaus Dolleschal zum Kampf zwischen Wilderern und Gendarmen. Vier junge Wilderer wurden getötet. Es war der Höhepunkt eines sozialen Dramas, das Kalteis akkurat analysiert hat, um es künstlerisch nachzuerzählen. Der Erste Weltkrieg und die Monarchie waren seit wenigen Monaten Geschichte, eine demokratisch ungeübte Republik sollte alles ordnen. In Molln litten die Menschen Hunger. Um ihnen zu helfen, hätte der herrschende Graf von Lamberg per Landesbescheid längst 80 Prozent des Wildbestandes zum Abschuss freigeben sollen, was er nicht tat. Junge Heimkehrer, die der Krieg Schießen und Töten gelehrt hatte, jagten illegal.

"Zu ihrer Not kam der Thrill, der höheren Macht zu zeigen: Jetzt sind wir dran." Adel und "einfache" Bürger standen plötzlich auf derselben sozialen Stufe. "Große zerstörerische Kräfte wurden freigesetzt." Einer der Wildererbande, die sich in Molln gebildet hatte, erschoss den Förster des Grafen. Dessen Kollege tötete wiederum einen jungen Wilderer – die Kugel traf ihn im Rücken. Wie sich all dies bis zum Kampf im Gasthaus Dolleschal aufschaukelte, im Herbst 2019 im Hoisn-Haus Molln inszeniert, einer der einst größten Maultrommelschmieden, erzählt Kalteis aus der Sicht von August Popp. Dem echten, aber längst verstorbenen Anführer der Wilderer.

Ihn spielt Schauspielprofi Martin Zauner. Im Gasthaus Forsthub, zu Popps Wohnzimmer umgestaltet, gibt der Welser im breiten Dialekt Popps Geschichte preis. So wie es das reale Vorbild in den 60ern gegenüber einem Journalisten tat, den der Trauner Alexander Knaipp verkörpert. Die Originalaufnahme dieses Gesprächs wurde zum wertvollen Dokument für die Figur des jungen Popp, gespielt von Dominic Marcus Singer ("Der Pass", "Der Taucher").

"Das Dirndl ist der Wahnsinn"

Außer in diesen drei Rollen sind nur Laien aus der Region zu sehen – so erzählen zwei Enkel Popps von ihrem Großvater und geben Wilderer.

Frauen rückte Kalteis bewusst in den Fokus. "Sie hielten damals das Land am Leben. Eine reine Männergeschichte wäre für das 21. Jahrhundert auch unbefriedigend." Besonders beeindruckt war Kalteis von Miriam Russmann, der Tochter von Maultrommelikone Manfred Russmann, der auch Musik beisteuerte. Sie gibt die junge Kellnerin Kathl, mit deren Augen man das Drama im Gasthaus Dolleschal sieht. "Beim Schneiden ihrer Schlussszene hatte ich immer wieder Gänsehaut. Dieses Dirndl ist der Wahnsinn."

Artikel von

Nora Bruckmüller

Redakteurin Kultur

Nora Bruckmüller
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