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Literatur

Verschwiegene Erinnerungen

Von Christian Schacherreiter  01. August 2020 00:04 Uhr

In Valerie Fritschs Roman "Herzklappen von Johnson & Johnson" liegt vieles im Dunkeln.

Schon nach wenigen Seiten ist eines klar: Wir haben es mit einer hochtalentierten Autorin zu tun. Ihr Satzbau folgt einem sanften, klaren Rhythmus. Ihre Bilder stimmen. Und sie kann, was nur wenige so richtig gut können. Valerie Fritsch beherrscht die Kunst der Raffung und Verdichtung, die aus wenigen starken Zeichen eine Fülle an Welt hervorzaubert.

Die Welt des Romans "Herzklappen von Johnson & Johnson" wirkt zunächst einmal klein und überschaubar. Valerie Fritsch erzählt von Alma, von ihrer Kindheit, von ihren Eltern, denen viel an der Fassade anständiger Bürgerlichkeit liegt. Auf Alma wirken aber Mutter und Vater wie Bühnenfiguren in einer seltsamen Szenerie. Schon beim kleinen Mädchen stellt sich das Gefühl ein, sie habe es mit künstlichen Fassaden zu tun. Das erzeugt Verunsicherung, Fremdheit und manchmal auch eine Wut, deren Ursache dem Kind dunkel bleibt.

Im Dunklen liegt auch die Vergangenheit des Großvaters, der als junger Mann noch Soldat war, stationiert in Russland. Er war Kriegsgefangener in einem kasachischen Lager. Ein Opfer? Ein Täter? Wahrscheinlich beides. In der Familie wird darüber geschwiegen. Bei Familienfesten sitzt der Großvater mit gleichaltrigen Freunden an einem Tisch im Abseits. Dort reden sie dann vom Krieg.

Familiäre Tabuthemen

Der Motivkomplex Erinnern-Vergessen-Vertuschen trägt einen großen Teil des Plots: die auf den Krieg fokussierte Erinnerung des Großvaters, die Tabuthemen der Familie, nicht zuletzt die gelöschte Erinnerung im Kopf von Almas dementer Schwiegermutter.

Das Mädchen Alma wird zur Frau, heiratet, lässt sich scheiden, heiratet wieder und wird Mutter eines Buben, der unter einer Genmutation leidet, die ihn schmerzunempfindlich macht. Das scheint ein Vorteil zu sein, in Wahrheit lebt Emil stets gefährlich. Für die Eltern ist das eine enorme pädagogische Herausforderung. Aber Alma und ihr Mann Friedrich kommen damit zurecht, auch wenn die Erzählerin keinen Zweifel daran lässt, dass die Ehe so mancher Belastungsprobe ausgeliefert ist.

Als Friedrich, der als Fotograf arbeitet, den Auftrag bekommt, verfallende Bauwerke in osteuropäischen Ländern zu dokumentieren, entschließt sich Alma, ihn gemeinsam mit Emil zu begleiten. Sie will auch nach Kasachstan reisen, wo der schweigende Großvater im Lager war. Vielleicht bekommt sie dort die Antworten, die ihr die Familie verweigert hat. Bei den Reiseschilderungen merkt man, dass Valerie Fritsch selbst als Fotografin arbeitet. Sie verzichtet auf epische Breite und konzentriert sich auf das eine aussagekräftige Detail, das eine Geschichte erzählen könnte.

Tipp: Lesung aus "Herzklappen von Johnson & Johnson" mit Valerie Fritsch, Posthof Linz, Montag, 19. Oktober, 20 Uhr

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Christian Schacherreiter

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