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Literatur

Das Wunder Harry Merl

Von Nora Bruckmüller 20. Juli 2019 00:04 Uhr

Das Wunder Harry Merl
"Dass ich das Glück hatte, mit meinen Eltern zu überleben, ist wirklich ein Wunder. Und es hat Wunder gegeben." Harry Merl, Psychotherapeut und Holocaust-Überlebender

Als eines ganz weniger jüdischer Kinder überlebte Harry Merl die Shoa mitten in Wien. Eine Biografie erzählt, wie er der "Vater der Familientherapie" wurde.

Kinder systematisch zu töten ist eine der abscheulichsten Gräueltaten, zu denen die Menschheit fähig ist. Harry Merl wäre als Bub in Wien beinahe Opfer einer solchen Verrohung geworden. Als jüdischen Buben definierte ihn die NS-Ideologie als "Fehler".

Doch Merl war nicht nur eines ganz weniger Kinder, die den Holocaust mitten in der Bundeshauptstadt überlebt hatten, der 84-Jährige schöpfte regelrecht Chancen in kleinsten Freiräumen – innerhalb gewalttätiger, später konservativ-verkrusteter Strukturen.

So entfaltete Harry Merl, der in Gramastetten lebt, auf einem von der Geschichte havarierten Fundament ein erfülltes, dienendes Leben. Heute gilt er international als Pionier der Familientherapie. Ab 1968 prägte er das Linzer Wagner-Jauregg, heute Neuromed Campus, baute dort das Institut für Familientherapie auf und leitete es. Der Psychiater hat fünf Kinder, achtzehn Enkel und sechs Urenkel.

Seine von sozialen Brüchen, seelischen Diskrepanzen und auch Glück geprägte Geschichte hat nun sein langjähriger Weggefährte Johannes Neuhauser – Journalist, Regisseur und selbst Therapeut – mit ihm erarbeitet, mit historischen Fakten angereichert und in biografische Form gebracht.

Was vielleicht zunächst seltsam stimmt, ist, dass Neuhauser schreiberisch dafür die Ich-Form, also Merls Perspektive, gewählt hat. Doch als akribischem Rechercheur und empathischem Vermittler ist dem Linzer darin zu vertrauen, dass er die Gratwanderung zwischen Objektivität und Nähe in aller Redlichkeit gemeistert hat. Letztere basiert auf einem tiefen Verständnis zwischen Autor und Protagonist. Es offenbart sich stark darin, wie Merl die Situation schildert, die ihm letztlich den Mut gegeben hat, nach Jahrzehnten des Zögerns und gegen jede "jüdische Angst" alles zu erzählen.

Ein Theaterstück und die Folgen

Es war bei der Premiere von Neuhausers dem Buch vorangegangenen Theater "Harry Merl – eine Lebensgeschichte" in der Tribüne Linz, "wie die tragischen Szenen mir so wirklich erschienen, dass ich die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte", schreibt Merl im Nachwort. Offenheit und Vertrauen spiegeln sich im Buch in ungeschönten Einblicken und Eingeständnissen. So ist es eine auf allen Ebenen – auch der sprachlichen – in Klartext gehaltene Bestandsaufnahme geworden, die nie nach verdichteter Verklärung oder verbitterter Abrechnung anmutet. Anlässe hätte es gegeben. So entgingen Merls Eltern den Nazis, indem sie für diese arbeiteten und Wohnungen enteigneter Juden ausräumten. Harry blieb viel allein, fern von institutioneller Bildung, schaffte 1945 dennoch in kürzester Zeit die Schule.

Menschenfreund und Tierretter

"Dr. Dolittle" war Merls "erstes und bis heute bestes Lehrbuch". "So wie er die Tiere retten wollte, sollte ich später Menschen in schweren psychischen Krisen helfen", ist zu lesen. Doch Neuhauser schildert in Merls Namen genauso, wie die Traumata des Krieges eine lang nachwirkende Kluft zwischen Eltern und Kind aufgerissen haben. Wie Merl als junger Mann, dem Jüdischsein beraubt, um Identität rang. Und darum, seine "besondere Aufgabe" zu erfüllen: weiterzuleben.

Das Schöne ist, dass dies Merl tatsächlich gelungen ist, indem er, auch in seiner Arbeit, das Gegenteil dessen kultivierte, was er als Kind erlebt hatte: Zusammen- statt Alleinsein, Kommunikation statt Schweigen, Liebe statt Hass.

Artikel von

Nora Bruckmüller

Redakteurin Kultur

Nora Bruckmüller
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