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Literatur

Vom Wir und Ihr

Von Roswitha Fitzinger  10. Juli 2021 00:04 Uhr

Shida Bazyar hat einen viel beachteten Roman geschrieben.

Shida Bazyars „Drei Kameradinnen“ liest sich wie ein Krimi, ist aber ein Roman über Zusammenhalt und Alltagsrassismus

Ein „Jahrhundertbrand“ in einer deutschen Stadt, medial ausgeschlachtet, mittendrin eine junge Frau, die sich „radikalisiert hat, während die Welt zuschaute“, so heißt es in einer Zeitungsmeldung, mit der dieser Roman beginnt. Was dahintersteckt, erfährt man auf den folgenden 350 Seiten.

Es ist die Stimme von Kadhi, die uns durch die Geschehnisse und das Leben der „Drei Kameradinnen“ führt. Außerdem sind da noch Saya und Hani – Namen, die reichen, um bestimmte Vorstellungen in unseren Köpfen in Gang zu setzen. Es sind junge Migrantinnen, gemeinsam in einer Siedlung aufgewachsen. Sie haben studiert, voll integriert würde sie die Gesellschaft nennen. Alles gut? Von wegen.

Wir erfahren nicht, welches Schicksal oder welcher Umstand sie ins Land, in diesem Fall nach Deutschland, geführt hat. Was wir allerdings erfahren, ist, wie man sich fühlt, in einem reichen Land zu leben, einem „weißen“, einem „rassistischen“ Land, wie sie sagen.

Kadhi wartet auf Saya, die in der Nacht aus dem Gefängnis entlassen werden soll, und nutzt die Zeit, um aufzuschreiben, wie es zur Verhaftung Shadis kommen konnte. Sie rollt die Ereignisse von hinten auf, schreibt dabei an gegen ihre Wut und Ohnmacht, erzählt, wie es sich lebt in einem Land, in dem man ständig in Frage gestellt wird, oft ganz ohne Worte und noch viel öfter mit unbedacht Gesagtem. Kadhi nimmt sich kein Blatt vor den Mund, erzählt schonungslos, wie es ist, sich fehl am Platz zu fühlen, in den alltäglichsten Situationen nach anderen Maßstäben beurteilt zu werden, allein wegen der Hautfarbe. Welche das ist, das zu erfahren, man anfangs noch hofft, irgendwann aber aufgibt, weil man erkennt: Es tut nichts zur Sache.

Fakten wie die Herkunft der Protagonistinnen werden keines Wortes gewürdigt, nicht einmal das Alter des Trios wird verraten. Dafür erfahren wir, welche Mechanismen jede der drei entwickelt hat, um mit Alltagsrassismus umzugehen.

Der Höhepunkt. Die eineinhalbseitige Wutrede von Kadhi, in der sie einen Nazi mit dem eigenen Versagen konfrontiert. Man steht als Leser im Genuss, ob der entlarvenden Worte, doch sollte man sich nicht zu früh freuen. Als die Autorin Sayas Beteiligung am „Jahrhundertbrand“ offenbart, ist man überrascht, sogar entsetzt, weil man es selber ist, der plötzlich entblößt dasteht, konfrontiert mit den eigenen Vorurteilen, gegen die man sich immun glaubte.

„Drei Kameradinnen“ ist ein großartiges Buch mit einer beeindruckenden Erzählweise, obendrein spannend wie ein Krimi. Vor allem aber ist es ein Buch, das man lesen sollte, weil es die Sichtweise verändert – die eigene. (rofi)

Artikel von

Roswitha Fitzinger

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