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Literatur

Und ewig rauscht der Wasserfall

16. Januar 2021 00:04 Uhr

David Schalko
David Schalko

David Schalkos neuer Roman als Parabel auf den Untergang des Abendlandes.

Eine einst mondäne Stadt in einer Alpenschlucht. Ein leeres Grand Hotel, eine heruntergekommene Kuranstalt, ein Casino, Heilbäder und ein brutalistisches Kongresszentrum in der Mitte des Ortes, in dem nur noch der Wasserfall tost. Bad Gastein? Nein: "Bad Regina". So heißt der neue Roman des österreichischen Regisseurs und Autors David Schalko, der gleichzeitig Schauplatz des Buches ist.

Früher hatte der alpine Kurort 4000 Einwohner, mittlerweile sind es nur noch 46. Wir lernen sie im Laufe der nahezu 400 Seiten fast alle kennen. In dieses dörfliche Biotop hat Schalko einen Fremdkörper gesetzt. Chen heißt er, wird von allen immer als "der Chinese" tituliert – und er hat schon fast den gesamten Ort aufgekauft. Doch aus dem Immobilienbesitz werden Ruinen, unternehmerische Pläne scheint er keine zu haben.

Detailverliebt stellt der Autor sein in unterschiedlichen Verfallsstadien befindliches, teilweise recht skurriles Personal vor, baut viel Lokalkolorit und allerlei Spitzen gegen Land und Leute ein, gönnt sich eine längere Thomas-Bernhard-Suada, kommt aber dabei kaum von der Stelle – bis Othmar die Dinge in die Hand nimmt und eine Kommandoaktion plant.

Während der Widerstand langsam Gestalt annimmt, türmt sich in dieser Parabel auf den Niedergang des alten Kontinents zentnerschwer Thema auf Thema und droht die Geschichte darunter zu begraben: unverbesserliche Nazis und nie vollzogene Restitution, Ausbeutung der Natur, Erstarrung und Verkalkung einer rückwärtsgewandten Kultur, Globalismus- und Kapitalismuskritik, Tourismus, Kolonialismus und Migration.

Um bei allen Wendungen des Showdowns Schritt zu halten, braucht es einiges an Durchhaltevermögen und viel Konzentration. Etwas Kenntnis von Friedrich Dürrenmatts Stück "Der Besuch der Alten Dame" schadet auch nicht. Katharsis verweigert David Schalko allerdings. Dafür gibt es Muwele und Kubeba. Nicht mit alten Griechen, sondern mit jungen Afrikanern geht das Buch zu Ende, mit fröhlichen Tänzen und einem Medizinmann-Auftritt. Das Schlusskapitel wirkt, als hätte man aus Versehen den Sendekanal gewechselt. Nur einem ist das ganz egal, wie der Schlusssatz verrät: "Der Wasserfall rauschte, so wie er immer rauschte." (whl)

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