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Kultur

"Wir haben immer einen Spielraum"

Von Nora Bruckmüller   25. September 2020 00:04 Uhr

"Wir haben immer einen Spielraum"
Johannes Neuhauser

Der Theaterverein Etty gibt der Spiritualität Taizés eine Bühne.

Seine nächste szenische Lesung plante der Linzer Theaterverein Etty dem "Sex in Linz" zu widmen. Dann kam Corona. "Und alles, was unser Menschsein betraf, wurde sehr fragil. Man spürt bis heute, wie schnell das Leben in die eine oder andere Richtung schwenken kann", sagt Schauspielerin Bettina Buchholz.

"Daher entstand bei uns das Bedürfnis, der Unsicherheit etwas entgegenzusetzen, was größer ist. Ein Stück, das weit über das Momentane, das Kleine, das eigene Leben, das eigene Land hinausreicht", sagt die gebürtige Deutsche, die das Frühjahr 2020 an die Wende erinnerte. Daran, zu viel Geschichte in zu kurzer Zeit erlebt zu haben.

Buchholz und ihr Mann, Regisseur und Therapeut Johannes Neuhauser, beschlossen, das Körperliche sein zu lassen. Ihrem Stil typisch, erzählen sie im Stück "Vertrauen wie Feuer" – ab 25. 9. in Puchberg bei Wels zu sehen – von einer speziellen Vita und Ideen eines guten Lebens. Sie wandten sich einer der "bedeutendsten spirituellen Figuren des 20. Jahrhunderts neben Mutter Teresa" zu: Frère Roger Schutz (1915-2005).

Zwischen Raub und Würde

"Er hat Außergewöhnliches geleistet. Er gründete eine ökumenische Bruderschaft, in der Männer verschiedenster Konfessionen miteinander leben, arbeiten und beten", sagt Neuhauser.

Bruder Rogers Gemeinschaft besteht seit 1942 in Taizé. Jedes Jahr lockte sie Zehntausende Junge aller Konfessionen in die kaum 200 Einwohner zählende französische Gemeinde, um in jener Spiritualität aufzugehen, wie sie Frère Roger vorlebte und versuchte, in Impulsen weiterzugeben. Ihm ging es um Balance und Offenheit. Um Kampf wie Kontemplation, darum zu helfen und zu teilen, genauso wie doch gut und schön zu leben. Als Journalist und Filmemacher durfte Neuhauser für den ORF und das deutsche Fernsehen ein persönliches Werk über Frère Roger realisieren. Der an sich scheue Geistliche ließ den Welser gewähren, weil er die Ideen Taizés durchdrungen hatte.

Während des Drehs, der sie in die Slums auf den Müllhalden von Manila führte, geschah etwas, was zwischen Neuhauser und dem Taizé-Prior auf tragische Weise einzigartige Nähe erzeugte. "Wir wurden Opfer eines schweren Raubüberfalls, auf den Kameramann wurde sogar geschossen. Danach hat er uns wie seine Brüder behandelt. Ich denke, weil er erkannte, welches Risiko wir eingingen, um von ihm zu erzählen." Nie vergessen wird Neuhauser auch, wie er im Elend Manilas sterbende Kinder sah, "Kinder, denen Würmer aus der Nase krochen".

"Frère Roger machte mir begreifbar, dass es eine Menschenwürde gibt, einen heilen Kern, der unzerstörbar ist. Man muss lernen, genau das in solchen Menschen zu sehen. Sonst hältst du es gar nicht aus", sagt Neuhauser. Buchholz liebt einen Satz des Bruders, den ihr Mann zu ihr sagt, wenn es ihr schlecht geht. "Gott verurteilt niemanden zur Untätigkeit. Wir haben immer einen Spielraum, können kreativ sein. Auch jetzt in der Zeit von Covid-19." Sie hätte immer Lust gehabt, sagt die frühere Landestheater-Darstellerin, selbst Frère Roger zu spielen. "Aber wir haben bald erkannt, dass es schauspielerisch nicht gut wäre, sich die Schuhe einer solchen Überfigur anzuziehen, die Sätze raushaut, die man erst einmal sacken lassen muss."

"Tausende in absoluter Stille"

Deshalb wird sie im Stück zum Mittler zwischen dem Taizé-Gründer, der in Originalaufnahmen von der Leinwand spricht, und dem Publikum. Dafür schlüpft sie in die Rolle eines Mannes, die sich am Leben ihres eigenen orientiert. Neuhauser wurde von Taizé geprägt, als er 18, 19 Jahre alt war. Von der ersten großen Liebe verlassen, fuhr er mit Bandkollegen im VW-Bus 20 Stunden lang zum dortigen Jugendtreffen. Die Mitmusiker waren an Mädels, Wein, Baguettes und Käse interessiert.

Neuhauser aber zog es "wie magisch" in eine Betonkirche am Rande der Zeltstadt, in der er in ein Gebetsritual stolperte. "Ich dachte zuerst, das muss eine christliche Sekte sein." Tausende saßen am Boden, stimmten in Gesang ein, kurze Bibelstellen wurden gelesen. "Dann kam, zu meiner Überraschung, absolut nichts. Tausende verharrten 15 Minuten lang in Stille." Ein Erlebnis, durch das Spiritualität für Neuhauser zum Lebensthema wurde.

Infos 

„Vertrauen wie Feuer – Begegnungen mit Frère Roger, Gründer von Taizé“ zu sehen im Bildungshaus Schloss Puchberg bei Wels. Premiere: 25. 9., 19.30 Uhr, Weiters: 4. 10. , 15. 11., 18 Uhr; Karten: Tel. 07242/47537, puchberg@dioezese-linz.at www.schlosspuchberg.at Das Stück handelt aus teils autobiografischer Sicht des Regisseurs vom Leben des Bruders, beginnend in den 1960ern bis dieser 2005 von einer psychisch kranken Frau tödlich verletzt wurde.

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