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OÖN-Filmkritik

Die Affäre Dreyfus als fesselnde Detektivgeschichte

Von Silvia Nagl  08. Februar 2020 00:04 Uhr

Die Affäre Dreyfus als fesselnde Detektivgeschichte
Picquart (Jean Dujardin) lässt nicht locker, um Dreyfus (Louis Garrel) zu rehabilitieren.

Roman Polanski hat mit "J’accuse" einen genialen Film gemacht.

Es ist eine unangenehm berührende Szene an diesem 5. Jänner 1895, als der blasse Mann in Uniform vor den salutierenden Soldaten und einer johlenden, sensationsgierigen Menschenmenge degradiert wird: Alfred Dreyfus soll nämlich Verrat begangen und militärische Geheimnisse an die Deutschen verkauft haben. Ein Offizier reißt dem von einem Militärgericht Verurteilten die Knöpfe, Tressen und Kordeln von der Jacke, zerbricht den Säbel. Dreyfus (Louis Garrel) versucht, die Würde zu bewahren. "Man verurteilt einen Unschuldigen!", schreit er.

Einige dickliche, selbstgefällige ranghohe Militärs beobachten das erniedrigende Ritual, übertrumpfen sich in Ironie und Zynismus. Major Picquart bringt das für alle beste Bonmot ein: Dreyfus sehe aus "wie ein jüdischer Schneider, der den Wert der Goldtressen abschätzt". Und doch ist es Picquart, der zur Hauptfigur in diesem Film wird, weil er versucht, den unschuldig verurteilten Dreyfus zu rehabilitieren. Nicht, weil er den Juden mag, sondern weil es ihm sein Gewissen und sein Sinn für Gerechtigkeit so aufträgt.

Wie ein Gemälde

Roman Polanski (86) hat mit "J’accuse – Intrige" über die sogenannte Affäre Dreyfus, die Ende des 19. Jahrhunderts Frankreich erschütterte, einen genialen Film gemacht. Jede Kameraeinstellung ist wie ein Gemälde durchkomponiert, das immer auch etwas schmuddelig wirkt – eben so wie diese ganze Geschichte um Militärs und Nachrichtendienste, bei denen Geheimniskrämerei, Intrigen, Machterhalt und Antisemitismus vorherrschen. Dreyfus wird jahrelang in Isolationshaft auf einer einsamen Insel gehalten, kein Kontakt zur Familie, kein Gespräch...

Nur Picquart (Jean Dujardin immer distinguiert und auf Ehre bedacht und in jeder Sekunde elegant, sogar im weißen Nachthemd ein Sir) kämpft gegen alle Widerstände für eine Wiederaufnahme des Prozesses.

Roman Polanski hat diesen auf wahren Begebenheiten basierenden Fall wie eine spannende Detektivgeschichte aufgebaut. Die mehr als zwei Stunden Filmdauer verfliegen rasant.

Der Filmtitel bezieht sich auf den Titel des Zeitungsartikels von Autor Emile Zola, der Picquart bei seinen Versuchen, Dreyfus zu rehabilitieren, unterstützt: "J’accuse" (ich klage an).

Polanski hatte im Jahr 1977 mit einer Dreizehnjährigen Sex und floh vor der Urteilsverkündung aus den USA. Man mag ihn als Person ablehnen, doch als Filmemacher ist er unbestritten großartig.

"J’accuse – Intrige", F/I 2019, 135 Min.

OÖN Bewertung:

Der Trailer zum Film:

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Silvia Nagl

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