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Kultur

"Klammer - Chasing the Line" - Die Skilegende kommt auf die Leinwand

Von nachrichten.at/apa   19. Oktober 2021 17:13 Uhr

Der österreichische Skistar Franz Klammer

WIEN. Nach vielen Absagen für Filmprojekte über sein Leben hat sich Skilegende Franz Klammer entschlossen, dem Filmprojekt "Klammer - Chasing the Line" nicht nur seinen Segen zu geben, sondern auch aktiv mitzutun.

Im APA-Interview erzählt er, warum er sich so entschieden hat, warum Andreas Schmied in dem am 28. Oktober startenden Film tatsächlich seine damalige Stimmungslage ziemlich exakt trifft, und warum er die damalige Siegesfahrt für ein Schlüsselerlebnis seines Lebens hält.

APA: Herr Klammer - wie oft denken Sie an den 5. Februar 1976?

Franz Klammer: Im Alltag eigentlich überhaupt nicht. Aber ich werde immer wieder daran erinnert. Ich gehe ja mit vielen Menschen skifahren - und da zeige ich die Aufnahme des damaligen Laufs immer her, denn die Leute wollen das sehen. Der verstorbene US-Politiker Richard Holbrooke hatte eine eigene Videokassette davon zu Hause, die hat er sich einmal in der Woche angeschaut und sich Inspiration daraus geholt. Ich schau mir das natürlich auch gerne an. Und das Gute dabei ist: Ich gewinne jedes Mal.

Der Film konzentriert sich auf Ängste, Zweifel und Bedenken und zeigt, dass es gar nicht so selbstverständlich war, zu gewinnen. Können Sie sich an Ihre Emotionen vor dem Rennen noch erinnern?

Ich glaube, der Film spiegelt meine damalige Situation ziemlich genau wider. Auch der Titel "Auf der Suche nach der Linie" trifft das sehr gut. Die Emotionen, durch die ich in dieser Woche gegangen bin, drückt der Film tatsächlich sehr gut aus.

Sie waren 22 Jahre alt, ein junger Bua, der trotzdem in vielem reif wirkte. Sind Sie damals durch den Sport früher erwachsen geworden?

Ich würde sagen, der Sport prägt einen schon, auch die Niederlagen. Ich wurde mit 16 aus dem Kader rausgeschmissen. Da hat der Vater gemeint, ich sollte jetzt einen normalen Beruf lernen - und ich hab gesagt: Ein Jahr würde ich schon noch gerne fahren. Er hat geantwortet: Es ist Dein Leben. Ich bin sehr dankbar, dass er das zugelassen hat. Denn danach ist es bergauf gegangen. Aus jeder Niederlage holt man eine Erfahrung heraus, aus jedem Rennen lernt man etwas. 1974 war der Roland Collombin der schnellste Mann am Berg, und es war mir nicht möglich, ihn zu schlagen, weil ich immer an ihn gedacht habe. Irgendwann hab ich mir gesagt: Franz, was bist Du für ein Dodl, tu einfach, was Du am Besten kannst: Skifahren. Ich habe gemerkt, dass ich nicht gegen eine Person fahre, sondern nur den Berg gut bewältigen muss.

Im Film treffen Sie eine Reihe einsamer Entscheidungen: gegen das Equipment des Teams, gegen das Material der eigenen Skifirma, gegen die im Training gewählte Linie: Wie viel davon ist erfunden?

Das ist Realität. Es gibt ein paar Erfindungen im Drehbuch, aber das ist Realität. (schmunzelt)

Wie haben Sie sich das getraut?

Auf das bin ich eigentlich sehr stolz - dass ich unter diesem Druck so gehandelt habe. Ich hab mit dem Ski, mit dem ich im Endeffekt gefahren bin, vorher alle Rennen gewonnen. Das hat mir schon am Start immer Selbstvertrauen gegeben. Ich hab gewusst, ich kann nicht beim wichtigsten Rennen meines Lebens einfach einen neuen Ski nehmen. Genauso war es mit den anderen Dingen. Im Rennen selbst war ich schon unter Druck. Ich bin natürlich gefahren, um zu gewinnen und hab ein paar Fehler gemacht. Aber ich war dann flexibel genug, zu sagen, ok, jetzt mach ich ganz was anderes. Bei der Zwischenzeit hab ich zu den Leuten geschaut und gewusst: Jetzt muss ich was unternehmen, damit ich das Rennen gewinne. Da bin ich dorthin gefahren, wo ich bei der Besichtigung noch nie gewesen bin. Das war dann die beste Kurve, die ich je in meinem Leben gefahren bin. Für mich bedeutet das auch: Wenn du eine Entscheidung triffst, musst du zu ihr stehen. Du weißt erst nachher, ob sie richtig war oder falsch, aber in dem Moment musst du vollkommen vertrauen auf das, was du gerade entschieden hast.

Das Rennen war also tatsächlich ein Schlüsselerlebnis, das Sie auch für das spätere Leben geprägt hat?

Absolut. Deshalb ist ja Sport so toll: Man kann sehr viel rausziehen fürs Leben und wie man sich verhalten soll.

Es soll bereits einige Filmprojekte gegeben haben, die Sie abgelehnt haben. Was hat Sie bewogen, jetzt mitzutun?

Ich wollte keinen Film haben, der einfach meine Lebensgeschichte erzählt, vom kleinen Franzi über den Teenager bis zum großen Sieger. Da ist das erste Mal die Idee aufgekommen, diese Woche kompakt zu verarbeiten, die sportlerisch wichtigste Woche meines Lebens. Das hat mir gut gefallen. Wie man das umsetzen kann, davon hatte ich keine Ahnung - aber wie man sieht, ist das sehr, sehr gut gelungen.

Hatten Sie keine Bedenken, zu viel von sich preiszugeben?

Nein, ich war offen dafür. Wenn man schon A sagt, muss man auch B sagen. Man hat ja ein bisschen Material für die Geschichte gebraucht, und wenn man sich verschließt, entsteht vielleicht ein Film, mit dem man sich nicht identifizieren kann. Mit diesem Film kann ich mich identifizieren. Es ist eine Zeitreise zurück zu dieser schönen Woche in Innsbruck.

Wo entfernt sich denn der Film am meisten von der Realität?

Zum Beispiel bei der Verabschiedung von meinen Eltern. Da bin ich nicht durch das Fenster vor den Leuten geflüchtet. Oder eine Kleinigkeit: Dass Gustav Thöni bei der Pressekonferenz eine Zigarette geraucht hat, ist auch erfunden. Ich glaube, er hat nie geraucht.

Das Leben im Olympischen Dorf wird ja recht locker gezeigt, mit Nikotin und Alkohol...

Alles erfunden. Wir waren abstinent. Aber im Film kommt es gut rüber. (lacht)

Wo sehen Sie denn die größten Unterschiede im Skizirkus zwischen damals und heute?

Ich glaube, wir haben viel mehr Freiheiten gehabt. Es war überhaupt eine Aufbruchstimmung. Wir waren junge Burschen, und der Skitross war eine große Familie. Athleten, Trainer, Serviceleute, Journalisten: Wir sind alle gemeinsam gereist. Das war eine offene Geschichte. Wir haben keine Pressesprecher oder Sponsoren gehabt, die einem gesagt haben, was man tun muss. Es war eine gute Kameradschaft unter den Athleten, auch international. Das Schönste, dass ich aus dieser Karriere rausgezogen habe, sind die viele Freundschaften von damals, der Bernhard Russi, der Erik Håker, der Michael Veith, der Werner Grissmann... Das Tolle war ja, dass man gemeinsam fährt und nicht als einsamer Wolf. Der war man dann auf der Piste ohnedies, aber nicht neben der Piste.

Wie gefällt Ihnen der Hauptdarsteller Julian Waldner?

Gut. Ich bin sehr zufrieden. Der Julian tut das auf seine eigene Weise. Die Spannungen und Emotionen, durch die ich gegangen bin, hat er sehr gut rübergebracht. Und natürlich gefällt mir die Eva auch gut. (lacht)

Haben Sie ihn denn auch schon skifahren gesehen?

Noch nicht. Aber wir sind dran. Am Patscherkofel war ich bei den Dreharbeiten wegen einer Knieverletzung leider nicht dabei. Aber die Rennaufnahmen sind ihnen sehr gut gelungen. Das Schwierigste war ja, Klammer-Style zu fahren, denn heute steht man viel kompakter über dem Ski und ist nicht so unsicher unterwegs, wie ich halt war. Das war bei den Aufnahmen die größte Herausforderung. (lacht)

Sie spielen in der Schlussszene auch selbst mit. Hat man Sie dazu überreden müssen?

Nein, dazu war keine Überredung nötig. Andreas Schmied hatte dafür genau das richtige Gespür und das auch sehr gut umgesetzt. Diese Schlussszene hat er wohl aus dem Bauch gemacht. Sie fügt sich sehr gut in den Film ein.

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