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OÖN-Filmkritik

Eine Zerreißprobe des Miteinanders

Von Nora Bruckmüller  26. Juli 2021 00:04 Uhr

Eine Zerreißprobe des Miteinanders
Lukas Miko als Heimleiter Gerald

Der bemerkenswerte Kinofilm "Me, We" beleuchtet tragisch-komische Folgen von Migration.

Angesichts des Dauerbrenners "Pandemie" scheint das Thema dieses Kinofilms beinah aus der Zeit gefallen zu sein: "Me, We" handelt von Österreichern, deren Leben von Geflohenen tief berührt wird. Doch in der Regie des Wieners David Clay Diaz hat sich die 2019 entstandene Produktion einer zeitlosen, kulturellen Aufgabe gestellt: Vergessenes wachzurufen, und nie lockerzulassen, was die Auseinandersetzung mit der menschlichen Natur betrifft.

Wenn B nicht tut, was A will

"Me, We" zeigt in vier Episoden, was passiert, wenn alle "das Richtige" tun wollen: Marie, verkörpert von Verena Altenberger, derzeit Buhlschaft im Salzburger "Jedermann", reist nach Lesbos, um Geflohenen an Land zu helfen. Gerald (Lukas Miko) leitet ein Flüchtlingsheim in Wien. Petra (Barbara Romaner) will einen minderjährigen Migranten integrieren. Und Marcel (Alexander Srtschin) sieht die Sicherheit des Landes durch Zuwanderer derart bedroht, dass der Bursche einen Begleitschutz für Frauen organisiert.

Diese Kapitel nach einem Drehbuch von Diaz und Senad Halilbasic ("7500") vereinen starkes Spiel und exzellente Sensibilität für das, was intensive Darstellerkunst erst ermöglicht – die generelle Unvorhersehbarkeit im Leben und beim Helfen insbesondere. Es passiert hier fast nie, was sich der eine vorstellt, das der andere tun solle. Man ist verblendet, getäuscht, traumatisiert oder beschwert.

Die Aktionen des jungen Afrikaners, der Gerald (Miko) über Grenzen treibt, wie man es von diesem Mann mit gutem Herz nie erwartet hätte, lassen auf gewaltsame Sozialisation schließen. Bei Petra (Romaner) weiß man nie genau, ob sich sie um Mohammed (Mehdi Meskar) um seiner selbst willen kümmert oder um ihre Einsamkeit zu lindern oder sich mit "europäischer Kultiviertheit" zu überhöhen. Eine der spannendsten Episoden ist jene, in der Altenberger glänzt. Marie, die ihre Identität im Helfen begründet, hat auf Lesbos nichts zu tun – die Flüchtlingsboote bleiben aus. Die Frau wird ihr eigener, zu Untätigkeit gezwungener Gegenspieler. Mädchen, die Marcel auf seinem frisierten Moped heimfahren will, fragen ihn, ob er spinne. Es ist eine mehrerer komischer Situationen in "Me, We", weil es schlicht zu viel ist. Genauso entfaltet sich Schmerzhaftes, Aggressives dann, wenn es zu viel an Furcht, Verzweiflung oder guten Absichten gibt. Diese Dichte menschlichen Verhaltens macht "Me, We" bemerkenswert. Dem sozialen Dauerrauschen stellt man präzise Bilder und ruhige, offene Einstellungen entgegen. So bietet "Me, We" Raum, wofür überhitzte, laute, stark politisierte Asyldebatten kaum Platz lassen: Reflexion.

"Me, We": AUT 2019, 115 Min., Regie: David C. Diaz

Eine Zerreißprobe des Miteinanders
Verena Altenberger als Helferin Marie

Artikel von

Nora Bruckmüller

Redakteurin Kultur

Nora Bruckmüller
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