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Kultur

Ta ta ta taaaa: 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven

Von Bernhard Lichtenberger  08. Februar 2020 00:04 Uhr

Beethoven-Statue in Bonn
Beethoven-Statue in Bonn

Revolutionär, Grantler, Visionär, Frauenheld, Gigant, Verzweifelter. Zum 250. Geburtstag wird Beethoven zur Litfaßsäule für Etiketten.

Das mit dem Geburtstag ist so eine Sache. Wann genau Ludwig van Beethoven das Licht der Welt erblickte, blieb im Dunkeln. Fest steht nur, dass er am 17. Dezember 1770 in Bonn getauft wurde. Gefeiert wird ohnehin das ganze Jahr, mit Konzerten, Ausstellungen, Festivals. Wenig überraschend hat Lonely Planet in seiner Reisebuch-Reihe "Best in Travel" die Geburtsstadt des genialen Komponisten in die Top 5 jener Städte gehievt, die man 2020 unbedingt besuchen sollte.

Die geballte Verehrung wirkt wie eine Überdosis, der es nicht bedürfte, denn Beethoven ist längst in die Popkultur eingegangen. An ihm kommt man nicht vorbei. Andy Warhol hat den Meister mit der ungezähmten Frisur in der Farbenpracht der Pop-Art bepinselt. Im fetzigen Hadern "Roll Over Beethoven" von 1956 fordert Chuck Berry den Klassik-Heroen auf, sich im Grab umzudrehen und Tschaikowsky zu verkünden, dass der Rock ’n’ Roll die klassische Musik verdrängt.

Die Bagatelle "Für Elise" düdelt nicht nur als Klingelton aus Handys. Mehr als einmal griffen Filmemacher auf das Stück zur musikalischen Untermalung zurück. Roman Polanski setzte es im Horrorstreifen Rosemaries Baby ein, Quentin Tarantino leitet mit der Fingerübung in Inglourious Basterds den Auftritt des wortgewandten Bürokraten des Nazi-Grauens, Hans Landa, ein.

Die Aneignung seines faszinierenden Oeuvres bedingte, dass Teile zu weltumspannenden Ohrwürmern avancierten. Das schicksalhafte "Ta ta ta taaaa" der 5. Sinfonie ist mindestens so populär wie das prägende Gitarrenriff von Deep Purples "Smoke on the Water".

Motive aus Beethovens Neunter begleiten Stanley Kubricks verstörendes Psychogramm Uhrwerk Orange – als Soundtrack zu einem Gewaltrausch. Die ihren Ludwig anbetende Brutalo-Figur Alex wird einer Schocktherapie unterzogen, die ausgerechnet von Melodien ihres musikalischen Heroen begleitet wird. Der vierte Satz der 9. Sinfonie ("Ode an die Freude") weckte stets die Begehrlichkeit der politischen Einverleibung. 1942, auf einer NSDAP-Feier zum 53. Geburtstag Adolf Hitlers, kündigte Propagandaminister Joseph Goebbels die Aufführung der Neunten unter dem Dirigat von Wilhelm Furtwängler pathetisch an: "Diesmal sollen die Klänge der heroischsten Titanenmusik, die je einem faustischen deutschen Herzen entströmten, dieses Bekenntnis in eine ernste und weihevolle Höhe erheben."

1972 wurden die 16 Takte ("Freude, schöner Götterfunken") zur Europahymne erhoben. 2017 ließ Emmanuel Macron seine Wahl zum französischen Präsidenten damit beschallen. Im selben Jahr fingen sich schottische Brexit-Gegner mit dem Absingen des "Song of Joy" im britischen Unterhaus einen lautstarken "Order"-Ruf ein. 

Brüche und Widersprüche gehören auch zum Leben des Wunderkindes Beethoven, das es trotz seiner Begabung nicht leicht hat. Die schwindsüchtige Mutter stirbt, als der Filius sieben Jahre alt ist. Der Vater, Sänger in der kurfürstlichen Bonner Hofkapelle, ist dem Alkohol verfallen. Mit 18 Jahren wird Ludwig deshalb die Vormundschaft über seine beiden jüngeren Brüder übertragen.

Weil Genies nicht nur vom Himmel fallen, sondern sich entwickeln, übersiedelt Beethoven als 21-Jähriger nach Wien, um bei Joseph Haydn Kompositionsunterricht zu nehmen. Zum Abschied schreibt ihm sein Freund und Förderer Graf Ferdinand Waldstein ins Stammbuch: „Durch ununterbrochenen Fleiß erhalten Sie: Mozarts Geist aus Haydns Händen.“

Der politisch modern denkende Beethoven hat Vertraute, mit denen er sich austauschen kann, auch über die konservativen Verhältnisse im habsburgischen Wien. „So lange der Österreicher noch Braun’s Bier und Würstel hat, revoltiert er nicht“, schreibt er 1794 ernüchtert an einen befreundeten Bonner Musikverleger.

„Falschheiten verachte ich“

An kunstsinnigen Unterstützern mangelt es nie. Obwohl er sich zu einer republikanischen Gesinnung bekennt, sucht der Revolutionär die Nähe des Adels. Nach dem Motto „Ohne Geld ka Musi“ lässt er sich von Fürsten Leibrenten auszahlen, um frei schaffen zu können. Doch ein Beethoven ist nicht brav am finanziellen Gängelband zu halten. Er neigt dazu, seine Meinung unverblümt von der Leine zu lassen. Seinem Gönner Karl von Lichnowsky teilt er zum Beispiel mit: „Fürst, was Sie sind, sind Sie durch Zufall und Geburt, was ich bin, bin ich durch mich; Fürsten hat es und wird es noch Tausende geben; Beethoven gibt’s nur einen.“ Und nach einem Streit schreibt er: „Falschheiten verachte ich – besuchen Sie mich nicht mehr!“

Als Geschäftsmann ist Ludwig van Beethoven mit allen Wassern gewaschen. Er spielt Verlage gegeneinander aus, treibt die Honorare hoch, kassiert Vorschüsse für Stücke, die er zu spät liefert. Seinem Personal begegnet er misstrauisch, davon zeugen Eintragungen im Haushaltsbuch mit den Preisen für Rindfleisch, Zucker oder Speck.

Zahlreiche Liebschaften begleiten den Aufstieg des Komponisten, der Zeit seines Lebens unverheiratet bleibt – und Krankheiten, die von der Bürde zur tiefen Verzweiflung führen. Im Alter von 27 Jahren fällt ihm auf, dass sein Gehör nachlässt. In seinem 1802 verfassten „Heiligenstädter Testament“, einem nie abgeschickten Brief an seine Brüder, beklagt er seine fortschreitende Ertaubung, die ihn in die gesellschaftliche Isolation treibt, Gedanken an den Selbstmord befeuert und – an einen zeitlich nahen Tod glaubend – ihn veranlasst, seinen Nachlass zu regeln. Dem Patienten werden für das Ohr Tropfen aus Mandelöl oder Meerrettich verschrieben. Sie wirken nicht.

Die Taubheit blockiert die Produktivität des eigenwilligen Formensprengers nicht. Er bringt es auf rund 700 Kompositionen, darunter neun Sinfonien, fünf Klavierkonzerte, 16 Streichquartette, 32 Klaviersonaten, zwei Messen und mit „Fidelio“ seine einzige Oper, die 1805 am Theater an der Wien uraufgeführt wird.

1827 geht es mit dem Star seiner Zeit zu Ende, was auch seinem Alkoholismus geschuldet ist. Als ihm ein Diener noch zwei Flaschen Rüdesheimer Wein ans Bett bringt, sollen seine letzten Worte „Schade, schade, zu spät“ gewesen sein. Am 26. März stirbt Beethoven. Dem Sarg folgen auf dem Trauerzug zum Währinger Ortsfriedhof etwa 20.000 Menschen. Der Schriftsteller Franz Grillparzer verfasst die Trauerrede: „Erinnert euch dieser Stunde und denkt: Wir waren dabei, als sie ihn begruben, und als er starb, haben wir geweint.“ 1888 wird er in ein Ehrengrab auf dem Zentralfriedhof umgebettet.

Ein Bestseller ist Beethoven bis heute geblieben. 5,1 Millionen Nutzer rufen monatlich einen seiner Titel auf Spotify ab. An der kurz vor seinem Tod begonnenen 10. Sinfonie arbeitet sich ein Team aus Musikwissenschaftern, Komponisten, Musikern und Computer-Experten ab: Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz sollen die Noten der Unvollendeten vollendet werden. Am 28. April wird das neue Stück aus der Vergangenheit uraufgeführt.

Ausstellungen: „Beethoven: Menschenwelt und Götterfunken“ bis 19. April im Prunksaal der Nationalbibliothek in Wien; „Beethoven – Welt.Bürger.Musik“ bis 26. April in der Bundeskunsthalle Bonn

Als Beethoven den Apotheker in Linz besuchte

Ein „schandvolle Verbindung“ führte Ludwig van Beethoven am 5. Oktober 1812 nach Linz. Ihm missfiel, dass sein Bruder Nikolaus Johann, der die alte Wasserapotheke am Hauptplatz betrieb, mit seiner Haushälterin amourös verbunden war. Die hatte – für die damalige Zeit mehr als unziemlich – ein lediges Kind.

Beethoven soll beim Stadtpfarrer, beim Bischof und bei der Polizei interveniert haben, um die Unliebsame aus dem Haus zu drängen. Der Bruderzwist endete damit, dass Nikolaus Johann mit Theresia den Bund der Ehe schloss und deren Tochter adoptierte.

Beethovens Linz-Besuch sollte aber auch in die Musikgeschichte eingehen, werkte er hier doch an der Endfassung seiner 8. Sinfonie. „Sinfonia Lintz im Monath October 1812“, vermerkte er handschriftlich auf dem Notenblatt. Zu einem öffentlichen Konzert war Beethoven während seines Aufenthalts allerdings nicht zu bewegen. Nur einige wenige durften ihn bei einer Soiree des Grafen Nikolaus Ludwig von Dönhoff hören, dessen Haus als Linzer Musikzentrum galt.

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