Lade Inhalte...

Tina Naderer: „Ich bin keine große Romantikerin“

Von Reinhold Gruber   14.Oktober 2021

Musik ist ihr Leben und die Liebe ohne Kitsch ein großes Thema in ihren Liedern: Tina Naderer.

Endlich wieder live spielen. Hörbar atmet die 25-Jährige aus dem niederösterreichischen Ebergassing auf, als sie die OÖNachrichten zum morgendlichen Interview erwischen. Ein Gespräch um Corona, die Rückkehr auf die Bühne, ihr Debütalbum „Ohne Filter“ und die Frage, wieviel man von sich selbst in Liedern preisgibt. Übrigens: Naderer nutzte ein karrieretechnisches Sprungbrett namens „The Voice Of Germany“, wo sie in der siebenten Staffel viel Erfahrung sammeln konnte. „Ich möchte diese Zeit nicht missen, weil ich so viel gelernt habe“, sagt sie über die Castingshow, die sie nach wie vor für die beste im deutschsprachigen Raum hält. Mit ihren eigenen Songs ist sie jetzt auf dem Weg, der ihren Traum wirklich werden lässt.

OÖN: Wie hast du die Zeit in den vergangenen eineinhalb Jahren erlebt und für dich genutzt?

Tina Naderer: Anfangs fand ich es tatsächlich kurz entspannend, dass einmal der Stress aus dem täglichen Leben genommen wurde. In den ersten paar Wochen hat es ganz gut getan, alles reflektieren zu können und nichts zu machen, aber dann habe ich schon gemerkt, dass ich wieder auf die Bühne will. Denn das ist zu 90 Prozent der Grund, warum ich Musik mache, um den Menschen das live weiterzugeben, was wir im Studio basteln.

OÖN: War es gar nicht mühsam?

Tina Naderer: Oh doch, vor allem als wir die Veröffentlichung des Albums und die Tour aufgrund der Pandemie verschieben musste. Mein Produzent und ich haben diese Phase aber genutzt, um das Album fertig zu machen. Es war also eine gute produktive Phase. Und im Sommer habe ich schon ein paar Konzerte spielen dürfen und jetzt bin ich heiß auf mehr. Ich hoffe vor allem, dass wir das so durchziehen können, wie es geplant ist.

OÖN: Am Anfang litten die Künstler darunter, dass sie nicht wussten, ob sie spielen werden können, jetzt klagen Konzertveranstalter darüber, dass es kaum einen Vorverkauf gibt, weil die Menschen sehr defensiv agieren, oft erst die Abendkasse stürmen. Somit weiß man wie du nicht, ob man vor 50 oder vor 500 Leuten spielt. Merkst du das auch?

Tina Naderer: Auf jeden Fall. Wir wissen, dass sich am Tag des Konzertes noch sehr viel verändern kann. Ich finde es jedenfalls schade. Einerseits verstehe ich die Leute, dass sie verunsichert sind, nicht wissen, ob sie mit 200 anderen Menschen in einem Raum stehen wollen. Andererseits durften wir so lange nicht spielen, uns wurde es so lange verwehrt, dass man jetzt nicht absagen will. Wir haben das auch im Team besprochen und ich spiele auch gerne vor zehn Leuten, weil die zehn haben sich trotzdem die Zeit genommen und ein Ticket gekauft, um das wert zu schätzen, was wir gemacht haben.

OÖN: In deinem Debütalbum „Ohne Filter“ steckt viel Liebe, wobei auffällig ist, dass es viel mehr um Trennungen als um das Funktionieren von Beziehungen geht. Hast du so viele negative Erfahrungen in der Liebe gemacht?

Tina Naderer: Gar nicht, aber ich glaube, dass man schneller Lieder darüber schreibt, dass man traurig als dass man glücklich ist. Das liegt in der Natur des Menschen. Ich rede nicht, wenn ich traurig bin, sondern ich schreibe darüber. Wenn ich glücklich bin, zeige ich das jedem. Darum glaube ich, dass man eher dazu tendiert, Sachen schriftlich zu verarbeiten, die einem nicht so gut getan haben. Das ist zwar falsch, aber mir war wichtig, dass ich die letzten drei Jahre auch für mich verarbeite. In „Ohne Filter“ steckt die ehrlichste Form von mir selbst in den vergangenen drei Jahre. Ich finde es auch spannend, dass die Musik instrumental positiv ist, die Textzeilen dazwischen aber schattiger sind.

OÖN: Es ist eine Kunst, über Liebe schreiben zu können, ohne in Platitüden oder Kitsch zu verfallen. Wie ist es dir gelungen, diese Klippen gekonnt zu umschiffen?

Tina Naderer: Ich bin grundsätzlich nicht die große Romantikerin. Wenn ich jemanden gerne habe, dann zeige ich ihm das schon in Gesten und kann sehr viele Liebe geben. Kitsch mag ich gar nicht, da bin ich nicht die richtige Ansprechpartnerin. Wie wir das geschafft haben, weiß ich nicht wirklich. Vielleicht liegt es daran, dass es so ehrliche und echte Geschichten sind, die ich hier erzähle.

OÖN: Was inspiriert dich zu deinen Songs?

Tina Naderer: Am Anfang bin ich etwas oberflächlich geblieben, war mir nicht sicher, wie viel ich von mir in den Liedern preisgebe. Mittlerweile traue ich mir das schon mehr. In „Zeit allein“ zum Beispiel beschäftige ich mich sehr damit, weg von allem gehen zu wollen. Das Flüchten aus dem Hier und Jetzt, jedem alles recht machen zu müssen, das ist etwas, das wohl viele Menschen kennen. Ich bin jedenfalls eine, die sehr viel reflektiert, wobei es von der Gesellschaft ja fast ein wenig verpönt ist, wenn man sich mit sich beschäftigt. Ich finde das total wichtig.

OÖN: Darf man über Probleme schreiben?

Tina Naderer: Man darf und vielleicht man sich auch trauen, über Probleme zu schreiben, die man mit sich hat. Es geht mir auch darum, zu zeigen, dass es außerhalb des Instagram-Welt noch eine reale Welt gibt. Ich bin 1996 geboren und habe zum Glück noch Cassetten mitbekommen und mein erstes Handy erst bekommen, als ich in Wien zur Schule gegangen bin, damit Mama und Papa beruhigt sind, wenn ich in die große Stadt gefahren bin. Natürlich nutze ich die sozialen Medien auch, aber ich versuche das weniger zu machen, auch um den jungen Fans auch die normale Welt zu bieten und nicht nur die künstliche.

OÖN: Denkst du darüber nach, wie viel du von dir persönlich gibst?

Tina Naderer: Ich habe erst nach der Veröffentlichung des Albums darüber nachgedacht (lacht). Für mich hat es sich im Moment des Schreibens so richtig angefühlt. Das bin ich. Natürlich mache ich mich angreifbarer. Erstens ist es meine Therapie, im Songschreiben Dinge zu verarbeiten. Und andererseits weiß ich, dass es da draußen so viele andere gibt, die ein Tool bräuchten, um das aufzuarbeiten, es aber nicht können, weil sie das Tool nicht finden. Dann finden sie vielleicht eines in meinen Songs. Das ist doch das Schönste. Da mache ich mich ein bisschen nackiger und kann vielleicht anderen Leuten auch eine Welt schaffen, um Dinge zu verarbeiten. 

OÖN: Vom Gefühl her würde ich sagen, dass du mehr Bauch- als Kopfmensch bist. Richtig, oder?

Tina Naderer: Ja (lacht).

OÖN: Wie oft bist du mit dieser Art schon hingefallen?

Tina Naderer: Schon oft, aber immer wieder aufgestanden. Das Gefühl trügt mich überhaupt nicht. Ich würde es jedes Mal genauso wieder machen, da kann man noch so oft niederfallen, das ist mir wurscht. Es macht viel mehr Spaß, mit dem Bauch und mit dem Herzen zu entscheiden als mit dem Kopf.

Tina Naderer „Ohne Filter“ (GRID Music)

copyright  2021
29. November 2021