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OÖN-Filmkritik

Das Cockpit als packender Panikraum

Von Nora Bruckmüller 10. Januar 2020 00:04 Uhr

Das Cockpit als packender Panikraum
J. Gordon-Levitt in "7500" – nach dem Notfallcode für Flugzeugentführung

Das Hämmern an der Tür des Cockpits im Kinofilm "7500" hört einfach nicht auf. Ein islamischer Extremist einer Gruppe, die die 20-Uhr-Maschine von Berlin nach Paris entführt hat, schlägt mit einem Mistkübel aus Metall dagegen – quälend, weil unaufhörlich.

Wer offen ist für den ab heute laufenden Thriller von Patrick Vollrath, sitzt emotional längst ähnlich in der Falle wie Co-Pilot Tobias Ellis. Captain Michael Lutzmann (Carlo Kitzlinger) verblutet neben ihm, während der von ihm überwältigte Angreifer Kenan (Murathan Muslu) bewusstlos bleibt – hoffentlich. Denn im Kino sowie in einer Extremsituation kennt die Fantasie keine Grenzen.

Für die Rolle von Ellis konnte Vollrath einen Star des jungen Hollywood gewinnen: Joseph Gordon-Levitt ("Inception", "Lincoln", "The Dark Knight Rises"). Der Kalifornier (38) liefert eine in jeder Facette packende Darstellung, eine fast durchgehende One-Man-Show, Großaufnahme für Großaufnahme. Vollraths schlaue Inszenierung gibt einem das Gefühl, mit ihm im Cockpit zu sitzen, während man die sich im Passagierraum in Echtzeit überschlagenden Ereignisse nur erahnen kann. Faktisch ist das Cockpit – seit 9/11 zum quasi nicht einnehmbaren Panikraum geworden – hier der sicherste Ort, doch einer der Isolation, des Horrors. Ellis muss einsam über Leben entscheiden, auch über das seiner Partnerin, Flugbegleiterin Gökce (Aylin Tezel).

Die anonyme Stimme des Towers, die ihn zur Notlandung in Hannover anleitet, wird auch nie zur echten Rettung werden.

Der Sog, der sich dabei entfaltet, gelingt auch deshalb so prächtig, weil Vollrath – er hat mit seinem Kollegen Senad Halilbasi (31) auch das Drehbuch geschrieben – keine Angst hat, mit dem gängigen, in Flugzeugszenen aufgebauten Heldenmythos zu brechen.

Ellis ist keine Kampfmaschine mit stählerner Seele, die Tote in Kauf nimmt, solange nur die Täter umkommen. Er ist ein authentisch tragischer, menschlicher Held, der schreit, weint. Im dunklen Cockpit, in dem die Armaturen oft fast tröstlich wie ein kleiner Silberstreif am Horizont leuchten, entwickelt sich ein Kammerspiel faszinierender Grautöne, was den etwas hölzernen Auftakt und seine Klischees (Pilot liebt Stewardess) aufwiegt. Entführer Vedat – ein toller Omid Memar – ist letztlich weder gut noch böse, sondern wie Ellis in einer menschengemachten Hölle. Nur begann sein potenzielles Sterben nicht im Flugzeug, sondern mit seiner Radikalisierung.

Kino: "7500", A/D 2019, 92 Min., ab heute im Kino

OÖN Bewertung:

Artikel von

Nora Bruckmüller

Redakteurin Kultur

Nora Bruckmüller
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