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Musik

Kopfhörer #45: Mutmacher und Stimmungsmacher

Von Reinhold Gruber  10. April 2021 11:20 Uhr

Auch Ikone Udo Lindenberg reiht sich musikalisch in die Riege der Mutmacher.

Was bleibt einem in der Krise? Die Hoffnung. Musik kann dabei unterstützen. Mehr oder weniger. Aktuelle Beispiele zeigen das.

„Hörst du das Willkommen im Goodbye“, fragt Joris im jüngsten Appetitmacher auf sein demnächst erscheinendes neues Album gleichen Titels. Also „Willkommen Goodbye“ (Four Music). Der 31-jährige Songwriter verführt darin nicht nur mit einer Melodie, der man sich nur schwer entziehen kann, sondern macht auch Mut. Solange wir aufstehen, ist das Ende nicht in Sicht. Oder anders gesagt: Man kann schon stolpern, aber liegenbleiben sollte man nicht. Gute Botschaft, passend zur Zeit, in der es viele von uns schleudert - emotional, existenziell.

Und was sagt Joris‘ Landsmann Udo Lindenberg zur Lage? „Für uns ist Love & Peace die einzig wahre Währung.“ Typisch Udo. Aber recht hat er, auch wenn damit allein ein Virus nicht in die Knie zu zwingen ist. Sein Willkommen bezieht sich auf das Mittendrin. So, also „Mittendrin“ (Warner) heißt auch das Lied, das mit den Worten „es war ein heißer Ritt, ich richte meinen Sombrero“ beginnt und in dem der Inbegriff der Geradlinigkeit klar macht, dass es wieder Zeit zum Durchstarten ist, weil es genug der Entbehrung war. Nur wer sich die dunkle Welt wieder bunt macht, wird in den heißesten Flammen wieder ein Fünkchen Hoffnung finden. So spricht ein Lebenserfahrener, der mit lässiger Gitarre auch musikalisch immer noch das Epizentrum der Emotionen treffen kann.

Dass die erste Vermutung nicht immer die richtige ist, macht indes Briston Maroney deutlich. So britisch sich seine Songs auf dem Album „Sunflower“ (Atlantic) auch anhören mögen, so wenig ist er ein Mann der Insel. Der Songwriter kommt aus Amerika. Was letztlich auch vollkommen egal ist, Hauptsache, die Musik ist stimmig. Das ist sie über weite Strecken. Großartig der Auftakt mit dem rockig-fetzigen Stimmungsaufheller „Sinkin‘“, dem sich mit „Freeway“ (harmonische Melodiebögen mit einem Refrain zum Hineinversinken) und „Cinnamon“ (schöne, völlig unkitschige Ballade) zwei weitere Songs finden, die man nicht mehr aus dem Ohr bringt. Empfehlenswert.

Wunderkind. Wem das nachgesagt wird, der ist entweder wirklich aus der Liga der außergewöhnlichen Talente oder hat einfach nur gute Marketing-Experten an seiner Seite. Also ist Isaac Dunbar nun ein Wunderkind, wie selbst das "Time"-Magazin schon getitelt hat? Nun der 18-Jährige klingt auf "evil twin" (RCA), seiner Debüt-EP, erstaunlich reif in Ausdruck und Songwriting und scheint irgendwie den richtigen Draht in der von den sozialen Medien definierten Welt gefunden zu haben. Denn er hat schon Ahnung vom Fanverhalten, weil er nicht nur darüber singt, sondern über diese Kanäle auch seinen Bekanntheitsgrad in Wunderkind-Dimensionen hochgepusht hat. Talent hat Dunbar zweifelsohne, er ist aber in erster Linie ein Herzbube jugendlicher Sehnsuchtsträume ("Intimate Moments", "Rendezvous"). Dass ihm mit "Love, or the lack thereof" ein veritabler Sorgen-Vergesser-Macher-Pop-Song gelungen ist, soll nicht verschwiegen werden. Aber Wunderkind? Das scheint beim US-Amerikaner dann doch zu hoch gegriffen.

Eine gewisse Leichtigkeit im Sein ist den Londoner Indie-Pop-Freunden von Django Django nicht abzusprechen. Ob das auf dem Album „Glowing In The Dark“ (Because Music) durch den Corona-Lockdown noch beflügelt wurde, weil das Ausbrechen und Aufbrechen eben zur Zeit gehört und sich in manchem Song auch deutlich erkennbar widerspiegelt, ist wahrscheinlich. Witzig ist auf alle Fälle das Nebeneinander von völlig schrägen Tönen („The Ark“) und einer fast lieblichen Lagerfeuer-Romantik („The World Will Turn“), doch sollte man sich von den Extrempolen nicht leiten lassen. Über weite Strecken hat „Glowing In The Dark“ tanzbaren Charakter – „Headrush“ und „Kick The Devil Out“ seien als Beispiele beworben – und wenn Charlotte Gainsbourg an Bord ist (eine Bereicherung in „Waking Up“), dann haben Django Django nicht viel falsch gemacht.

„Ich wollte mich selbst besser verstehen“, sagt der 26-jährige Brit-Rapper slowthai. Weil das für ihn am besten über Musik funktioniert, schaut er auf „Tyron“ (Universal) mehr in sein eigenes Sein als auf die anderen. Vom Ausdruck her ist das Album zweigeteilt. Die erste Hälfte gehört den Beats und seiner kämpferischen Seite, die die Konfrontation sucht und das Selbstzerstörerische stärker im Fokus hat. Die zweite Hälfte hat deutlich souligeren Touch und ist von Selbstreflexion bestimmt. Laut und leise, rau und weich – slowthai hört sich an, wie das Leben. Das in „Push“ mit Deb Never am meisten wirkt.

Zum Ende noch ein besonderer Tipp: „Das ist ned echt, na, du bist nicht echt, na“ - Der traurige Gärtner und Sigrid Horn bilden ein vergleichsweise ungleiches Duo. Er arbeitet in seiner Kunst mit der Reizüberflutung, sie mit der Minimalistik. Extreme Pole, die sich abstoßen? Keineswegs. "Ned echt" ist ein Lied, das vordergründig wie ein Liebeslied über verletzte Gefühle daherkommt, letztlich aber ein Statement ist. Denn ohne es ganz fertig zu erzählen, wird klar, dass es hier um ein Thema geht, das immer noch unter den Teppich gekehrt wird. Weil Gewalt in der eigenen kleinen vertrauten Welt nicht in das Bild des schönen Lebens passt. Ein inhaltlich wichtiges Lied, das in seiner Ausdrucksform zwei unterschiedliche Künstler zeigt, die ihre Heimatzonen verlassen, um gemeinsam Wirkung zu erzeugen. Sehr gelungen. Und wichtig.

Artikel von

Reinhold Gruber

Lokalredakteur Linz

Reinhold Gruber
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