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Sprichcode

"sprichcode": Jugendliche in Wort und Bild

07. Januar 2012 00:04 Uhr

Jugendliche, mischt Euch ein!
Der »sprichcode« nimmt Dich ernst.

Hier ist die Jugend am Wort und am Drücker. Sichtweisen und Blickwinkel sind wieder gefragt beim von der Stadt Leonding ausgeschriebenen und von den OÖNachrichten unterstützten Literatur- und Fotowettbewerb „sprichcode“. Jugendliche aus ganz Österreich im Alter von 14 bis 19 Jahren sind aufgerufen, sich sprachlich und fotografisch auszudrücken. Bis 26. Februar 2012 können Texte und Bilder eingesendet werden, die besten Arbeiten werden prämiert, vorab sollen Auszüge zeigen, was alles in den Nachwuchs-Literaten und Fotokünstlern steckt.

Morgen-Stimmung

Lisa Stemberger (17),
Bezirk Linz-Land
Maria schlug die Augen auf, naja, sie versuchte es zumindest, denn sie waren so verklebt von der Wimperntusche, dass es sie einige Mühe kostete, sie aufzubekommen. Zum Abschminken war sie gestern nicht mehr in der Lage gewesen. Eigentlich wusste sie gar nicht mehr genau, wie sie ins Bett gekommen war, nur dass sie im Taxi eingeschlafen war. Doch daran war sie schon gewöhnt, so war es fast jedes Wochenende. (...)

Gestern hatte sie sich noch sorgfältig ein hübsches Gesicht aufgemalt und mühevoll blonde Locken gedreht, doch heute sah sie aus wie eine Karikatur ihrer selbst: Die Wimperntusche bröckelte ihre Wangen herunter und der verschmierte Kajal ließ ihre Augenringe noch tiefer erscheinen. Ihr Make-up war fleckig und gab Teile ihrer geröteten Haut frei. Auch ihr gestern noch so hübsches Haar hing schlaff und strähnig herunter. (...)

Sie betrachtete sich eine Weile im Spiegel, Bilder von gestern stiegen vor ihrem geistigen Auge auf, Bilder von Massen feiernder, betrunkener, grölender Jugendlichen und Maria mittendrin. Sie war gut gelaunt gewesen, hatte getanzt, laut mitgesungen und hatte mit ihren Freundinnen angestoßen. Dazwischen fehlten immer wieder einige Sequenzen, doch auch an einen Filmriss war sie schon gewöhnt. (...)

Maria fühlte sich hohl und einsam, der Morgen nach dem Fortgehen war immer schrecklich. Ihr Leben kam ihr dann so sinnlos und leer vor. „Postalkoholische Depression“ nannte es ein Freund. (...)

Doch so toll war der Abend gestern auch nicht gewesen. Am Schluss war sie sogar ziemlich betrunken gewesen, war nur mehr herumgefallen. Morgen würden sie ihre Freunde damit aufziehen, Maria würde mitlachen, aber lustig fand sie es eigentlich ganz und gar nicht, eher ziemlich traurig.
 

Lahmgelegt

Christian Georg Seidl (18), Rauris

Der Tag ist grau und trüb, es nieselt und alles ist unangenehm kalt und feucht. Im Büro ist heute wieder Hochbetrieb, gehetzte Mitarbeiter laufen herum, rot im Gesicht und hektisch. Alle sind gereizt, auch die Luft im Gebäude scheint gereizt zu sein. Der Abteilungsleiter sitzt schwitzend im Büro, Probleme bei der Logistik, Lieferverzug und auch noch ein niederschmetternder Anruf vom Direktor, der Tag ist gelaufen. (...) Doch heute nicht. Der Abteilungsleiter verlässt sein Büro, der Aufzug ist defekt, er läuft in die Tiefgarage, steigt ins Auto ein und will heimfahren: Unfall in der Innenstadt, Verkehr lahmgelegt, wütend fährt er zurück in die Garage, übersieht einen Querbalken, Heckscheibe kaputt, beim Aussteigen schlägt er mit der Tür an den Mercedes des Direktors an, eine kleine Delle entsteht, der Direktor springt heraus, schreit, er schreit zurück, sein Mobiltelefon klingelt, wütend wirft er es auf den Boden und tritt mit dem Fuß darauf. Der Direktor sagt nichts mehr, verängstigt schaut er ihn an, gibt ihm seine Visitenkarte, murmelt etwas von Versicherung und fährt. Er steht allein in der Tiefgarage, Zornesröte im Gesicht und schaut stoisch auf die Trümmer seines Telefons. Er ist lahmgelegt, wie der Stadtverkehr nach dem Unfall. Auf einmal muss er lachen. Seine Heckscheibe und sein Mobiltelefon sind kaputt, er kann nicht nach Hause fahren, draußen regnet es nun in Strömen und er hat weder Jacke noch Schirm bei sich, er hat das Auto seines Chefs beschädigt und oben im Büro warten Berge von Arbeit auf ihn. (...) Zeitweise beginnt er zu weinen, doch das fällt nicht auf, so wie es regnet, doch er weint nicht über seinen schrecklichen Tag, er weint, weil er seit Langem nur mehr streitet mit seiner Frau, er weint, weil er nichts von seinen Kindern weiß, er kennt ihre Schulnoten nicht, kennt ihre Freunde nicht, kennt sie eigentlich gar nicht. Er war lange nicht mehr Essen mit seiner Frau, unternimmt nichts mit der Familie, geht nicht mehr in die Kirche und trifft seine Freunde nicht mehr. (...) Sein Kopf wird klarer, er kommt langsam aus der Stadt heraus und mit ihr lässt er auch seine Arbeit langsam zurück, seit Langem war sein Kopf nicht mehr so frei. Der Regen hört auf, die Luft ist frisch. Die Vögel kommen aus ihren Unterschlüpfen und beginnen zu singen, die Bäume rauschen, alles wirkt so echt auf ihn, lange war er für so etwas nicht mehr empfänglich ...
 

Die rote Masche

Sehbal Cakmak (19), Loosdorf

In der türkischen Kultur wird der Braut bei der Hochzeit eine rote Masche um die Taille gebunden. Es ist von Region zu Region unterschiedlich, von wem die Masche umgebunden wird. Während im Norden diese Aufgabe der Bruder der Braut übernimmt, wird sie im Kern der Türkei vom Onkel und im Osten vom Vater übernommen. Nun, was ist der Sinn dieser Masche? Einerseits verliert das monatelang gesuchte Brautkleid seine Ästhetik, da ein breiter, roter Faden durch das weiße Brautkleid verläuft und somit das Gesamtbild des Kleides zerstört. Andererseits hat diese Masche einen gesellschaftlich-kulturellen Wert, weil die Masche die Unschuld der Braut symbolisiert. Die Braut und ihre Familie sind äußerst stolz auf diese Masche, als ob man einen Orden verliehen hätte. Sie freut sich, der ganzen Welt zu beweisen, dass sie als Jungfrau heiratet, aber auch die Familie der Braut ist unglaublich stolz auf ihre Tochter. (...)

Ein Mann wird bei einer arrangierten Ehe nie eine nicht-keusche Frau heiraten wollen. Warum sollte er auch, wenn ihm seit seiner Kindheit eingetrichtert wird, dass ihm eine Jungfrau gebührt und, dass es sein Recht ist, eine Jungfrau zu heiraten (...)
Die Masche erniedrigt eine Frau, weil sie dazu verpflichtet, jedem die Familienehre zu beweisen. Der Körper gehört nicht mehr der Frau. Das Recht auf ihren Körper hat nur ihre Familie. Die Masche entnimmt ihre kostbarsten Besitze: Ihren Körper, ihren Willen, ihre Ehre. Während sie, oder besser gesagt, ihre Jungfräulichkeit die Ehre ihrer Familie garantiert, nimmt die Masche die eigene Ehre der Frau weg. Was für eine schamvolle Situation es sein muss, wenn Leute auf die Braut zeigen und zwar nicht, um zu sagen, was für eine schöne Braut sie geworden ist, sondern um sich die Masche an ihrer Taille anzuschauen. (...)
 

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