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Kultur

"Wie ein Bier zu heißen, fand ich jetzt auch nicht sonderlich toll"

Von Helmut Atteneder  14. Februar 2020 00:04 Uhr

Jakob Lena Knebls "Frau 49 Jahre alt" derzeit im Kunstmuseum Lentos

Jakob Lena Knebl setzt sich mit Humor über Grenzen hinweg. Derzeit im Lentos zu sehen.

Die Arbeit der Wiener Künstlerin Jakob Lena Knebl passt in keine Schublade. Gesellschaftspolitischen Themen nähert sich die 49-Jährige, die eigentlich Martina Egger heißt, mit gnadenloser Offenheit, garniert mit einem ordentlichen Schuss Humor.

Auf diese Weise bereitet Knebl dem Publikum einen niederschwelligen Zugang zu an sich schwer vermittelbaren Themen. Als Transportmittel wählt sie dabei oft ihren, eigenen, begnadeten Körper, der – wie sie selbst sagt – außerhalb der Norm liegt. Seit ihrer Ausstellung im Wiener Museum für Moderne Kunst im Jahr 2017 ist Knebl ein aufgehender Stern am heimischen Kunsthimmel. Ihre aktuelle Schau „Frau 49 Jahre alt“ ist derzeit im Linzer Kunstmuseum Lentos zu sehen.

OÖNachrichten: Frau Knebl, warum berührt Ihre Kunst die Menschen?

Jakob Lena Knebl: Ich verführe durch eine gewisse Sinnlichkeit, aber auch Humor ein Stück weit zu Themen, die vielleicht nicht so leicht sind. Das kann jetzt sein, dass ich meinen nackten Körper als Picasso-Bild bemalen lasse. Und dass man dann mit Humor etwas transportieren kann, was man ansonsten nicht nehmen könnte, weil die Barriere zu groß wäre. Aber so passiert es durch ein Hineinstolpern.

Sie haben auch deshalb eine hohe Authentizität, weil Sie in Ihre Kunst Ihren Körper einbringen. Ein Körper, der – wie Sie sagen – außerhalb der Norm ist. Da gehört Mut dazu. Sie aber haben großen Spaß dabei.

Ich habe in meinem Leben viele Todesfälle erlebt. Da fragt man sich dann, ist es wirklich so schlimm? Es geht mir um die Frage, wohin wollen wir uns entwickeln in unserem Leben, was wollen wir erleben? Dann werden manche Dinge ganz harmlos. Wir müssen Risiken eingehen, sonst kommt keine Bewegung in unser Leben. Ohne Risiko kann man zwar nicht auf die Nase fallen, aber wir kriegen auch nichts. Es geht mir schon ein Stück weit darum, die Menschen zu ermutigen: Es geht! Das kann man schon machen!

Sie haben zehn Jahre lang als Altenbetreuerin gearbeitet. Inwieweit hat das Ihre spätere Arbeit als Künstlerin beeinflusst?

Sehr. Und zwar in der Form, dass der Körper so im Zentrum ist, so ein Bewusstsein für Endlichkeit. Ich möchte gar nichts missen von den Herausforderungen, die ich schon erlebt habe. Dadurch sieht man den Kunstkontext anders und hat eher das Bedürfnis, bis ins Populäre zu gehen und zu sagen, da habe ich keine Grenze.

Ist dieses Verankertsein im richtigen Leben die Basis Ihrer Kunst?

Sich etwas zu trauen, etwas zu wagen, zu schauen, was ist unsere Identität – das interessiert mich. Wo setzen wir uns selbst eine Grenze? Wir kennen das gesellschaftlich, durch Normen oder Repressalien, dass wir sagen, das kann ich nicht, das traue ich mir nicht zu. Und dann schiebt man diese Träume so ein Leben lang hin. Und dann ist es zu spät. Das ist für mich das ganz große Thema und das lebe ich in meiner Kunst aus, weil man da diese Sinnlichkeit und Ästhetik verwenden kann.

Wo haben Sie Grenzen?

Ich würde gern viel mehr reisen und habe Flugangst. Das ist lästig, das geht mir so auf den Wecker, mit meiner Klaustrophobie. Und singen. Ich finde, singen ist noch intimer, als nackt zu sein.

Wie unterscheiden sich die beiden Persönlichkeiten Martina Egger und Jakob Lena Knebl?

Die Martina Egger, das ist eine Erinnerung an die Schulzeit. Wenn ich den Namen schon höre, dieses Mahddinah … Und wie ein Bier zu heißen, fand ich jetzt auch nicht sonderlich toll. Jakob und Lena waren die Vornamen meiner Großeltern, Knebl ihr Nachname. Also, ich fühle mich da sicherer. Transgender war schon lange ein Thema, und daher kommt ja diese Faszination für Transformation. Eigentlich geht es um diese Bewegung, diese Veränderung, sich selbst den Radius zu erweitern.

Menschen, die als Transgender leben, haben oft eine lange Leidensgeschichte.

Ich versuche, etwas zu produzieren, das möglichst viele anspricht, und mithilfe von Ästhetik, Sinnlichkeit und Humor auch schwierige Themen reinzubringen. Man muss möglichst vielen Menschen vermitteln können, was Rechte für Minderheiten für ihr eigenes Leben bedeuten. Wenn eine Minderheit Rechte zugesprochen bekommt, bedeutet das auch immer eine Befreiung für eine Mehrheit. Weil das ja wieder rückgängig gemacht werden kann. Es ist sehr fragil, was da erkämpft wurde.

Transgender ist aber oft auch mit sehr großer Ablehnung durch eine Mehrheit verbunden.

Weil es natürlich wahnsinnig irritiert. Identität bildet sich in einer Abgrenzung zu einer anderen Identität. Wir haben Bilder, wie ein Mann oder eine Frau zu sein hat. Das sind willkürliche Bilder, weil eine Frau ja nicht mit einem Rock-Gen auf die Welt kommt. Wenn jemand diese Grenze durchbricht, sind wir irritiert.

Fühlen Sie sich als Mann oder als Frau?

Ich fühle mich als Künstlerin. Ich gehe nicht von A nach B. Irgendwann gehe ich dann wieder woanders hin.

Artikel von

Helmut Atteneder

Redakteur Kultur

Helmut Atteneder
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