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Kultur

"Haben wir keine Wut mehr, werden wir nichts verändern"

Von Nora Bruckmüller  07. August 2020 00:04 Uhr

"Haben wir keine Wut mehr, werden wir nichts verändern"

Liedermacher, Träumer, Kritiker und "ein alter Anarcho" im besten Sinn – Konstantin Wecker feiert 40-jähriges Bühnenjubiläum, gleich mehrmals in Oberösterreich.

Ob "Liebeslied", "Sage nein!" oder sein "Willy" – Konstantin Wecker gilt als einer der größten deutschen Liedermacher. Der 73-Jährige über die Fehler seiner Generation, Jugend, die Hoffnung gibt, Corona und andere Stürme.

Sie sagen, bei Ihnen auf der Bühne sei alles passiert, was passieren könne. Erinnern Sie sich an eine Situation, die besonders heraussticht?

Konstantin Wecker: Vergangenes Jahr in Deutschland wollten wir gerade den Soundcheck machen, da kam ein Orkan auf. Das war lebensgefährlich. Innerhalb von zwei Minuten brach die Bühne zusammen, Fanny Kammerlander konnte gerade noch ihr Cello retten. Der Flügel hat einen Schaden von 20.000 Euro abbekommen. Es war einer der wenigen ganz großen Orkane in Deutschland. Wir waren mit dabei und mussten uns vor der einstürzenden Bühne retten.

Bei Ihrem Solo bei den Brucknertagen wird das Risiko nicht bestehen – Sie spielen am 20. 8. im Stift St. Florian. Am 6. 9. treten Sie für die Lebenshilfe in Freistadt auf. Bereits am 21. 8. wird ein Dokumentarfilm über Sie in Freistadt zu sehen sein. Wie kam es zu "Herbst im Sommergewand"?

Der junge Regisseur Bernhard Wohlfahrter hat einmal bei einem unserer Auftritte in der Burgarena Finkenstein gedreht. Ich mag ihn sehr gerne. Er ist ein sehr begabter Regisseur. Ich habe mit ihm schon davor Kontakt gehabt, da war er ganz jung – ich glaube, erst 18 Jahre alt. Er hat YouTube-Filme mit meinen Liedern gedreht. Das hat mich wirklich außerordentlich gefreut. 18-Jährige sind nicht das typische Wecker-Publikum, das ist doch etwas älter (lacht). Das fand ich sehr schön. Und wo es geht, wollte ich ihn fördern.

Vor Kurzem haben Sie eine Laudatio auf die Fridays-for-Future-Bewegung gehalten. Dabei haben Sie auch Fehler Ihrer Generation kritisiert. Was war der größte?

Ich möchte zunächst von den Vorteilen sprechen: Die klassischen 68er waren eine rebellische Generation. Wir haben viel erreicht, indem alte Nazis in Politik und Wirtschaft aufgedeckt und aus Amt und Würden entfernt wurden. Das war ja das Hauptziel der deutschen Bewegung. Da ist viel gelungen. Es war eine spannende, im besten Sinne anarchische Zeit. Wenn man zurückdenkt, waren auch die Hippies eine tolle Bewegung. Es wurden zuerst einmal alle Tabus in Frage gestellt. Der große Fehler, den wir aber dann gemacht haben, war der, uns zu sehr in Ideologien zu verrennen. Am Ende der 1980er gab es so viele marxistische und sozialistische Gruppierungen. Und jede meinte, ihr Weg sei der einzige, um die Welt zu retten. Ich war da nie mit dabei, weil ich immer ein alter Anarcho war und von einer herrschaftsfreien Welt geträumt habe und noch immer davon träume – das ist meine Utopie. Aber das war der größte Fehler, weil es im Endeffekt den Weg für den Neoliberalismus geöffnet hat.

Im Hinblick auf Ihre Generation und das Dogma Neoliberalismus: Was gefällt Ihnen an der Jugendbewegung Fridays for Future?

Erst einmal ist sie weiblich. Da wird wirkliche Gleichberechtigung gelebt. Das war bei uns 1968 nicht unbedingt der Fall. Und es geht ihr um ein Thema: die ungeheure Zerstörung der Umwelt und der Erde, auf der wir leben. Das wird mit einem ungeheuren Engagement angegangen, aber ohne eine starre Ideologie dahinter. Sie verbindet sich mit Antirassismus- und Frauenbewegung. Es ist spannend, was trotz Corona gerade weltweit passiert: Die Frauen stehen endlich auf. Das macht mir sehr viel Hoffnung.

Zu Beginn der Corona-Zeit gab es eine ideologiefreie Solidarität. Nun scheint das den Menschen wieder anstrengend geworden zu sein und Individualismus wieder Oberhand zu gewinnen. Wie sehen Sie das?

Ich habe das ähnlich erlebt. Ich denke, jetzt müssen wir schauen, dass jenen Politikern, die die Krise ausnutzen wollen, um noch mehr Macht zu bekommen, auf die Finger geschaut wird. Denen, die zu jedem Spiel bereit sind, um an der Macht zu bleiben. Da müssen wir wirklich höllisch aufpassen.

Das ist die Aufgabe kritischer Künstler und Journalisten. Wie würden Sie Menschen abseits dieser Zünfte motivieren, aufzupassen und hinzuschauen?

Wir dürfen eines nicht übersehen: Wenn es keine kritischen Journalisten und ein Mosaik an kritischen Künstlern gegeben hätte, aber auch – und das ist jetzt sehr wichtig – ganz viele unbekannte kritische Menschen, wie ich sie aus der Flüchtlingshilfe kenne und bewundere, dann würden wir Gefahr laufen, der Demokratie verlustig zu gehen. Wir können nie sagen, wir sind Demokraten und wir bleiben es. Wir müssen jeden Tag aufpassen, demokratisch zu bleiben.

Widerstand kostet aber Kraft. Gab es in den vergangenen 40 Jahren Phasen, in denen Sie müde geworden sind?

Natürlich wird man immer wieder einmal müde. Und ich habe in meinem Leben immer dann sehr viel Blödsinn gemacht, wenn ich müde geworden bin. Aber irgendwann packt einen dann wieder die Wut. Ich habe vor zehn Jahren auch das Lied "Wut und Zärtlichkeit" geschrieben. Und mit diesem Lied wurde mir klar, dass sich beides nicht ausschließt. Handeln sollten wir aus Zärtlichkeit. Aber Wut brauchen wir, um etwas zu verändern. Haben wir keine Wut mehr, werden wir auch nichts mehr verändern.

Bei uns drängte man die Kultur in der akuten Corona-Phase ins nicht systemrelevante Eck. Wie haben Sie es in Deutschland erlebt?

Genauso. Ich kämpfe immer dafür, dass Kultur natürlich systemrelevant ist. Wir könnten ohne Kultur überhaupt nicht existieren. Georg Kreisler (den großer Wiener Nachkriegskünstler hatte der Faschismus ins Exil gezwungen, Anm.) hat sinngemäß gesagt: Der Mensch braucht Kultur, weil sie Teil seines Wesens ist. Wenn er sie nicht erleben und leben kann, dann besteht die Gefahr, dass er sich andere Wege sucht. Und die sind meistens gewalttätig. Meiner Meinung nach würde die Welt ohne Kultur seit Jahrtausenden schrecklich aussehen.

Konstantin Wecker bei den Brucknertagen und mehr

  • Brucknertage St. Florian: Am 20. 8. gibt Konstantin Wecker ein Solokonzert im Stift St. Florian, 19.30. Im Fokus der Reihe (15.-23. 8.) steht Bruckners „Vierte“, am Klavier Elias Gillesberger, Christoph Eggner (19. 8.). Weiters u. a.: Altomonte-Orchester & Remy Ballot (21. 8.), Spring String Quartett (22. 8.), OÖN-Karten-Tel.: 0732/7805- 805, www.brucknertage.at
  • Wecker in Freistadt: In der Messehalle spielt Wecker im Trio (mit Jo Barnikel, Fanny Kammerlander) am 6. 9., 19.30, ein Konzert anlässlich 40 Jahre Lebenshilfe Freistadt. Karten: Aktiv-Shop Lebenshilfe, OÖN-Tel. 0732/7805-805 21. 8. (19.30): Wecker-Doku „Herbst im Sommergewand“, mit Regisseur Bernhard Wohlfahrter, www.kino-freistadt.at
  • Der Münchner Wecker lebt eine klare gesellschaftspolitische Haltung (Pazifismus, Humanität). Der Vater zweier Söhne (geb. 1997, 1999) steht offen zu seiner überwundenen Suchterkrankung.

Artikel von

Nora Bruckmüller

Redakteurin Kultur

Nora Bruckmüller
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