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„Vielleicht ist irgendwo in der dritten Reihe von links ein Toter eingeklemmt“

Von Nora Bruckmüller   16.Juli 2021

"Die Panik ist nicht gespielt"
Mit „Die beste aller Welten“ feierte Verena Altenberger („Magda macht das schon“) einen Kinohit, mit „Me, We“ kehrt sie auf die große Leinwand zurück.

Im "Jedermann" gibt die 33-Jährige die Geliebte des reichen, sterbenden Mannes, in "Me, We" verkörpert sie Marie, die fliehenden Menschen in Booten an Lesbos’ Strand helfen will.

OÖNachrichten: Was hat Sie an diesem Filmprojekt gereizt?

Verena Altenberger: Ich fand das Drehbuch sehr gut. Es handelt von Antirassismus und Asylpolitik – Themen, die mich auch vor dem Dreh bereits sehr stark interessiert haben. Dann kannte ich den ersten Film des Regisseurs, den ich sehr mochte – „Agonie“. Das heißt, ich war auch an der Regie interessiert. Dann hat mich gereizt (überlegt kurz) – obwohl das Wort „gereizt“ ein seltsamer Begriff für den Zustand ist, den wir beim Dreh auf Lesbos erlebt haben, im Grunde ist so ziemlich jeder Begriff seltsam in Bezug auf die Situation dort. Was ich sagen wollte: Wir haben mit vielen Laien, Freiwilligen, Geflüchteten, Menschen ohne Obdach, „echten Menschen“ zusammengearbeitet. Das hat mir auch sehr gut gefallen.

Gereizt ist wirklich ein seltsames Wort.

Ja, aber es gibt jetzt auch wirklich kein passendes Wort. Denn in diesem Zusammenhang und bezogen auf die Situation der Menschen auf Lesbos kann man nichts Richtiges sagen.

Auf Lesbos zu drehen, muss eine emotionale Herausforderung sein – auf der einen Seite Urlaubskulisse, andererseits Menschen, die ertrinken. Wie haben Sie das empfunden?

Lesbos ist wirklich ein arger Ort. Das wirklich Absurde dort war auch, dass die Dinge, die wir dort gedreht haben, ja auch genauso parallel in der realen Welt passieren. Als wir die Szene drehten, in der meine Figur der Marie auf den Klippen sitzt und das Meer beobachtet, um Boote mit Geflüchteten auszumachen, saß 50 Meter entfernt jemand, der wirklich beobachte, weil dort wirklich Menschen auf der Flucht ankommen und ertrinken könnten. Alles, was wir in diesem Film zeigen, hat neben uns real stattgefunden. Und noch einmal daneben sind Touristen und Touristinnen gelegen. Es passiert alles parallel und gleichzeitig auf dieser Insel. Ich habe jetzt schon ein paar Mal gehört, dass die Figur der Marie überzeichnet sei und sie übertrieben handeln würde.

Und was halten Sie davon?

Ganz ehrlich, das habe ich mir am Anfang auch gedacht. Als ich im Drehbuch die Szene gelesen habe, in der Marie alleine auf das Meer hinausfährt, weil sie Menschen retten will, hatte ich auch etwas das Gefühl, dass das etwas übertrieben ist. Ich dachte mir: Die fährt da alleine raus, das ist auch dumm in dieser Situation.

Aber?

Dann bist du dort, und jeden Tag in der Früh gehen Menschen dort den Strand ab, um zu sehen, ob es vielleicht Leichen angespült hat. Und in diesem Moment wird dir klar, dass das, was Marie tut, überhaupt nicht übertrieben oder überzeichnet ist. Ihr Handeln entspricht der Realität. Wenn man an der Donau entlang spazieren geht, und man sieht einen Menschen ertrinken, würde man auch alles tun, um denjenigen zu retten.

Eine sehr packende Szene ist die, in der Marie mit anderen Freiwilligen übt, Menschen am Ufer aus vollen Booten an Land zu bringen. Man sieht, dass das alles andere als eine einfache Bootsrundfahrt ist. Was haben Sie davon mitgenommen?

Ja, in der Bootszene ist sehr viel Augenöffnendes dabei. Wie gesagt, bin ich politisch schon immer sehr an Asyl- und Migrationspolitik interessiert gewesen, und es ist auch kein Geheimnis, dass ich politisch eher links der Mitte bin. Und ich dachte irgendwie, ich kenne mich ein Stück weit aus. Dann waren wir dort. Und das Erste, was ich verstanden habe, war, dass ich bisher überhaupt nichts verstanden habe – von diesem unermesslichen Leid und dieser unermesslichen Hoffnungslosigkeit, die auf dieser Insel gezüchtet werden.

Unter Ihren Mitspielern war die Leiterin eines echten Camps, in dem Freiwillige Geflohene aus Booten an den Strand helfen. Was hat sie Ihnen vermittelt, was Ihnen davor nicht bewusst war?

Sie hat gesagt: Sie werden Panik haben, wenn sie ankommen. Ich war so dumm und dachte mir: Wieso bekommen sie Panik, wenn sie doch an Land ankommen? Jetzt sind sie ja da. Da hat sie zu mir gesagt, warte mal, bis wir die Übung machen ...

Und dann haben Sie es verstanden?

Ja, denn jede noch so kleinste Welle, die einem Badenden überhaupt nichts ausmacht, kann in dieses Boot gehen und bringt es zum Kentern. Da sind zwischen 50 und 100 Menschen in diesem einen Gummiboot, die alle knien müssen. Sie verbringen Stunden auf offener See, und du kannst so nicht einmal dein Gewicht von links nach rechts verlagern. Du spürst logischerweise deine Beine nicht mehr. Du kannst dich nicht mehr bewegen, und deshalb kann man in Wasser, das einen Meter tief ist, ertrinken. Vielleicht ist irgendwo in der dritten Reihe von links ein Toter eingeklemmt. Sie kommen frisch aus einer Nacht voller Panik auf diesem offenen, weiten Meer und können vielleicht gar nicht schwimmen. Nur weil Menschen drei Meter vom Strand entfernt sind, heißt es nicht, dass irgendetwas überwunden ist.  Wenn du so etwas erklärt bekommst, denkst du dir, wie dumm war ich nur, dass ich überhaupt danach gefragt habe.

Sie steuern als Marie ein Speedboot. Sind Sie es selbst gefahren?

Ja, ich habe das bereits in Berlin geübt, damit beim Dreh alles passt.. Auf Lesbos hatte ich noch einen Speedboot-Lehrer, damit ich auch auf dem offenen Meer fahren konnte. Das war schon unheimlich, vor allem in der Nacht. Er hat einmal zu mir gesagt: Da kann dir ja nichts Schlimmes passieren. Das Schlimmste ist, dass du über eine Leiche fährst. Das ist dort Realität.

Marie ist alleine mitten in der Nacht auf offener See – im Wasser. Man hat den Eindruck von völliger Isolation und Ohnmacht gegenüber der Natur. Wie haben Sie das beim Drehen empfunden?

Die Panik, die man in dieser Szene sieht, ist ehrlicherweise nicht gespielt. Ich hatte wahnsinnige Angst. Ich war noch nie in meinem Leben in der Nacht am offenen Meer kilometerweit draußen, geschweige denn schwimmend. Gleichzeitig habe ich mir gedacht, ich bin doch in der luxuriösesten Situation hier, ich bekomme Geld dafür. Ich habe eine Schwimmweste an, irgendwo unter mir ist ein Rettungstaucher. Ich kann schwimmen. Und wenn ich rauskomme, hält mir eine Assistentin einen heißen Tee und eine Decke hin, damit sich die Schauspielerin wieder aufwärmen kann. Das war beim Dreh auch eine Absurdität, mit der ich immer wieder konfrontiert war. Nämlich, dass es mir teilweise nicht gut ging, weil es anstrengend und angsteinflößend war, was gleichzeitig aber so lächerlich ist, weil andere dort um ihr Leben kämpfen.

Das war ein Dreh, den Sie nicht so schnell vergessen werden?

Absolut. Ich kenne Dreharbeiten, die psychisch und körperlich anstrengend sind. Bei denen denke ich mir: Wenn der Film gut wird, dann ist das alles wert gewesen. Aber diese Dreharbeiten an sich waren für mich allein so eine wertvolle Erfahrung. Ich habe so viele Menschen kennengelernt, mit denen ich jetzt noch Kontakt habe und die mein Leben bereichern und deren Leben ich hoffentlich auch ein Stück weit bereichern kann, indem ich sie unterstütze.

In Ihrer Generation ist man mit der Aktion „Nachbar in Not“ aufgewachsen, ist mit Kindern von Gastarbeiterfamilien und Überlebenden des Balkankriegs in die Schule gegangen und befreundet. Hat Sie die politische Reaktion in Österreich und in der EU auf die Flüchtlingskrise überrascht, die ja nicht diesen Werten des Zusammenhalts entspricht?

Ja, aber eines vorweg: Was ich auch erst lernen musste, und das bei diesem Dreh, ist Worte wie Flüchtlingskrise oder Flüchtlingswelle nicht zu verwenden. Die Freiwilligen, mit denen wir gearbeitet und die uns begleitet, haben mir das von Anfang an beigebracht. Denn eine Krise ist eine Krise, eine Welle ist ein Naturphänomen, und ein Tsunami ist eine Naturkatastrophe. Aber nichts davon stimmt als Bezeichnung für die Geschehnisse von 2015. Nichts davon stimmt, wenn es darum geht, dass Menschen leiden. Diese Begriffe sind alles Entfremdung, die der Sprache Leid und Brutalität rauben sollen. Sie verdinglichen und nehmen Emotionen raus. Es ist ganz etwas anders, wenn man sagt, es sind Menschen auf der Flucht, die sterben können, die Angst und Panik haben. So spricht man über Menschen und nicht einfach über ein Phänomen, das man möglichst sachlich beschreiben möchte. Zu den Geschehnissen 2015 möchte ich sagen, dass es für mich wirklich schrecklich war, weil ich das erste Mal die Auswirkungen von Krieg vor der eigenen Haustüre erlebt habe.

Sie sind als Buhlschaft auf dem Salzburger Domplatz zu sehen. „Jedermann“ dreht sich um ein zentrales Thema, das Geld, den Mammon. Ist Geld für Sie etwas, das Ihnen ganz rational betrachtet Sicherheit ermöglicht, oder können Sie durchaus den Hang zur Gier nachvollziehen?

Grundsätzlich ist mir die Gier auf Geld schon sehr fern. Aber auf jeden Fall ist es etwas, das Sicherheit geben kann. Ich habe erst kürzlich mit einer Freundin darüber gesprochen, was wir als Kinder als reich definiert haben.

Und was war das?

Als Kind habe ich mir immer gedacht – meine Eltern hatten anfangs nicht so viel Geld –, dass man reich ist, wenn man in jedes Geschäft gehen und sich einfach kaufen kann, was man will, ohne darüber nachzudenken. Wirklich jedes Geschäft – von Spar bis Gucci.

Und wie sieht das heute aus?

(lacht) Ich bin noch weit davon entfernt, dass ich mir in jedem Geschäft ohne nachzudenken das kaufen könnte, was ich wollte. Ich kann vielleicht in den H&M reingehen und muss nicht groß darüber nachdenken. Aber ich könnte bestimmt nicht zu Gucci gehen und das machen. Aber heute ist das nicht mehr meine Definition von Reichtum. Und auch nicht mehr die Art von finanziellem Reichtum, die ich anstrebe.

Und welche wäre das?

Ich möchte heute so reich sein, dass ich mir keine finanziellen Sorgen machen müsste, wenn ich ernsthaft krank werden würde oder mich jemand verklagt. Oder ich jemanden verklage (lacht). Ich kenne ein paar Menschen, die von Geburt an reich sind und die so eine besondere Art von Selbstsicherheit ausstrahlen. Ich meine gar nicht, dass sie als Person immer per se super selbstsicher sind. Aber sie haben durch ihren Reichtum ein bestimmtes Grundvertrauen darin, zu sagen: Mir kann eh nicht soo viel passieren. Was für mich heutzutage Reichtum und Sicherheit bedeutet, ist die private Kranken-, Haftpflicht- und Rechtsschutzversicherung zahlen zu können, den Selbstbehalt für ein Einzelzimmer im Krankenhaus. Irgendwie finde ich es auch absurd, dass sich in einem Land wie Österreich Schutz und Sicherheit dahingehend definieren, was man sie sich vom Geld her leisten kann. Hier ist die Rechtssicherheit nicht fair verteilt.

Worin zeigt sich das in Ihrem Beruf der freischaffenden Schauspielerin besonders?

Eines beschäftigt mich in Gedankenexperimenten immer wieder: Ich bin selbstständig, habe keine durchgehende Anstellung, arbeite sehr, sehr viel – und trotzdem hätte ich keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, geschweige denn auf Karenz – von der Altersvorsorge gar nicht erst zu reden... Wenn eine Schauspielerin in meiner Lebenssituation ein Kind bekommen würde, dann muss sie sich das leisten können, und wenn das nicht so ist, dann kann sie sich ihr eigenes Kind nicht leisten.

Welche Herausforderungen haben Mütter im freischaffenden Schauspiel, die öffentlich nicht bewusst sind?

Zum Beispiel die vielen projektbezogenen Ortswechsel. Da kannst du nicht mit einer Tagesmutter oder einem fixen Kindergarten arbeiten, sondern brauchst Au-pairs oder Kindermädchen, die mitreisen. Aber welche Produktionsfirma zahlt dir denn diese dann sehr hohen Betreuungskosten? Da musst du schon bei den obersten eineinhalb Prozent der Schauspielerinnen dabei sein und dir das in den Vertrag verhandeln. Wenn nicht, wirst du die Kinderbetreuungskosten von deiner Gage zahlen, und die geht dann dafür drauf. Das ist dann ein Nullsummenspiel.

Wäre sich das leisten zu können, Reichtum für Sie?

All das nicht bedenken zu müssen, wäre definitiv Reichtum. Davon bin ich aber noch ein gutes Stück entfernt.

Was finden Sie an der Buhlschaft feministisch und emanzipatorisch?

In ihrem Text gibt es mehrere Zeilen, die ganz genau zeigen, dass diese Frau in der Lage ist, Grenzen zu spüren, zu ziehen und zu artikulieren. Das finde ich ist ein großes Thema für Frauen. Ich persönlich bin immer noch wahnsinnig schlecht darin, Grenzen zu ziehen, klar nein zu sagen. Ich muss das immer noch üben. Es passiert noch sehr oft, dass meine Grenzen überschritten werden – sowohl in beruflichen wie im privaten Zusammenhängen. Ich spüre zu spät, dass gerade jemand darüber gegangen ist, oder ich spüre es genau, und ich schaffe es nicht, für mich selber einzustehen. Ich bin nicht immer selbstbewusst und habe auch viel Unsicherheit in mir. Ich kann sagen, ich bin selbstbewusst in meinem Frausein und trotzdem passiert mir das auch immer wieder. Deshalb muss ich sagen, dass das ein Aspekt an der Buhlschaft ist, der nicht zu unterschätzen ist.

Vor allem als sie sich weigert, mit ihm in den Tod zu gehen.

Sie sagt ihm: bis dahin und definitiv nicht weiter. Es gibt auch eine Szene, in der Jedermann davon schwärmt, wie er sich alle, die hier sind, kaufen könnte. Alle echauffieren sich oder lachen. Und die Buhlschaft fragt sinngemäß, ob er auch über ihre Käuflichkeit spreche? Und ich übersetzte das einfach einmal in meine Worte: Dann geh und schleich dich!

Verena Altenberger als Marie im Film „Me We“

Alle Infos zur OÖNachrichten-Filmnacht

Im Kinofilm „Me, We“ verbinden sich vier Episoden zum Thema Flucht und Migration: Marie (Verena Altenberger) bricht nach Lesbos auf. Gerald (Lukas Miko) müht sich als Leiter eines Flüchtlingsheims. Marcel (Alexander Srtschin) glaubt, junge Frauen vor „Fremden“ schützen zu müssen. Petra (Barbara Romaner) will Mohammed in Österreich integrieren. Regie: David Clay Diaz. Am 22. 7., 20 Uhr, feiert „Me, We“ im Linzer Moviemento Kino mit Altenberger OÖ-Premiere.

OÖN-Filmnacht: 10x2 Karten für "Me, We" zu gewinnen

Vom Domplatz zur OÖN-Filmnacht: Im Kinofilm „Me, We“ verbinden sich vier Episoden zum Thema Flucht und Migration: Marie, verkörpert von „Buhlschaft“ Verena Altenberger, bricht nach Lesbos auf. Gerald (Lukas Miko) müht sich als Leiter eines Flüchtlingsheims. Marcel (Alexander Srtschin) glaubt, junge Frauen vor „Fremden“ schützen zu müssen. Petra (Barbara Romaner) will Mohammed in Österreich integrieren. Regie: David Clay Diaz. 


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