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Musik

Kopfhörer #47: Melancholie zur Frühlingszeit

Von Reinhold Gruber   20. April 2021 08:29 Uhr

Die leichte Melancholie steht Viktoria Winter und Mario Winterroither alias Dramas nach wie vor gut

Melancholie im April? Nun, wenn das Wetter so spielt wie derzeit, ist die Herbstzeitstimmung auch im Frühling da. Idealer Zeitpunkt für die Musik von Dramas oder Philipp Spiegl.

Der erste Eindruck bringt Philipp Spiegl (abgesehen einmal vom Namen) nicht unbedingt mit Wien in Verbindung. Denn der Songwriter hat eine starke internationale Prägung, nichts Urösterreichisches an sich.  Wenn er über seine Heimatstadt singt („Vienna“), dann glaubt man mehr einem Amerikaner auf Besuch denn einem hier lebenden Österreicher zuzuhören. Er selbst spricht von einem Brückenschlag zwischen dem Bruce Springsteen der frühen Jahre und Indie-Rock moderner Prägung, wenn er seiner Musik ein Etikett verleihen will. „Be My Redeemer“ (Feber Woll Records) hat die prägnante Gitarre und die erzählerische Stimme als Stilmittel, die Spiegl eine Intensität verleiht, an der man die Ernsthaftigkeit seines Tuns festmachen kann. An seiner verletzlich klingenden Stimme kann man phasenweise den Schmerz regelrecht spüren, den er in seinen Betrachtungen des (jungen) Lebens zwischen Hoffnungen, Sehnsüchten und der bitteren Realität anschlägt. Viel Moll, wenig Dur – und vor allem kein behübschtes Soundkleid, sondern ein auf das Notwendigste reduzierter Geschichtenerzähler, der von Inhalt mehr hält als von schmucker Verpackung.

Eine überraschend tanzbare Seite an sich haben offenkundig auch Viktoria Winter und Mario Winterroither entdeckt. Das Duo Dramas zeigt zumindest in „Candy“, einem der zehn Songs auf ihrem zweiten Album „Dramas“ (Fabrique Records), dass es da im elektronischen Art-Pop-Universum der beiden auch diese Seite gibt, die von einer gewissen Leichtigkeit geprägt ist. Ansonsten zieht eine leichte Melancholie durch den sehr eigenständigen Sound von Dramas. Das spürt man auch abseits des Songs, der das zum Thema macht („Melancholia“). Egal, ob nun nachdenklich („Bloodbath“) oder fast ausgelassen („UndercoverDreamer“) – das Duo überrascht in jeder Sekunde ihrer Musik mit grenzenloser Überzeugung vom eigenen Tun. Das macht auch das zweite Album spannend, weil man bei jedem Mal Hören neue Facetten und auch neue Lieblingslieder entdeckt.

Erkennbar, wiedererkennbar zu sein – das ist das, worauf es in der Popmusik ankommt. So eine Erkennbarkeit im Sound hatten Spandau Ballet, die vor 40 Jahren mit Hits wie „True“ das Maß vieler Dinge waren. Der britischen Band wurde damals von vielen das Prädikat „Faserschmeichler“ zugedacht, weil sie halt die softe Seite stärker betonten. Warum das jetzt wichtig ist? Nun, es gibt keine neue Platte von Spandau Ballet, aber einen Song, der sofort diese Erinnerungen an damals geweckt hat. „Ahead Of The Game“ (Columbia) heißt er, gesungen von Gary Kemp und der war – richtig – als Gitarrist ein wichtiges Mitglied von Spandau Ballet. Dass er den Sound der Band mit geprägt hat, hört man von der ersten bis zur letzten Sekunde, ohne dass man deshalb gleich in große Nostalgie fallen würde, aber der Song zündet. Und irgendwie scheint es wieder einmal an der Zeit, sich ein altes Spandau Ballet-Album zu Gemüte zu führen. Echt. „True“ halt.

Diese Liebe ist Kunst. Bärenheld hat „keine Ahnung, wer ich bin, wer ich sein soll ohne dich“. Der Songwriter hat sich sein Lied über eine Liebe, die wund ist, geschrieben. Veränderung macht etwas mit uns und verändert auch das Liebesleben. Und wenn der Boden unter den Füßen weggerissen wird, dann tut das weh. Dass Bärenheld für „Keine Ahnung“ (DIEgital Records) ein sehr positiv gestimmtes Soundkleid entworfen hat, mag kontroversiell wirken, ist es aber nicht. Es ist halt sein Melodiegefühl für das Liebes-Aus.

Es geht auch anders. „Es wächst das Gras über dir, hab dich vergessen, danke dir.“ So kann man auch ein Beziehungsende besingen. Philipp Lingg macht in seinem Lied „Über wir“ (greenbee records) Schluss und klingt dabei fast frohlockend.  „Lass die Liebe für die zu, die lieben wollen, was ich tu.“ Gibt es da noch mehr zu sagen? Nein! Ein bisserl schräg, aber treffend.

Womit wir am Ende noch einmal beim Anfang und somit beim Herbstgefühl im Frühling wären. Wer im melancholischen Stimmungsbild gefangen ist, für den gibt es Songs, die grandios dazu passen. „Second Hand News“ (Warner) von Birdy beispielsweise oder „Persephone“ von Allison Russell. Da zeigen zwei Songwriterinnen, dass Emotion immer punktet, wenn man sie in die richtigen, die passenden Worte und Melodien gießen kann.

Und für alle, die es nicht mehr erwarten können, dass ihnen die Sonne auf die Haut brennt, gibt es auch einen Song, der einen von Urlaub träumen lässt, von dem wir immer noch nicht wissen, ob er wirklich schon heuer möglich sein wird. Wetter hin, Wetter her: Der Song, der die Stimmung augenblicklich in die Höhe treibt, ist „Barcelona“ (Rhythm & Poetry) von Brofaction. Ein potenzieller Sommerhit, obwohl der Sommer derzeit noch ganz weit entfernt scheint.

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