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Rabl-Stadler: "Ich fühle mich als ein Kind des Glücks"

Von Peter Grubmüller   17.Juli 2021

Rabl-Stadler: "Ich fühle mich als ein Kind des Glücks"
Die heutige "Jedermann"-Premiere läutet das Ende der Ära von Helga Rabl-Stadler ein.

Seit ihrem Antritt 1995 wurde ihr Vertrag als Präsidentin der Salzburger Festspiele sieben Mal verlängert. Aber wenn heute der "Jedermann" den künstlerischen Reigen in Gang setzt (offiziell eröffnet wird am 25. Juli), geht Helga Rabl-Stadler in ihren letzten Festival-Sommer. Damit endet eine Ära, die so nie geplant worden war. "Denn ich war auf dem Weg in die Spitzenpolitik. Ich war Abgeordnete zum Nationalrat, ich war als erste Frau Präsidentin der Wirtschaftskammer Salzburg und ich war stellvertretende ÖVP-Bundesparteivorsitzende bei Obmann Erhard Busek", sagt Rabl-Stadler im Gespräch mit den OÖN. "Aber ich hab gesehen, dass mir dieses parteipolitisch verbreitete Freund-Feind-Denken fremd ist, es belastete mich. Mir ging in der Politik auch alles viel zu langsam. Außerdem sind die Kompromisse, die zu schließen sind, zum Teil teuflisch. Obwohl ich eine große Freundin des Kompromisses bin, weil der Kompromiss eine der Grundsäulen der Demokratie ist."

Das schlechte Gewissen

Eine der schwierigsten Angelegenheiten für Frauen, "wenn wir außer Haus berufstätig sind", sei: kein schlechtes Gewissen zu haben. "Ich hatte es jahrelang: gegenüber meiner Familie, gegenüber meinem Beruf, gegenüber der Politik." Rabl-Stadler ist Mutter von zwei Söhnen und "war ich bei meinen Kindern und hab deswegen meine Teilnahme an einer Unterausschusssitzung abgesagt, dann haben es die Kollegen in der Politik reizend verstanden, mir jedes Mal ein schlechtes Gewissen einzureden".

Als Präsidentin wollte die 73-Jährige schon 2017 aufhören, "aber die Möglichkeit, das 100-Jahr-Jubiläum 2020 mit Intendant Markus Hinterhäuser zu gestalten, hat mich dazu verführt weiterzumachen". Nun fühle sie sich "als ein Kind des Glücks", weil sie von 100 Jahren Festspiele 27 Sommer mitgestalten durfte. "Bereut hab ich es keinen Tag, auch nicht in den schlechten Zeiten, die 1998 beim Zerwürfnis mit Gerard Mortier kamen." Diesen Sommer werde sie keinesfalls dramatisieren, "und sicher nicht ständig denken, ,das ist meine letzte Premiere‘ und ,das ist mein letzter Arbeitstag‘." Bis zum Schluss werke sie an der Verlängerung aller Sponsorenverträge.

Diese Pandemie habe sie zudem nie als Chance, sondern als Gemeinheit verstanden. "Ganz anders als bei der Energiekrise oder bei der Finanzkrise – darin lagen jeweils Chancen der Korrektur eines falsch eingeschlagenen Weges, also der Energieverschwendung oder fragwürdiger Börsenspekulationen." Aber jetzt nehme sie viele Menschen mit Existenzängsten wahr. Diese Stimmung habe sie auch erfasst. Rabl-Stadler: "In einem Gedicht von Hesse heißt es: ,Jede Freude hat gebrochne Flügel.‘ Und genau so kommt es mir jetzt vor. Es ist nichts mehr ohne Schatten. Über allem hängt eine Gefahr. Und keiner von uns weiß, wann es vorbei sein wird."

Die sechs Männer der Salzburger Festspiel-Präsidentin

Für die OÖN erinnert sich Helga Rabl-Stadler an die Zeit mit ihren Intendanten, von Gerard Mortier bis Markus Hinterhäuser

Gerard Mortier (1992–2001)

„Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit nach Herbert von Karajan. Das hat es mir leichtgemacht, seine Arbeit zu achten und zu respektieren, obwohl es schwer war, mit ihm zu arbeiten, denn er war kein Teamspieler, sondern wollte selbst Präsident werden. Gelernt habe ich in dieser Zeit vor allem von Hans Landesmann, der sowohl die Finanzen der Salzburger Festspiele als auch das großartige Konzertprogramm verantwortet hat. Landesmann hat sich stets als Ermöglicher gesehen und nicht sich selbst im Mittelpunkt. Bereut hab ich es nie, dass ich Präsidentin geworden bin, keinen Tag. Auch nicht in den schlechten Zeiten, die gleich ein paar Jahre nach meinem Amtsantritt beim Zerwürfnis mit Mortier kamen. Das war 1998. Ursprünglich hatte es mit ihm nach einer sehr harmonischen Beziehung ausgesehen – und am Ende seines Lebens haben wir uns zum Glück versöhnt.“

Gerard Mortier
Gerard Mortier

Peter Ruzicka (2002–2006)

„Er hat zwar künstlerisch den Kurs Mortiers fortgesetzt, aber war in seiner Intendantenauffassung der völlige Gegensatz zu Mortier. Er hat Salzburg die Mozart-Kompetenz zurückgegeben durch die fulminante Gestaltung der Festspiele 2006, durch die die Welt Mozarts 250. Geburtstag feierte. Er hat Anna Netrebko erfunden. Und das Wichtigste: Er hat die im Dritten Reich verfolgten Künstler künstlerisch rehabilitiert – Korngold, Schreker, Zemlinsky, Wellesz … Von ihm konnte man lernen, wie man strukturiert Festspiele plant. Und weil er keinen Wert darauf gelegt hatte, in der Öffentlichkeit das Wort zu ergreifen, musste ich in den Vordergrund treten. Wenn eine Rede zu halten war, dann hab ich sie gehalten – bei Mortier durfte ich das nicht. Außerdem – das wissen wenige – ist er ein sehr guter Jurist. Wir hatten deinen Rechtsstreit mit dem Architekten für das Haus für Mozart. Ich war verzweifelt und sah mein Herzensprojekt bereits sterben – aber Peter Ruzicka hat es gerettet.“

Orchester-Feste im Brucknerhaus
Peter Ruzicka

Jürgen Flimm (2007–2010)

„Als Peter Ruzicka sich entschied, für keine zweite Amtszeit zu kandidieren, kam Jürgen Flimm. Er kannte Salzburg als Regisseur und als ehemaliger Chef des Schauspiels gut, er hatte den Blick von außen auf die österreichische Literatur und er war sehr nahe an Nikolaus Harnoncourt, weil er in Zürich dessen Monteverdi-Zyklus verwirklicht hatte. Zur gleichen Zeit wurden ihm aber viele interessante Positionen in Deutschland angeboten. Wir waren 2010 noch gemeinsam in New York und haben das Programm der nächsten Festspiele vorgestellt, aber am selben Abend hat er beschlossen, das Angebot anzunehmen, nach Berlin zur Staatsoper Unter den Linden zu wechseln. Deshalb sind wir leider nicht sehr harmonisch auseinandergegangen.“

Pereira, Audio der Lissner sollen Jürgen Flimm folgen
Jürgen Flimm

Alexander Pereira (2012–2014)

„Man entschied sich damals für Alexander Pereira, weil, so der damalige Bürgermeister Heinz Schaden, dieser fähig wäre, viel Geld aufzutreiben. Das fand ich seltsam, weil ich bei der Sponsorenakquise selbst sehr erfolgreich war. Künstlerisch hat er zwei wichtige Dinge hinterlassen: Ihm ist es gelungen, Cecilia Bartoli für die Pfingstfestspiele zu gewinnen, seitdem ist Pfingsten ein Salzburger Juwel. Und auf seine Idee geht die Reihe „Ouverture spirituelle“ zurück. Seither beginnen wir die Festspiele nachdenklich, erinnern daran, dass sie einst als Friedensprojekt gegründet wurden. Die dümmlichen Zeitungsmeldungen, ob Gräfin Bumsti oder Graf Hobsti kommen, werden in den Hintergrund gedrängt. Pereira stellte bereits nach einem Jahr ein Ultimatum, entweder Vertragsverlängerung oder er bewirbt sich bei der Mailänder Scala. Das Kuratorium ging darauf nicht ein, Pereira wurde Intendant der Scala. Seine Idee, Salzburg parallel zur Scala zur führen, wurde vom Kuratorium abgelehnt.“

Gästeliste für den 60. Opernball
Alexander Pereira  

Sven-Eric Bechtolf (2015–2016)

„Ihm bin ich über alle Maßen dankbar, dass er nach Pereira eingesprungen ist und sich zur Verfügung gestellt hat. Finanziell waren es für die Festspiele überaus erfolgreiche Jahre. Er hinterließ Markus Hinterhäuser ein schönes Polster. Von der Presse wurden diese Jahre marginalisiert und hinuntergeschrieben, woran Bechtolf selbst nicht unschuldig ist. Denn er sah in den Medien immer eher Gegner als Mitstreiter. Aber alle in dieser Zeit Beteiligten wissen, wie wichtig er während dieser zwei Jahre für die gesamte Unternehmung war. Ich habe sehr gerne mit Bechtolf gearbeitet und fand, dass er als Schauspielchef eine der schönsten Jedermann-Inszenierungen der letzten Jahre ermöglicht hat, dass er als Schauspieler in Thomas Bernhards „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ die ganze Größe seiner Gestaltungskraft gezeigt hat.“

Die mutlos verwaltete Festspiel-Kunst
Sven-Eric Bechtolf und Helga Rabl-Stadler

Markus Hinterhäuser (2011 interimistisch und seit Oktober 2016)

„Ich hatte schon vor Pereiras Bestellung für Markus Hinterhäuser gekämpft, aber es ist mir nicht gelungen, ihn durchzusetzen. Sondern absurderweise entstand im Kuratorium die Meinung, Hinterhäuser sei noch ein bisschen jung, obwohl er über 50 war. Er ist eindeutig der richtige Mann für die heutige Zeit. Seine Überzeugung ist, Festspiele müssen ein Epizentrum des Besonderen sein. Er hat wie kaum ein Zweiter verinnerlicht, dass die Salzburger Festspiele keine Aneinanderreihung von Events sein dürfen, sondern er erzählt über den Sommer eine reichhaltige, faszinierende Geschichte. Außerdem ist er ein Rattenfänger im besten Sinne, weil er klug argumentiert und geschmeidig formuliert. Wenn man ihm zuhört, gibt man am Ende seines Vortrags die Karten für das Brahms-Konzert zurück und geht voll motiviert in eine Veranstaltung mit Musik von Luigi Nono.“

"Die Frage der Systemrelevanz ist mir zuwider"
Markus Hinterhäuser
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16. September 2021