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"Professor Pfaller, was werden wir aus Corona lernen?"

Von Peter Grubmüller   30.September 2020

Der Genuss-Philosoph von Peter Grubmüller
Robert Pfaller wurde nun Professor der Linzer Kunstuniversität.

"Das bedingungslose Grundeinkommen wird kommen müssen", sagt Robert Pfaller, der an der Linzer Kunstuni unterrichtet. Auf die faule Haut werde sich dennoch niemand legen. Das ist – nicht zuletzt – eine Lehre aus der Zeit der Corona-Pandemie. Ein Gespräch über positive und negative Auswirkungen auf uns.

Von all den Aufrufen zur Solidarität, den angedachten Veränderungen in der Arbeitswelt, dem veränderten Freizeitverhalten – was werden wir aus Corona lernen und in unser künftiges Leben implementieren?

Robert Pfaller: Für viele, die durch den Lockdown ihr Einkommen verloren haben, die Gekündigten, in Kurzarbeit Geschickten, prekär Beschäftigten, oder auch die bildenden und darstellenden Künstler sowie deren Agenten war diese Zeit einfach nur existenzbedrohend. Positive Erfahrungen wie weniger Stress, mehr Zeit für Kinder, Lebenspartner und Hobbys – solche Erfahrungen konnte nur ein kleiner Teil nützen. Das meiste, was uns verwehrt blieb, wie Ausgehen, Fliegen, werden wir aber bestimmt wieder tun, sobald wir es können – eben, weil wir es können, wie Friedrich Nietzsche gesagt hätte.

Wie bewerten Sie die nun immer intensiver diskutierten Forderungen nach bedingungslosem Grundeinkommen oder 30-Stunden-Woche?

Eines ist klar: Da in den nächsten Jahrzehnten durch Digitalisierung und expandierenden Freihandel ein enormer Teil unserer Arbeitsplätze wegfallen wird, ist es notwendig, den Lebensunterhalt vieler Menschen von der Lohnarbeit zu entkoppeln. Das ist eine gewaltige Veränderung, bei der es noch viele offene Fragen gibt. Aber ich meine, das "BGE" wird kommen müssen.

Hat diese Entwicklung Potenzial, dass der Mensch Arbeit zu etwas Sinnvollem für sich selbst verwandelt – im Gegensatz zur erbrachten
Leistung im Handel mit Broterwerb?

Wenn ich mir ansehe, wie viele Menschen in Österreich ehrenamtlich tätig sind, zum Beispiel für die Rettung, die Feuerwehr, den Sportverein oder die Musikkapelle, dann habe ich jedenfalls nicht die Sorge, dass die Leute untätig werden und nichts Sinnvolles für sich finden könnten.

Unter anderem Maske zu tragen, wird von vielen als Einschränkung ihrer Freiheit betrachtet – wie bewerten Sie die vorübergehende Einschränkung von Freiheit, sofern es um das Wohl der Gesellschaft geht?

Viele Notmaßnahmen mussten ohne gesichertes Wissen um ihre Nützlichkeit verordnet werden. Es ist klar, dass manche Leute murren, wenn ihnen die Begründungen fragwürdig erscheinen. Noch dazu, wenn der Bundeskanzler selbst die Masken zuerst für völlig unnütz erklärt und sie dann zur heiligen Pflicht machen will.

Verstehen Sie ältere Menschen, die es ob ihrer Kriegsgeschichte als Schmähung empfinden, was aktuell als Einschränkung der Freiheit bewertet wird?

Die in ihren Lebensgewohnheiten am stärksten Eingeschränkten sind die jungen Leute. Die am stärksten Gefährdeten dagegen sind die Alten. Daher rühren der Interessenkonflikt und die unterschiedlichen Bewertungen.

Der Philosoph Isaiah Berlin schreibt über Demokratie, dass wir es stets mit unterschiedlichen Werten zu tun haben, die wir alle bejahen, die einander allerdings widersprechen. Muss Demokratie demnach aus halbherzigen Kompromissen bestehen?

Aus der Psychoanalyse wissen wir, dass es auch Kompromisse gibt, die nicht halbherzig sind. Vieles zum Beispiel, was der Gesellschaft als Ganzes nützt, nützt auch den Einzelnen. Das Problem der letzten Jahrzehnte aber war, dass die Politik es völlig verabsäumt hat, entsprechend zu handeln. Stattdessen lähmte sie sich durch zerstörerische Austeritätspolitik. Bei Corona hat man nun plötzlich gesehen: Die Politik kann ja doch durchaus handeln. Das werden die Leute vielleicht nicht so schnell vergessen.

Haben gegenwärtige Umstände das Zeug dazu, erneut Ideologie-Politik im Gegensatz zum Wettbewerb von Ideen zu forcieren?

Die Versuchung, den allwissenden Führer zu spielen und sich durch gezielte Übertreibung der Gefahr die Zustimmung der Bevölkerung – ähnlich wie in einem Krieg – zu verschaffen, war für manche Regierungen offenbar zu groß. Dadurch wird es dann schwer, die offenen Fragen offen zu diskutieren.
Abgesehen von Ihrem Lehrstuhl an der Linzer Kunstuni – wie betrachten Sie Oberösterreich und wie bewerten Sie diese Umgebung als Kulturlandschaft?

Und was hat Sie dazu verführt, in Oberösterreich zu unterrichten?

Das Schöne hier ist, dass die Last der traditionellen Kultur nicht so schwer wiegt wie zum Beispiel in Wien oder Salzburg. Die kulturellen Anstrengungen sind darum viel stärker auf Gegenwart und Zukunft ausgerichtet. Und die Kunstuniversität ist in manchen ihrer Bereiche ein international hoch angesehenes Vorzeigeprojekt.

Welche Funktion fallen Kunst und Kultur in einer Zeit von Abstandsregeln zu – und wie müssen sich diese eventuell neu erfinden?

Die Kulturschaffenden gehören zu den am meisten Geschädigten dieser Krise. Der Großteil durfte nicht auftreten – selbst dann nicht, als die Regierung die Abhaltung der Salzburger Festspiele bereits erlaubt hatte. Die „Neuerfindung“ besteht darin, dass sich viele dieser bislang Freischaffenden jetzt Jobs suchen müssen und zu Lohnabhängigen werden – und das bei einer angeblich unternehmerfreundlichen Regierung. Durch die Aufhebung des Pandemiegesetzes, das eine geordnete Entschädigung vorgesehen hätte, wurden viele Mittel- und Kleinunternehmen ruiniert. Das hat das Land wirtschaftlich und kulturell ärmer gemacht.

Sind Sie diesen Sommer verreist?

Ich verbringe den Sommer meistens auf dem Land, am Rand des Mühlviertels. So auch dieses Jahr.

In Oberösterreich ist eine Technische Universität mit digitalem Schwerpunkt geplant. Wie muss diese Uni konzipiert sein, um die angepeilte
Relevanz zu erlangen? Und ist so eine Universität imstande, die Identität einer Region zu verändern?

Oberösterreich ist eine Hochtechnologieregion. Sicherlich wäre es sinnvoll, die Nachwuchskräfte und innovatives Know-how vor Ort zu entwickeln. Synergien mit der Kunstuniversität, die ja auch ingenieurwissenschaftliche Disziplinen wie Industrial Design und Architektur sowie digitale Exzellenzbereiche wie Interface Cultures besitzt, lägen auf der Hand.

In Ihrem Buch "Die blitzenden Waffen" erheben Sie die Form über den Inhalt. Warum beeindruckt uns die Form derart, ehe wir uns mit dem Inhalt beschäftigen?

Meine These ist, dass wir vieles, was uns als bloßer Inhalt erscheint, gar nicht haben können ohne einen innovativen Durchbruch in der Form. Viele Gründungstexte neuer Wissenschaften wie Sigmund Freuds "Traumdeutung" strotzen vor brillanten Beispielen und poetischen Formulierungen. Diese aber sind nicht einfach ein entbehrliches Dekor, sondern der unverzichtbare Ausgangspunkt neuer Erkenntnisse. In der Wissenschaft steckt eine ganze Menge Kunst. Im Alltag geht es uns ebenso. Damit wir ein Auto lieben, muss uns seine Form überzeugen. Und wenn wir beim Versuch, einem verzweifelten Freund einen Rat zu geben oder eine geliebte Person für uns zu gewinnen, nicht die richtigen Worte finden, dann verpuffen sie wirkungslos, auch wenn der Inhalt korrekt zu sein scheint. Gerade unsere Herzlichkeit und Verbundenheit mit dem anderen lässt sich paradoxerweise oft nur durch scheinbar böse Worte und drastisch ausdrücken – etwa, indem wir sagen: "Du Trottel, mach nur so weiter!"

Sie behaupteten einmal, die sogenannte Kulturlinke sei der Profiteur der neoliberalen Ideologie. Wie begründen Sie das?

Die Kulturlinke übersetzt politische Probleme in kulturelle. Krasse ökonomische Ungleichheit zum Beispiel wird als bloßer Effekt von Vorurteilen dargestellt, oder als Verletzung von Gefühlen durch unangemessene Worte. Das Leid und dessen Anerkennung wird damit umverteilt – von den robusten Geschädigten unten hinauf zu den privilegierten Feinfühligen. Anstatt für Gleichheit zu kämpfen, produziert die Kulturlinke nur Vorschläge für eine elitäre Sprache, die Ungleichheit verstärkt und Solidarisierung erschwert. Wenn "gegendert" werden muss, kann zum Beispiel die Eisenbahnerin zu ihrem Kollegen nicht mehr sagen: "He, Alter, wir sind schließlich beide Eisenbahner." Das Gemeinsame lässt sich dann nicht mehr benennen.

Statt um Inhalt und Ehrlichkeit wird vornehmlich um politische Korrektheit gestritten. Sie sind unter anderem ein Gegner des Rauchverbots – welche politischen Korrektheiten drehen Ihnen sonst noch den Magen um?

Dieselben Politiker, die bei den Rauchverboten und den Warnbildchen auf den Packungen angeblich so besorgt um unsere Gesundheit waren, haben zugleich nach der Finanzkrise in einigen Staaten die Gesundheitssysteme demontiert. Die übergroße Zahl an Toten in Italien ist durch die Einsparungen im Gesundheitssystem verursacht worden, und nicht durch das Coronavirus. Immer wenn Politik so eigenartig detailverliebt auftritt – wie derzeit in Fragen der Sprache –, muss man darum fragen, welche ihrer großen Aufgaben sie gerade vernachlässigt. Darüber hinaus richtet die Alibi-Politik auch noch im Kleinen meistens Schaden an, anstatt zu nützen. So haben Feministinnen in England erkannt, dass unser beliebtes "Gendern" die Diskriminierung verschärft, anstatt sie zu vermindern. Sie sagen: Wenn man Gleichheit will, muss man gleich benennen – und nicht unterschiedlich, wie wir es tun. Alibi-Politik lenkt also nicht nur von den wirklichen Problemen ab. Sie schadet auch noch dort, wo sie behauptet, Lösungen zu liefern.

Aus dem Archiv: "Der Genuss-Philosoph" – Robert Pfaller im Portrait

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07. Mai 2021