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Kultur

Literaturnobelpreis geht an Peter Handke

Von nachrichten.at/apa   10. Oktober 2019 13:08 Uhr

Der große Mythenerzähler der Gegenwart
Peter Handke

STOCKHOLM. Der österreichische Schriftsteller Peter Handke erhält den Literaturnobelpreis 2019.

Zwei Argumente schienen immer dagegen zu sprechen, dass das Lebenswerk des Dichters Peter Handke mit dem Nobelpreis gekrönt wird: Die Zuerkennung des Nobelpreises 2004 an seine Landsfrau Elfriede Jelinek und sein umstrittenes pro-serbisches Engagement. Doch heute wurde dem 76-jährigen, seit langem in Paris lebenden gebürtigen Kärntner der Literaturnobelpreis 2019 zugesprochen.

Peter Handke erhält den Literaturnobelpreis 2019 "für ein einflussreiches Werk, das mit sprachlicher Genialität die Peripherie und die Spezifität der menschlichen Erfahrung erforscht", wie es in der offiziellen Begründung heißt.

Video: Im OÖN-TV-Studio spricht Jasmin Baumgartinger mit Helmut Atteneder aus dem Kulturressort über die Auszeichnung:

Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen geboren, einem kleinen Kärntner Ort, dem er bis heute verbunden ist. Dass der aus Berlin stammende Ehemann seiner Mutter in Wahrheit sein Stiefvater war und ein verheirateter deutscher Sparkassenangestellter, der um vieles älter war als die Mutter, sein leiblicher Vater - das erfuhr Handke erst im Alter von 18 Jahren. Nach Besuch des katholischen Internats in Tanzenberg und des Gymnasiums in Klagenfurt studierte er ab 1961 in Graz Rechtswissenschaften. Während dieser Zeit fand er Anschluss an die Schriftsteller des "Forum Stadtpark".

Erste Publikationen in der Zeitschrift "manuskripte" und erste Lesungen im Radio waren ein hoffnungsvoller Beginn. 1965 gelang es Freunden wie Alfred Kolleritsch, für Handkes Debütroman "Die Hornissen" den renommierten Suhrkamp Verlag zu interessieren, wo das Buch im Frühjahr 1966 erschien. Handke brach sein Jus-Studium ab und lebte fortan als freier Schriftsteller. Sein Stern im Literaturbetrieb ging kometengleich auf, als der nahezu unbekannte Jungautor im April 1966 der Gruppe 47 bei einer Tagung in Princeton in einer erregten Schmährede "Beschreibungsimpotenz" vorwarf. Seinen plötzlichen Ruhm festigte die Uraufführung der "Publikumsbeschimpfung" wenige Monate später durch Claus Peymann in Frankfurt.

Handke als "Popstar"

Handke war jemand - ein "Popstar", ein enfant terrible. Seine experimentellen Stücke sorgten für erregte Debatten, Titel wie "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" (1969) oder "Wunschloses Unglück" (1972) wurden zur Kultlektüre einer ganzen Schüler- und Studentengeneration. Nach seiner Heirat mit Schauspielerin Libgart Schwarz (1967) war der Autor zeitweise Alleinerzieher der 1969 geborenen Tochter Amina. Paris wurde für einige Jahre ständiger Wohnsitz, danach - 1979 bis 1987 - Salzburg. Seit 1990 ist die französische Schauspielerin Sophie Semin die Lebensgefährtin des vielfach Ausgezeichneten und mehrfachen Ehrendoktors (u.a. der Unis Klagenfurt und Salzburg, zuletzt im Mai des spanischen Alcala), ihre gemeinsame Tochter Leocadie wurde 1991 geboren.

Sein eigensinniger literarischer Weg, der die Sprache, die Wahrnehmung und das Erzählen selbst in den Mittelpunkt stellte, wurde von der Fachwelt und der Kritik mit großer Aufmerksamkeit verfolgt ("Mein Jahr in der Niemandsbucht", "Der Bildverlust" u.v.a.), erreichte aber kaum mehr breite Leserkreise.

In Kontrast dazu stehen die Aufregungen, die Handke, dessen Auseinandersetzung mit den eigenen slowenischen Wurzeln in seinem Stück "Immer noch Sturm" (2011) kulminierte, mit seiner pro-serbische Position in den Konflikten am Balkan und der scharfen Ablehnung der westlichen Haltung verursachte. 1996 sorgte sein Reisebericht "Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien" für heftige Debatten, zehn Jahre später seine Rede bei der Beerdigung von Slobodan Milosevic.

Seit 28 Jahren in Frankreich

Seit mittlerweile 28 Jahren lebt Peter Handke in Frankreich, wo er zu seinem Domizil im Pariser Vorort Chaville vor einigen Jahren auch ein einsames Haus in der Picardie erworben hat. Die Reise von hier nach dort ist in seinem Roman "Die Obstdiebin" (Untertitel: "Einfache Fahrt ins Landesinnere") nachzulesen. Seit über einem halben Jahrhundert steht er in der literarischen Öffentlichkeit, in den 60er-Jahren als Kulturautor gefeiert, später wegen seines nicht nur literarischen Eigensinns umstritten und war seit langem regelmäßig auf jenen Buchmacher-Listen zu finden, in denen die Wettquoten der Nobelpreis-Kandidaten veröffentlicht werden. Beim Wettanbieter "Nicerodds" schoss er heute kurz vor der Bekanntgabe mit einer Wettquote von 11 zu eins im Ranking nach oben - in der Vorwoche lag seine Quote noch bei 21 zu eins.

Peter Handke ist der prominenteste lebende österreichische Schriftsteller. Über 11.400 Seiten enthält die vom Suhrkamp Verlag herausgegebene "Handke Bibliothek", in der alles enthalten ist, was er jemals in Buchform veröffentlicht hat. Ein gigantisches Werk.

Neben der Prosa, seiner vielfältigen Übersetzertätigkeit und vier eigenen Filmen (u.a. "Die linkshändige Frau" und "Die Abwesenheit") ist es vor allem das Theater, das Handke immer begleitet hat. Dort verfolgte man seinen Weg von der Sprachlosigkeit ("Kaspar", 1968) zurück in die Sprachlosigkeit ("Die Stunde da wir nichts voneinander wußten", 1992) und weiter zu den Versuchen, seine Kritiker sprachlos zu machen ("Die Fahrt im Einbaum", 1999) stets mit Interesse. Für "Immer noch Sturm" erhielt Handke den Mülheimer Dramatikerpreis 2012. Claus Peymann ist ihm als Uraufführungsregisseur trotz gelegentlicher Differenzen bis in die Gegenwart treu geblieben. "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße" wurde 2016 von Peymann im Burgtheater zur Uraufführung gebracht - eine poetische Konfrontation des Einzelnen mit der Gesellschaft, aber gleichzeitig auch ein Hadern mit sich selbst. Handkes Lebensthema quasi. 2018 wurde er mit dem Nestroy-Preis für sein Lebenswerk geehrt. Heute folgte nun der Nobelpreis.

Handke zu Nobelpreis: "Ist das wahr?"

Peter Handke war laut dem Vorsitzenden des Nobelkomitees der Akademie, Anders Olsson, beim Anruf der Juroren zu Hause. "Er war sehr, sehr gerührt. Erst hat er kaum ein Wort herausbekommen", so Olsson. Dann habe Handke auf Deutsch gefragt: "Ist das wahr?"

Der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm, berichtete davon, dass die andere heutige Preisträgerin Olga Tokarczuk gerade während einer Lesetour in Deutschland im Auto gesessen sei und deshalb erst einmal am Straßenrand anhalten habe müssen, um die Botschaft entgegenzunehmen.

Trotz der Negativschlagzeilen um die Schwedische Akademie aus dem Vorjahr wollen beide Literaturnobelpreisträger zur Preisverleihung am 10. Dezember nach Stockholm kommen. "Beide haben zugesagt", sagte Olsson.

Für Van der Bellen "geglückter Tag"

"Ein 'geglückter' Tag - jedenfalls für die österreichische Literatur, für die Literatur überhaupt" ist die Nobelpreisvergabe an Peter Handke für Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Mit Handke habe "ein Autor den Nobelpreis gewonnen, dessen leise und eindringliche Stimme seit Jahrzehnten Welten, Orte und Menschen entwirft, die faszinierender nicht sein könnten", hieß es in einer Aussendung.

Handke "leuchtet die Zwischenräume des Daseins aus und wirft einen behutsamen Blick auf das Fühlen und Denken seiner Figuren. In einem Ton, der schnörkellos und doch einzigartig ist, lässt er uns, die Leserinnen und Leser an seiner Welt und Sprache teilhaben", betonte Van der Bellen." Wir haben Peter Handke viel zu verdanken. Ich hoffe, er weiß das."

"Höchst verdient und eine würdige Anerkennung für ein literarisches Ausnahmetalent" ist Handkes Nobelpreis für Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein und Kulturminister Alexander Schallenberg. "Handke hat Generationen von Leserinnen und Lesern bewegt", hieß es in einer Aussendung.

"Eine wertvolle & zeitlose Bereicherung sowie eine wichtige Visitenkarte für Österreich in der Welt" nannte ÖVP-Obmann Sebastian Kurz auf Twitter das Werk von Nobelpreisträger Peter Handke.

"Durch eine unglaubliche Fülle an Werken sowie seine unvergleichbare poetische Sprache habe Handke dem 'Gewicht der Welt' Ausdruck verliehen", meinten der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (beide SPÖ)."Für sein unermüdliches Schaffen und sein Insistieren auf differenzierte Wahrnehmung von dem, was uns umgibt, müssen wir ihm dankbar sein."

Auch Nationalratspräsident Wolfgang Sobotka gratuliert Schriftsteller Peter Handke zum Literaturnobelpreis. "Literatur als Gattung der Kunst ist ein wesentlicher Teil der österreichischen Identität und ein verbindendes Element unserer Gesellschaft", so Sobotka.

Literaturkritiker Scheck: "Ohrfeige" für politische Korrektheit

Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck hat die Vergabe der Nobelpreise an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke und die polnische Autorin Olga Tokarczuk begrüßt. Es sei ein großer Tag für die Literatur und eine sehr mutige Entscheidung, sagte der Fernsehkritiker. "Die politische Korrektheit hat eine krachende Ohrfeige erhalten, eine Niederlage erlitten", sagte Scheck mit Blick auf Handke. Dieser sei einer der großen Provokateure - er beweise, dass man sich politisch total verlaufen und gleichzeitig Weltliteratur schreiben könne. Handke sei ein "würdiger Preisträger", so Scheck. Der Schriftsteller, Nobelpreisträger 2019, war für seine Haltung im Balkan-Konflikt heftig kritisiert worden. Er stand auf der Seite Serbiens, verurteilte die Nato für ihre Luftschläge und hielt 2006 bei der Beerdigung des jugoslawischen Ex-Diktators Slobodan Milosevic eine Rede.

Polnische Nobelpreisträgerin: "Es kommt noch gar nicht an mich ran"

Die neue polnische Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk hat sich nach Bekanntgabe der Auszeichnung fassungslos gezeigt: "Es kommt noch gar nicht an mich ran", sagte sie der polnischen Zeitung "Gazeta Wyborcza" in einem Telefongespräch. Sie habe auf Werbetour für ihr gerade auf Deutsch erschienenes Werk "Die Jakobsbücher" erst einmal anhalten müssen, als sie die Nachricht erhalten habe.Stockholm. Besonders freue sie sich, dass auch der von ihr sehr geschätzte österreichische Schriftsteller Peter Handke den Nobelpreis erhalten habe. "Das ist wunderbar, dass die Schwedische Akademie die Literatur aus Mitteleuropa gewürdigt hat."

Suhrkamp Verlag mächtig stolz auf Nobelpreis

"Was wird der Suhrkamp-Verlag jetzt tun, nachdem Peter Handke den Literaturnobelpreis erhalten hat?" - "Drucken! Drucken! Drucken!" antwortete Petra Hardt, Leiterin der Abteilung Rechte und Lizenzen des Verlags, am Donnerstagnachmittag freudestrahlend auf die Frage der APA. In einem Monat geht sie in Pension, und der Nobelpreis an Peter Handke so knapp davor ist der Höhepunkt ihrer Karriere.

Jonathan Landgrebe, Geschäftsführer des Suhrkamp Verlags, begrüßt zwei Stunden nach Bekanntgabe der Entscheidung des Nobelpreiskomitees eine Handvoll Journalisten und Kameraleute, und schafft es in fünf Minuten, den Stolz des Verlages in wohldosierten Worten auszudrücken. "Wir sind unglaublich stolz und froh, wir feiern hier den großen Moment - den großen Moment für alle, die lesen!" Mehr als 70 Handke-Werke hat Suhrkamp seit 1965 verlegt, alle ständig weltweit lieferbar. In 70 Sprachen wurde Handke übersetzt, weitere Sprachen werden folgen.

Kritik der Gesellschaft für bedrohte Völker

Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat die Verleihung des Literaturnobelpreises an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke kritisiert. "Während des Bosnienkrieges hat sich Handke bedingungslos an die Seite serbischer Kriegsverbrecher gestellt", hieß es in einer Mitteilung der nichtstaatlichen Menschenrechtsorganisation am Donnerstag. Handke habe dem als Kriegsverbrecher angeklagten serbischen Politiker Slobodan Milosevic bis zu dessen Tod im Den Haager Gefängnis 2006 die Treue gehalten. "Es ist vollkommen unverständlich, warum das Nobelpreiskomitee die intellektuelle Unterstützung für den Völkermord auszeichnet", so die GfbV-Referentin für Genozid-Prävention und Schutzverantwortung Jasna Causevic.

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