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Musik

Kopfhörer #74: Ein Kelly kommt selten allein

Von Reinhold Gruber  27. Dezember 2021 13:40 Uhr

Patricia Kelly gibt zum Jahresende noch ein musikalisches Lebenszeichen.

Alle kennen sie, niemand will sie privat gehört haben, aber ihre Alben haben sich millionenfach verkauft. Ein Phänomen in der Popmusik, das schon viele Gesichter gesehen hat. Die Kelly Family ist eines davon.

In meinen jungen Jahren war es nicht gerade ein Türöffner, wenn man sich für die Musik der Bay City Rollers (“Bye Bye Baby“, „Saturday Night“) begeistern konnte. Der gewünschte Coolness-Faktor war damit nicht zu erzielen. 

Die Band um den heuer verstorbenen Sänger Les McKeown war in den 1970er Jahren für mich das, was später in den sehr jungen Jahren meines Sohnes die Backstreet Boys waren. Das war damals wie heute kein Grund dafür, sich zu schämen. Geschmäcker sind eben verschieden.

Auch die Kelly Family war so ein Phänomen, das von manchen Zeitgenossen belächelt wurde. 1974 traten die Geschwister der Großfamilie öffentlich auf, ab 1978 unter dem Namen Kelly Familie und 1994 war der Moment gekommen, da die singende Truppe, die musikalische im Folk und Pop angesiedelt war und ist, der große kommerzielle Durchbruch gelang. Die Ballade „An Angel“ wurde zum Millionen-Hit, die Kelly Family war mit einem Schlag allen bekannt.

Gefühle, Ausdruck und Kraft  

Die Familien-Band gibt es immer noch, aber einige schwören auf das Solisten-Dasein. Den Familienmitgliedern kann man jedenfalls nicht unterstellen, dass sie nicht wissen, wie Popmusik funktionieren kann, sodass sie Menschen bewegt und berührt. Das untermauert etwa Patricia Kelly auf ihrem aktuellen Album „Unbreakable“ (Electrola).

Große Gefühle („Hurts“) treffen auf die Leichtigkeit des popmusikalischen Seins („Dreams“). Ist das musikalische Grundgefühl sehr hitparadenkompatibel, so muss man ihr eines konstatieren: In ihrer Stimme steckt viel Ausdruck und Kraft. Die könnte sie auch anders einsetzen.

Ihr Bruder Michael Patrick Kelly - der auch „Paddy gerufene Musiker hat „An Angel“ geschrieben -  versteht auch das Spiel mit Harmonien und Melodien, die zwischen Pop und Folk im meist angenehmen Modus zu Hause sind. Sein aktuelles Album „Boats“ (Columbia) kennt die Momente, wo man irgendwo einfach mit muss, sich der guten Laune nicht entziehen kann („Running Blind“, „Beautiful Madness“, „Throwback“). 

Der Herzensmensch

Michael Patrick Kelly ist aber auch ein ausgeprägter Herzensmensch, was man in Songs wie „Blurry Eyes“ hören kann. Er kann die Ballade und den Hitparaden-Pop, hat eine erkennbare Handschrift in seinen Songs, denen er mit seiner Stimme viele verschiedene Stimmungen vermitteln kann. Umgekehrt ist es aber auch so, dass man vergebens nach großen Überraschungen sucht - selbst, wenn er den Stadion-Rocker gibt („America“). Kelly bewegt sich in seiner Komfortzone, in der er aber ganz genau weiß, was er tut. „Was die Welt jetzt braucht ist Liebe“, singt er in „The World“. Seine Songs sind der Soundtrack zu dieser Träumerei, die sich gut anfühlt, beim Blick nach draußen aber spürbar macht, dass es noch etwas mehr braucht, als einen Songwriter, der uns ins Gewissen singt. Aber zumindest macht er aus seinem Herzen keine Mördergrube.

Übrigens: Maite Kelly hat im Schlager ihre musikalische Heimat gefunden und der Jüngste im Familienbund, Angelo Kelly, macht mittlerweile mit seiner eigenen Familie Musik und setzt so die Tradition fort.

Artikel von

Reinhold Gruber

Lokalredakteur Linz

Reinhold Gruber

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