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OÖN-Filmkritik

Ein Kinofilm, der sich am literarischen Schatz überhebt

Von Nora Bruckmüller  25. September 2020 00:04 Uhr

Ein Kinofilm, der sich am literarischen Schatz überhebt
"Slumdog Millionär"-Star Dev Patel als David Copperfield, der sich als Schriftsteller von der Armut emanzipiert.

"David Copperfield" mit Dev Patel: Die neue Adaption des großen Werks von Charles Dickens verzettelt sich lange in zu vielen Ideen.

Der große englische Schriftsteller Charles Dickens (1812–1870) verband ausgeprägtes Gespür für soziales Ungleichgewicht mit Charakteren von ewig bestechender Lebendigkeit und Skurrilität.

So hinterließ der Brite einen literarischen Schatz, der unzählige Möglichkeiten bietet, diesen clever, kreativ und modern in bewegte Bilder zu übersetzen.

Der Schotte Armando Ianucci, bekannt als Regisseur und Autor der Serie "Veep", hatte die Ehre, mit "David Copperfield" (1850) jenen Roman zu verfilmen, den Dickens seinen liebsten nannte und zu dem den Autor seine eigene Kindheit inspirierte. Eine, in der er mit zwölf Jahren wegen der Schulden des Vaters in einer Fabrik Zehn-Stunden-Schichten schieben musste. Geld war für Ianucci, 2010 für einen Drehbuch-Oscar nominiert ("Kabinett außer Kontrolle"), kein Problem.

Sein Film war mit gut 16 Millionen US-Dollar budgetiert. Für die Hauptrolle ging sich damit Dev Patel aus, seit "Slumdog Millionär" (2008) weltberühmt. Doch so wie es dem Filmemacher nicht an Geld mangelte, mangelte es ihm leider nicht an zu vielen Ideen. Seine Arbeit wirkt lange, als hätte ihn der Reichtum der Geschichte des armen Buben erschlagen, den der Stiefvater in die Kinderarbeit zwingt und der einen Höllenritt erdulden muss, bis er Sicherheit als Autor findet.

Patel spielt dabei lange keine wesentliche Rolle, sondern der kleine David, verkörpert von Ranveer Jaiswal. Für sich betrachtet ist er entzückend. Wie so ziemlich jedes Element des Films – die bildhübsch ausstaffierte Upper Class, das gekonnt verrottende Elend. Beides drückt sich in Kulisse, Dekor sowie Kostüm, Maske und Manierismen der erschlagend vielen Charaktere aus, die den Buben durchs Leben schubsen. Ein hektisch geschnittenes und abgefilmtes Ganzes. Wichtiges, was Dickens’ Zauber ausmacht, geht dabei unter: seine Sprache, in der er in bestechender Klarheit seine messerscharfen Beobachtungen verarbeitete.

Sie zu lesen, wird bis heute zum einsamen, stillen, doch wunderbaren Vergnügen. Einen solchen Sog entwickelt der Film erst, nachdem Patel in einem immer kleiner werdenden Ensemble in der zentralen Rolle ankommt.

So brillieren auch die verschrobenen Charaktere dank jener, die sie gestalten – Hugh Laurie ("Dr. House") als herrlich entrückter Kauz an der Seite von Davids Tante, die elektrisierende Tilda Swinton. Oder Ben Whishaw ("Bond") als durchtrieben zuckender Betrüger Uriah Heep. So hält man Dickens’ Geist lebendig.

"David Copperfield": GB 2019, 119 Min., im Kino

OÖN Bewertung:

Trailer:

Dickens im Kino

Mehr als 400 Adaptionen von Dickens’ Werken listet die "International Movie Database" auf. Die erste ist auf 1897 datiert. Es handelt sich um einen von "Oliver Twist" inspirierten Sketch auf gut 11 Laufmetern Projektionsmaterial. "Oliver Twist", "David Copperfield" sowie "Eine Weihnachtsgeschichte" (u. a. 1998 mit Bill Murray in "Die Geister, die ich rief") sind seine meistverfilmten Bücher, gefolgt von "Große Erwartungen" (u. a. 1998 mit Ethan Hawke, Gywneth Paltrow).

 

Artikel von

Nora Bruckmüller

Redakteurin Kultur

Nora Bruckmüller
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