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Literatur

Wie ein Pottwal unsterblich wurde

Von Christian Satorius   03. August 2019 00:04 Uhr

Wie ein Pottwal unsterblich wurde

"Moby Dick", der Weltbestseller des vor 200 Jahren geborenen Herman Melville, basiert auf einer wahren Begebenheit.

Anfangs beunruhigte uns weder sein Aussehen, noch sein Verhalten", erinnerte sich Owen Chase später. Der Obermaat des amerikanischen Walfängers Essex konnte ja auch nicht ahnen, was kurz darauf passieren sollte – schließlich hatte es das in der Geschichte des Walfanges noch nie zuvor gegeben.

Doch dieses Mal war alles anders. Irgendetwas stimmte mit dem gigantischen Pottwalbullen nicht, der sich dem Schiff langsam näherte. Die Männer konnten vom Deck der Essex aus die vielen tiefen Narben erkennen, die seinen riesigen Kopf übersäten. Nur noch etwa 30 Meter vom Bug des Schiffes entfernt, nahm der über 25 Meter lange und wohl 80 Tonnen schwere Walbulle plötzlich Geschwindigkeit auf, wurde schneller und schneller.

Als die Männer sahen, wie seine riesige muskulöse Schwanzflosse das Meer aufpeitschte und die schneeweiße Gischt meterhoch emporspritzte, war es bereits zu spät. In Panik brüllte Obermaat Chase noch ein letztes verzweifeltes Ruderkommando, aber es half nichts, der Zusammenstoß war unausweichlich – und traf die Essex mit einer derartigen Wucht, dass alle Männer an Deck augenblicklich von den Beinen gerissen wurden.

"Als wären wir bei voller Fahrt auf ein Riff gelaufen", beschrieb Chase später die aufgetretenen Kräfte. "Wir schauten uns gegenseitig ungläubig an und waren regelrecht sprachlos." Dann tauchte der Walbulle unter dem Schiff hindurch und riss dabei ein großes Stück des Kiels ab, nur um wenige Sekunden später neben dem Steuerbord-Achterschiff wieder aufzutauchen. Von der enormen Wucht des Aufpralls trieb er wie betäubt auf dem Wasser, und die Männer der Essex glaubten schon, er sei tot, da kam der Pottwal wieder zu Kräften – und suchte benommen das Weite. Das dachten die Walfänger zumindest, als das riesige Tier sich vom Schiff entfernte. Also begann die Mannschaft des Dreimasters die Lecks abzudichten, den Wassereinbruch zu stoppen und die Pumpen zu bedienen.

Zweiter Angriff des Wals

Doch der Pottwalbulle entfernte sich nicht, um zu fliehen, er wollte nur mehr Anlauf nehmen. Nach nur 600 Metern kehrte er um und jetzt schnaubte er förmlich vor Wut, wie sich Chase später erinnerte. Wieder nahm er Geschwindigkeit auf – bald war er doppelt so schnell wie zuvor. Niemand an Bord hatte damit gerechnet, dass der Wal ein zweites Mal angreifen würde. Obermaat Chase war entsetzt, als er den Schrei eines Seemanns vernahm: "Er kommt zurück. Er will uns noch einmal rammen!"

Jetzt machte sich Panik an Bord breit. Die Jäger waren zu Gejagten geworden. Todesangst verzerrte die Gesichter der Männer. Sie wussten, einen zweiten Zusammenstoß würden sie nicht überstehen. Das Schiff würde unweigerlich sinken, und sie alle würden umkommen, hier, inmitten des Pazifischen Ozeans, hunderte Seemeilen von der nächsten Küste entfernt. Den vernarbten Kopf weit aus dem Wasser hebend und mit der sechs Meter breiten Schwanzflosse immer weiter beschleunigend, schoss der Wal auf die Essex zu.

Wieder versuchte Obermaat Chase mit einem letzten Kommando den Zusammenstoß zu verhindern, und wieder war es zu spät. Der 80 Tonnen schwere Pottwal schlug in den Dreimaster ein wie eine Dampframme. Eichenholz splitterte, Wasser drang ein. Doch damit nicht genug: Jetzt ließ der Walbulle nicht etwa wieder von der Essex ab, vielmehr schob er das 238 Tonnen schwere Schiff rückwärts durch das Wasser vor sich her.

In Sekundenschnelle strömten jetzt die Fluten über den Heckspiegel, der Dreimaster begann zu sinken. Panisch ergriffen die Männer an Bord die Schiffskisten mit den Navigationsgeräten und machten das letzte verbliebene Beiboot klar. Während die Mannschaft der Essex um ihr Leben kämpfte, zog der gigantische Pottwal zufrieden seiner Wege. Dieses Mal war er der Sieger in dem Kampf Mensch gegen Wal, der so vielen seiner Artgenossen das Leben gekostet hatte.

Martyrium im Pazifik

Sein Mut hatte sich gelohnt: Er wurde nie gefangen und Herman Melville machte ihn mit seinem Roman "Moby Dick" sogar unsterblich. Für die Männer der Essex begann das eigentliche Martyrium jetzt aber erst. Zwar schafften es die Seeleute, das Beiboot zu wassern und somit dem sicheren Tod erst einmal zu entkommen, aber nun waren sie ganz ohne Schiff mitten auf dem Pazifischen Ozean, hunderte Seemeilen von der nächsten Küste entfernt.

Kapitän George Pollard traf fast der Schlag, als er von einem der beiden anderen Beiboote aus, die weit hinausgerudert waren, um Wale zu harpunieren, den Horizont nach seiner Essex absuchte und sie nirgendwo entdecken konnte. "Er schrie vor Entsetzen", schrieb Owen Chase später in seinen Aufzeichnungen. Was nun folgte, war vielleicht so etwas wie der Fluch des Wals, der selbst noch die Überlebenden heimsuchen sollte. Zwar gelang es den Männern, dem Dreimaster, bevor dieser vollständig in den Fluten des Pazifiks versank, noch Trinkwasserfässer und Proviant zu entreißen, ja sogar einige Waffen und Werkzeuge, aber all das verlängerte ihren Todeskampf nur.

Am 22. November 1820, zwei Tage nach dem Angriff des Wals, machten sich die insgesamt 21 Überlebenden der Essex in den drei völlig überladenen Beibooten auf, das nächste Land anzusteuern. Zunächst lief alles sogar noch recht gut, doch bald schon verloren sich die drei Ruderboote auf der Odyssee, die ganze drei Monate dauern sollte, aus den Augen, und jede Bootsmannschaft musste auf sich allein gestellt ums Überleben kämpfen. Viel zu schnell gingen die Vorräte aus und die Männer begannen aus reiner Verzweiflung und von unbändigem Hunger getrieben, die Leichen zu essen.

Eine grausige Mahlzeit

Aber das genügte nicht. Das Los entschied schließlich, wer erschossen wurde und den anderen als grausige Mahlzeit dienen musste. Von den insgesamt 21 Männern, die am 22. November 1820 in die Boote stiegen, ließen 13 ihr Leben bei dem Versuch, in die Zivilisation zurückzukehren. Die anderen konnten gerettet werden, unter ihnen Obermaat Owen Chase, dessen Sohn dem späteren Moby-Dick-Autor Herman Melville die Geschichte vom Untergang der Essex erzählte und ihm das Buch seines Vaters überreichte, in dem der seine Erinnerungen niedergeschrieben hatte.

Auch Kapitän George Pollard konnte am 23. Februar 1821 gerettet werden, wenige Wochen, bevor die letzten drei Überlebenden des Walangriffs gefunden wurden. Doch für Kapitän Pollard und Obermaat Chase war die Geschichte damit noch nicht beendet. Pollard versenkte kurze Zeit später ein weiteres Schiff auf dem Grund des Ozeans und konnte seine vielversprechende Kapitänskarriere damit endgültig an den Nagel hängen – er wurde Nachtwächter.

Owen Chase erging es zunächst besser, im Alter aber kamen zunehmend die Albträume zurück. 1868 wurde er für "wahnsinnig" erklärt, nachdem er Unmengen von Lebensmitteln auf dem Dachboden seines Hauses gehortet hatte.

Der gigantische Pottwal aber, der die Essex versenkt hatte, lebt durch Herman Melvilles Roman "Moby Dick" weiter.

 

Melvilles Moby Dick

Melvilles "Moby Dick"
Herman Melville (1819–1891)

Der Untergang der Essex inspirierte den am 1. August 1819 in New York geborenen Herman Melville zu seinem Weltbestseller "Moby Dick". Den Namen "Moby Dick" und auch die weiße Farbe des tierischen Helden des Romans leitete er von einem anderen bei Walfängern damals gefürchteten Wal ab, "Mocha Dick", benannt nach der Insel Mocha vor der chilenischen Küste, wo der weißgraue Wal häufig angetroffen wurde. Auch er soll nie gefangen worden sein.

Melville, der selbst auf einem Walfangschiff gefahren war, ließ aber auch eigene Erfahrungen und andere Wal-Angriffe auf Schiffe in seinen Roman miteinfließen. Heute zählt "Moby Dick", 1851 in London erschienen, als Bestseller zur Weltliteratur.

Zu Lebzeiten verkaufte Melville gerade einmal 3000 Exemplare des Buches. „Moby Dick“ wurde früher oft als Gleichnis für die Unbezwingbarkeit von Natur und Schicksal verstanden, nunmehr steht der Roman auch als Mahnmal für den Tierschutz.

1866 nahm Herman Melville eine Arbeit als Zollinspektor an, da er von der Schriftstellerei allein nicht leben konnte. Er starb 1891 im Alter von 72 Jahren in seiner Geburtsstadt.

 

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