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OÖN-Filmkritik

"Motherless Brooklyn": Der Detektiv mit Tourette

Von Nora Bruckmüller 14. Dezember 2019 00:04 Uhr

Der Detektiv mit Tourette
Edward Norton ("Fight Club") spielt Lionel und führte erstmals seit "Glauben ist alles!" (2000) wieder Regie.

Edward Norton legt ein erfrischend kühnes Gangster-Epos vor.

Es ist deshalb so witzig, weil man es selbst gerne doch genauso abhandeln möchte. Weil der Fahrer und sein Co-Pilot – Ethan Suplee und Edward Norton – im Stress sind, schmeißen sie auf der New Yorker Brooklyn Bridge die 50 Cent für die Maut einfach aus dem fahrenden Auto ins Hütterl.

Noch komischer wird diese groteske Episode, von denen Regisseur, Hauptdarsteller und Drehbuchautor Norton einige in den 50er-Jahre-Film "Motherless Brooklyn" eingebaut hat, weil Lionel (Norton) und Gil (Suplee) mitten in einer Verfolgungsjagd sind. Ihr Boss, Privatdetektiv Frank Minna, wird von so abgebrühten wie mysteriösen Typen im Ford Plymouth vor ihnen unter Druck gesetzt. Minna verkörpert ein erwartungsgemäß extra cooler Bruce Willis, der sich bald eine Kugel einfängt. Er verblutet im Spital, während ihm der von allen nur "Freakshow" genannte Lionel beisteht. Der hat Tourette – nie diagnostiziert, selbst mit Gras therapiert. Minna war sein Mentor. Weshalb Lionel, der sein Syndrom mit "Glas oder einem Anarchisten im Kopf" vergleicht, herausfinden will und muss, warum sein Freund getötet wurde.

Machtgeilheit und Stadtpolitik

So hat "Motherless Brooklyn" eine Basis mit Chuzpe und Esprit. Denn darauf, einen Mann mit Zwängen und Ticks nach einer Romanvorlage von Jonathan Lethem als Kinohelden in einem Wespennest voll Machtgeilheit, Machokultur, Stadtpolitik und Rassismus herumstochern zu lassen, ist man in Hollywood auch noch nie gekommen. Norton spielt Lionel superb, der sein "Gebrechen" raffiniert einsetzt – wie ein Trojanisches Pferd, um in Machtzirkel vorzudringen, in denen er auf "Kaliber" wie Willem Dafoe und Alec Baldwin trifft.

Und natürlich auf eine Frau, die ihn auf eine heiße Fährte bringt und in die schwarze Jazz- und Nachtclubkultur einführt. So entsteht eine feine, moderne Interpretation eines Film noir, der alle Töne trifft: von Rabenschwarz bis Unschuldsweiß, sowohl in der Golden-Globe-nominierten Musik als auch in Dekor, Licht sowie Fragen von Moral.

Deshalb fällt es aber umso mehr auf, dass Norton, der erstmals seit 2000 Regie führte, der Sinn dafür fehlte, alle tollen Teile zu vereinen, um durchgehend Fahrt aufzunehmen. Anders als auf der Brücke ist hier der Groschen nicht ganz gefallen.

"Motherless Brooklyn": USA 2019, 145 Min.

OÖN Bewertung:

 

Der Trailer zum Film:

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Nora Bruckmüller

Redakteurin Kultur

Nora Bruckmüller
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