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Die Herrenhäuser der Schwarzen Grafen

Von Roman Sandgruber   12.Dezember 2020

Erkundungstour im Wohnzimmer
Schloss Engelseck in der Redtenbachergasse 9 in Steyr

Oberösterreichs Kulturlandschaft ist eine Schatzkiste mit offen daliegenden Schätzen. Man braucht sie nur zu suchen und zu besuchen. Ganz besonders gilt dies für die Denkmäler der alten Eisenindustrie des Landes, die einst Weltgeltung besaß. Der Architekt und Kunsthistoriker Reinhold Jagersberger führt uns zu etwa 220 Herrenhäusern und Werkstätten, aber auch zu Klein- und Flurdenkmälern dieser alten Industrie Oberösterreichs.

Es ist primär eine wundervolle Reise durch jene Region des Landes, die den sprechenden Namen "Eisenwurzen" trägt. Aber Jagersbergers Blick ist weiter. Er findet auch im Traun-, Mühl- und Innviertel Spuren, die von der alten Bedeutung der Eisenverarbeitung zeugen. Die Wurzel des Eisens, der Erzberg, liegt zwar in der Steiermark, der Jagersberger bereits 2015 einen ähnlichen Band gewidmet hat. Aber die eindrucksvollsten Beispiele dieser alten Industriekultur sind – das darf man mit Stolz sagen – in Oberösterreich zu finden, weshalb der Oberösterreich-Band auch bedeutend dicker ausgefallen ist als der steirische.

Erkundungstour im Wohnzimmer
Neues und altes Herrenhaus, Pießling 30

Ein komplexes System

Das Wort "Eisenwurzen" erklärt diese Landschaft gut: Vom Stamm des Erzbergs ausgehend war alles wie ein Wurzelstock in einem komplexen System miteinander verbunden. Die Logik der Landschaft erklärt sich aus der Natur vorindustrieller Standortbedingungen: Die Erze kamen vom Berg, die Kohle und die Wasserkraft aus den engen Tälern, das Brot und das Schmalz aus dem reichen Voralpenland und das Geld aus allen Himmelsrichtungen des einstigen Europa. Berühmt war die Qualität der von hier stammenden Erzeugnisse, der Halb- und Fertigprodukte, der Sensen und Messer, aber auch der Feitel, Maultrommeln und sonstigen Fabrikate der Kleineisenindustrie. Von ihrer einstigen Bedeutung zeugt heute nur mehr die Bau- und Wohnkultur dieser alten "Herren des Eisens", der "Schwarzen Grafen", deren Kultur immer etwas Geheimnisvolles an sich hatte: das mächtige Dröhnen der Hämmer, der schwarze Ruß ihrer Arbeit, die Abgelegenheit der Standorte.

Koordinaten als Suchhilfe

Jagersberger hat einen Prachtband geschaffen. Er hat alle heute noch vorhandenen Herrenhäuser der Schmiedemeister und Eisenhändler erfasst, beschrieben und fotografiert. Er hat diese Kultur nicht nur einfühlsam studiert, sondern auch selbst bereist. Das Buch, obwohl für einen Reiseführer eigentlich zu schwer, eignet sich dennoch hervorragend für die Vor- und Nachbereitung von Erkundungstouren durch das Land. Damit man die Objekte auch findet, sind sie mit Adresse und Koordinaten genau verortet, sodass die Auffindung des jeweiligen Objekts keine Probleme bereiten dürfte. Aber eigentlich ist das opulent bebilderte und genau dokumentierte Werk für eine Entdeckungsreise im Wohnzimmer geschaffen. Man braucht bloß zu blättern: Man staunt über die prachtvollen Häuser mit ihrem Sgraffitoschmuck, die reizvollen, in die Natur eingepassten Ensembles, aber auch über viele kleine Details, die man allzu leicht übersieht, die aber die wirkliche Schönheit ausmachen.

Erkundungstour im Wohnzimmer
Tor zum Prevenhueberhaus, Marktplatz 6, in Weyer

Auch wenn man sich wie der Autor dieser Zeilen mehr als 50 Jahre immer wieder mit der Kultur der Eisenwurzen beschäftigt hat, entdeckt man viel Neues. Und wer neu in diese Kultur eintauchen möchte oder bei einer Wanderung oder einem Spaziergang darauf stößt, erhält eine verständliche Einführung in die Technik der Eisenerzeugung und Bearbeitung und in die Besonderheiten dieser Kultur.

Auch auf kleine Einzelheiten wird die Aufmerksamkeit gelenkt, auf das Pfusterkreuz bei der Pfusterschmiede in Micheldorf oder das Fresko am Herrenhaus Zeitlinger in Schmiedleithen, auf die Weinmeisterkapelle in Spital am Pyhrn und die vielen schmiedeeisernen Fensterkörbe und Gartentore, kleinen Fresken und Votivbilder, Sonnenuhren und Handwerkssymbole, ob man nun durch Steyr, Weyer, Steinbach oder Micheldorf spaziert oder zu den oft recht versteckten Objekten in den Bezirken Freistadt oder Braunau kommt. Man kann diese Wanderungen auch im Buch machen. Die unzähligen, liebevoll angefertigten und ausgewählten Abbildungen sind für sich Kulturwanderungen. Aber sie dann in natura zu besichtigen, kann das Buch dann doch nicht ersetzen.

Erkundungstour im Wohnzimmer
Schloss Breitenbruck in Katsdorf

Das Buch ist auch ein Aufruf, wie sehr diese Kultur zu schützen ist. Denn viel davon ist bedroht. Und wie viel schon verloren gegangen ist, wird uns nur ganz unzulänglich bewusst, wenn Jagersberger auch verloren gegangene Objekte oder den Zustand des Verfalls und der Zerstörung dokumentiert. Beeindruckend ist auch die lange Liste von Experten, die Reinhold Jagersberger mit ihrem Wissen und mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit unterstützt haben, weil das auch jene Persönlichkeiten sind, die sich mit ganzem Herzen für die Rettung der Kultur des Eisenwesens im Lande einsetzen.

Erkundungstour im Wohnzimmer
Tor zum Prevenhueberhaus, Marktplatz 6, in Weyer

Reinhold Jagersberger: Die Herrenhäuser der Schwarzen Grafen. Bau- und Wohnkultur der Sensenschmiede, Hammermeister, Messerer und Eisenverleger in Oberösterreich. 528 Seiten, über 700 Abbildungen, Stocker-Verlag Graz, 59,90 Euro

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04. März 2021