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Literatur

Josef und Maria – und ihr Kind

Von Wolfgang Huber-Lang   15. Februar 2020 00:04 Uhr

Josef und Maria – und ihr Kind
Monika Helfer (72): nicht einfach nur eine Liebesgeschichte

Monika Helfer hat einen berührenden Dorf- und Familienroman geschrieben, in dem eine strahlend schöne Frau im Mittelpunkt steht.

Josef und Maria. Wie die Geschichte dieses Paares ausgegangen ist, weiß im christlichen Teil Europas jedes Kind. Auch zwischen Josef und Maria Moosbrugger ist es etwas ganz Besonderes. Von diesen beiden erzählt die Vorarlberger Autorin Monika Helfer in ihrem neuen Roman "Die Bagage". Und auch hier kommt ein Kind zur Welt, dessen Vaterschaft nicht wirklich geklärt ist.

Die Bagage – das ist der Spitz- oder Schimpfname der Moosbruggers, die mit einer Ziege, zwei Kühen und vier Kindern in ärmlichsten Verhältnissen am Rand eines Bergdorfes leben, "am letzten Ende hinten oben", auf der Schattseite, wo kaum etwas wächst. Doch eine leuchtet aus dieser Düsternis strahlend heraus: Maria ist eine bildschöne Frau. So schön, dass die Männer des Ortes den Blick senken, um sich nicht in sie zu verschauen. So schön, dass ihr Mann Josef, als er im September 1914 den Einberufungsbefehl in jenen Krieg erhält, der keineswegs nach wenigen Wochen beendet sein wird, sondern die Monarchie zu Fall und für alle unvorstellbare Umwälzungen mit sich bringt, zum Bürgermeister geht und sagt: "Könntest du auf die Maria aufpassen, wenn ich im Feld bin?"

Das kann nicht gut gehen. Das geht auch nicht gut, wenngleich in unvorhergesehener Art und Weise. So unvorhergesehen wie die Ankunft eines feschen jungen Deutschen in dem Dorf. Er spricht Maria auf einem Viehmarkt in einem Nachbardorf an. Er taucht bei ihr zu Hause auf, plaudert mit ihr, spielt mit ihren Kindern. Er setzt in Maria etwas in Gang, das auch für die anderen Dorfbewohner nicht zu übersehen ist. Er bekommt einen Kuss, der in die Familiengeschichte eingeht.

Monika Helfer stattet ihre nachgeborene Erzählerin mit vielen Details aus, die darauf schließen lassen, dass es tatsächlich die Familiengeschichte der "Meinigen" ist, die sie hier rekonstruiert. Und sie schlägt sich auf die Seite jener, die ihrer Großmutter Maria geglaubt haben, als sie beteuerte, mehr sei nie gewesen zwischen ihr und Georg, dem Deutschen. Der heimkehrende Josef zählte leider nicht dazu. Für ihn war klar, dass das fünfte Kind (zwei werden später noch dazukommen) seiner Frau nicht von ihm ist. Mit Margarethe, der Mutter der Erzählerin, wird er nie ein Wort wechseln.

Helfer hat nicht einfach eine Liebesgeschichte geschrieben. Und sie hütet sich auch, die oftmals beschworene Schönheit ihrer Hauptfigur allzu detailreich zu beschreiben. Mehr Worte macht sie um Marias Umgebung, um die Gefühle, die sie auslöst – Neid und Begehren, Argwohn und Verachtung. "Die Bagage" ist eine Geschichte des dörflichen Zusammenlebens und der vielfältigen Beziehungen.

Der Bürgermeister entpuppt sich letztlich als ein übler Wicht, gegen den die versammelte Kinderschar der Mutter zu Hilfe kommen muss, und der später Lügengeschichten über Maria erfindet. Ausgerechnet der Pfarrer kennt keine Barmherzigkeit, und nur der Briefträger zeigt Herz und Mitmenschlichkeit und bewahrt zeitweise die Familie vor dem Verhungern.

Persönlich und gefühlvoll

Monika Helfer erzählt die Geschichte von Josef und Maria über deren Tod hinaus, bis hinauf in die Gegenwart. "Beinahe alle, über die ich schreibe, liegen unter der Erde. Selber bin ich alt. Meine Kinder leben, bis auf Paula, die nur einundzwanzig wurde." Heute stehe sie öfter an ihrem Grab als früher vor ihrer Wohnungstür. Denn: "Du hättest die Tür geöffnet und gesagt: Mama, du schon wieder." Das berührende Ende eines sehr persönlichen, sehr gefühlvollen, sehr schönen Buches.

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