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Literatur

Robert Harris stöbert in den Ruinen unserer untergegangenen Zivilisation

Von Lukas Luger 16. November 2019 00:04 Uhr

Mit seinem Debütroman „Vaterland“ wurde Robert Harris 1992 weltberühmt.

Mit "Der zweite Schlaf" hat der britische Bestsellerautor eine faszinierende Dystopie verfasst

England nach der großen Katastrophe: In eine postapokalyptische Welt entführt der britische Schriftsteller Robert Harris (62) in seinem neuen Roman "Der zweite Schlaf". Ein junger Priester wird in ein Dorf entsandt, um die Beisetzung des mysteriös verstorbenen Pfarrers zu regeln. Was er entdeckt, stellt sein Glaubenssystem infrage.

OÖN: Wie lange trugen Sie die Idee für diese postapokalyptische Welt mit sich herum?

Robert Harris: Die Grundidee – ein Gelehrter stöbert in den Ruinen einer längst untergegangenen Zivilisation herum, die sich als die unsrige entpuppt – hatte ich vor sieben oder acht Jahren. Nach "München" schien mir die Zeit reif, dieses Projekt ernsthaft anzugehen. Jedes Buch hat seine Zeit, in der es geschrieben werden muss. Dieses Gefühl gesellschaftlicher Fragilität ist heute viel drängender und aktueller als damals. Unsere Gesellschaft hat in technologischer Hinsicht einen Höhepunkt erreicht, ist gleichzeitig aber so verletzlich wie nie. Ich ließ mich von dieser Geschichte regelrecht treiben. "Der zweite Schlaf" ist sicher mein fantasievollstes Buch.

An welchem Punkt wurde unsere Technologie vom Hilfsmittel zur zivilisatorischen Bedrohung?

Ähnlich wie bei den Römern, den Ägyptern oder den Mayas beginnen wir uns einem Punkt zu nähern, an dem die Gefahr besteht, dass wir uns selbst verschlingen. Die Gefahr eines Cyber-Angriffs ist größer, als wir realisieren. Und größer als jede Bombe, jeder Anthrax-Anschlag. Stünde das Internet für längere Zeit still, würde unfassbares Chaos mit unabsehbaren Konsequenzen ausbrechen. Wir wickeln alle unseren finanziellen Transaktionen online ab, wir leben in Städten, die komplett von Nahrungsmittellieferungen abhängig sind, unser ganzes Leben ist in der Cloud gespeichert – das macht uns extrem verletzlich.

Ihre Hauptfigur, der Priester Christopher Fairfax, ist ein komplexer Charakter. Er ist tatkräftig und intelligent, fürchtet sich aber vor den Dingen, die er entdeckt, weil sie seine intellektuelle Welt einstürzen lassen. Ist er an Adson aus Umberto Ecos "Der Name der Rose" angelehnt‘?

Bewusst habe ich ihn nicht so angelegt. So eine Figur wie Adson oder Fairfax ist in der fiktionalen Literatur aber nicht unüblich: Ein in den Fesseln der Religion Gefangener beginnt seinen Glauben infrage zu stellen. Für mich ist die Kirche im Buch das Äquivalent zu der diktatorischen Einheitspartei in "1984". Eine Partei, die junge Menschen indoktriniert und zu Kadern erzieht. Ähnlich wie George Orwells Winston Smith rebelliert mein Fairfax dagegen.

Der Niedergang der Zivilisation korrespondiert in Ihrem Buch mit einer Renaissance des religiösen Fundamentalismus. Gehen Katastrophe und Frömmigkeit für Sie zwingend Hand in Hand?

Nichts ist unausweichlich. Natürlich ist mein Buch eine Dystopie, die vieles bis zum Äußersten ausreizt und zuspitzt. Eines ist aber klar: Es herrscht Krieg zwischen Rationalität und Irrationalität, zwischen Aberglaube und Faktenwissen, zwischen Glaube und Wissenschaft. Das größte Paradoxon unserer Gesellschaft ist: Je ausgefeilter Technologie und Kommunikationswege sind, desto mehr Verschwörungstheorien verbreiten sich. Die Technik scheint gewisse Wesenszüge des Menschen, wie unter einer Lupe, zu vergrößern. Und das sicher nicht zu unserem Vorteil. Käme es zu einem Kollaps, würden sich die Menschen in Scharen von den Experten ab- und Heilsversprechern zuwenden.

Warum und wie exakt unsere Zivilisation den Bach runterging, erfährt der Leser in "Der zweite Schlaf" nicht. Ein Kniff oder haben Sie sich absichtlich nicht mit dem Warum aufgehalten?

Was mit der Zivilisation in "Der zweite Schlaf" passiert ist, habe ich in der Tat für mich selbst eruiert. Ich wollte aber kein Buch schreiben, das wie Cormac McCarthys "Die Straße" direkt nach der Katastrophe spielt, sondern eines, das Jahrhunderte später angesiedelt ist. Ich wollte den Lesern keine ausgefeilte Erklärung für das Geschehene offerieren, sondern sie spekulieren lassen. Zu viel Erklärung hätte das Buch verkleinert.

Die vielschichtige Welt, die Sie erschaffen haben, geht weit über die eigentliche Handlung des Romans hinaus. Planen Sie diese Welt wieder zu besuchen?

Nachdem das Buch fertig war, wurden die Filmrechte rasch verkauft. Und zwar an jene britische Produktionsfirma, die auch "Downton Abbey" realisiert hat. Diese will aus "Der zweite Schlaf" eine TV-Serie machen, in der diese Welt näher erforscht wird. Das halte ich für eine spannende Idee, an der ich gerne auch mitarbeite. Ein Sequel von "Der zweite Schlaf" werde ich nicht schreiben. Dazu habe ich bereits zu viele andere Ideen im Kopf.

Würden Sie in einer postapokalyptischen Welt überleben?

Nein, auf gar keinen Fall! Ich bin überhaupt nicht praktisch veranlagt. Mein Vater konnte Autos reparieren, Dinge mit seinen Händen herstellen, Obst und Gemüse züchten – ich kann nichts davon. Dieses nagende Gefühl der Unzulänglichkeit hat mich motiviert, diesen Roman zu schreiben.

Eine Welt in Trümmern

Die Zukunft sieht mittelalterlich und düster aus in Robert Harris’ fulminantem Thriller „Der zweite Schlaf“. In einer betont technologiefeindlichen Gesellschaft, die sich den Dogmen einer repressiven Kirche ergeben hat, muss der junge Priester Fairfax den mysteriösen Tod eines Landpfarrers in der englischen Provinz aufklären.

Der Tote war Hobbyhistoriker, sein Leben lang auf der Suche nach den Ursachen des zivilisatorischen Zusammenbruchs, der vor sechs Jahrhunderten die Erde erschütterte. In Fairfax’ Welt ist es aber ein Kapitalverbrechen, sich zu intensiv mit der als Sündenfall gebrandmarkten Vergangenheit zu beschäftigen. Fairfax kommen aber Zweifel: War der Verstorbene tatsächlich ein Ketzer oder doch ein mutiger Kämpfer für die Wahrheit? Er beginnt selbst zu ermitteln – und stößt auf Erschütterndes.

Elegant und mit viel Sinn für clever gesetzte Details verwebt Harris in „Der zweite Schlaf“ ein hochinteressantes „Was wäre wenn?“-Gedankenspiel mit klassischen Krimi- und Thriller-Versatzstücken. Das Resultat? Ein so faszinierend aufgebauter wie rasant verfasster „Page Turner“, der weder auf Spannung verzichtet, noch die Intelligenz der Leser beleidigt.

Robert Harris, „Der zweite Schlaf“, Heyne
Verlag, 416 Seiten, 22,70 Euro

 

Artikel von

Lukas Luger

Redakteur Kultur

Lukas Luger
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