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Kultur

Ferdinand Feuersalamander

21. November 2020 00:04 Uhr

Ferdinand Feuersalamander
Katharina und Stefan schmökern im Buch, das sie mit Opa Otto geschrieben haben.

Der kleine Feuersalamander träumte davon, so groß und stark zu sein wie seine Vorfahren, wie die feuerspeienden Drachen. Eine Geschichte aus dem Buch "Märchen aus Corona-Tagen".

Anna und Alois Feuersalamander, Berta und Bertram Feuersalamander und Ferdinand Feuersalamander lebten in einer schmalen Steinritze inmitten des riesigen Vulkanlandes. Die fünf waren eine Familie. Anna und Alois waren die Großeltern. Berta und Bertram die Eltern, und Ferdinand war der Sohn von Berta und Bertram und der Enkelsohn von Anna und Alois. Auf den heißen Steinplatten am Fuß des Stradner Kogels hatte der kleine Ferdinand seinen Spielplatz. Dort tollte er herum und hatte seinen Spaß. Oft hatte auch sein Großvater Alois Feuersalamander, der längst in Pension war, Zeit für ihn. Da lagen sie dann beide auf dem Rücken, ließen sich die Sonne auf den Bauch scheinen, und der Großvater erzählte.

Der Großvater vom kleinen Ferdinand hatte viel zu erzählen. Nicht nur, weil er sehr alt war und schon sehr, sehr lange lebte. Auch weil ihm schon sein Großvater viel erzählt hatte – und dem wieder sein Großvater. So konnte Alois Feuersalamander seinem Enkel Geschichten aus einer Zeit erzählen, als es noch keine Autos und keine Fernseher und schon gar kein Smartphone gab – aus einer Zeit, die viele Hunderte von Jahren zurücklag und in der es ganz, ganz anders war. Damals, vor Hunderten von Jahren, so erzählte der Großvater, seien ihre Vorfahren tausendmal so groß gewesen wie jetzt. Und Flügel hätten sie gehabt, und Feuer speien hätten sie können. Und die stärksten aller Tiere seien sie gewesen, und jede und jeder hätte sich gefürchtet vor ihnen.

Und wenn der Großvater erzählte, wie einst einer ihrer Vorfahren im Kampf gegen ein ganzes Reiterheer aus der Mongolei siegreich geblieben, oder wie eine ganze römische Siedlung aus Schreck vor einem anderen ihrer Vorfahren völlig erstarrt war, dann glänzten nicht nur die Augen des kleinen Ferdinand. Er begann auch zu fantasieren und sah sich als mächtigen Drachen, der feuerspeiend über das Vulkanland flog und vor dem alle davonliefen und Angst hatten und "Hilfe! Hilfe!" schrien.

Ferdinand Feuersalamander

In der Schule verarscht

Öfters, wenn Enkelsohn Ferdinand Feuersalamander nach solchen Träumereien die Augen aufschlug, fragte er seinen Großvater Alois Feuersalamander, warum sie heute nicht mehr so groß seien und nicht mehr fliegen und nicht mehr Feuer speien können, warum sie heute so klein seien und niemand mehr Angst vor ihnen habe – nicht einmal der Regenwurm und die Blindschleiche.

Der Großvater wusste nicht so recht, was er sagen sollte, und meinte nur, dass nach sieben mageren Jahren auch wieder sieben fette Jahre kommen würden. Dass sie bestimmt bald wieder wachsen und groß und stark werden würden. Und dass er, der kleine Ferdinand, bestimmt einmal ein großer Drache sein werde.

In der Schule wurde der kleine Ferdinand wegen seines Nachnamens sehr oft verarscht. "Feuer-Sala-Mander – ist schlecht beieinander!", riefen die anderen Kinder hinter ihm her. Oder: "Sala-Mander-Feuer – ist nicht ganz geheuer!" Oder: "Feuer-Mander-Sala – geht mir auf die Gala!" Und der kleine Ferdinand ärgerte sich. Weil er aber viel, viel kleiner war als all die anderen in der Vulkanlandschule, hatte er keine Chance, sich zur Wehr zu setzen. Ach, wie schön es doch wäre, größer zu sein und stärker und fliegen und Feuer spucken zu können, dachte er.

(…)

Am zehnten Geburtstag von Ferdinand war es. Wieder kam der kleine Feuersalamander verärgert aus der Vulkanlandschule nach Hause. Einmal mehr hatten ihn die Kinder verspottet. "Kleiner Wicht, kleiner Wicht, wirst doch nie ein Drache nicht!" Auf der sonnigen Steinplatte am Fuß des Stradner Kogels wartete bereits die Familie. Alles war für die Geburtstagsfeier, das Zehn-Jahre-Jubiläum, wie Großmutter sagte, vorbereitet. Aber weder der köstliche Fliegeneintopf, den Mama Berta zubereitet, noch die bunte Blattlaustorte, die Oma Anna gebacken hatte, konnten Ferdinand wirklich trösten. Auch das Versprechen von Papa Bertram, am Nachmittag mit seinem Sohn einen Ausflug zum Nachbarkogel zu machen, ließ den kleinen Feuersalamander nicht wirklich glücklich dreinschauen.

Das Buch der Vorfahren

Erst als Opa Alois mit einem dicken Buch daherkam, auf dem ein feuerspeiendes Ungetüm abgebildet war und in breiten Buchstaben "Wir Drachen" zu lesen stand, huschte ein Lächeln über Ferdinands Gesicht. Weil er jetzt zehn Jahre alt sei und damit das entsprechende Alter erreicht habe, übergebe er ihm nun dieses Buch, das er von seinem Großvater und der von seinem Großvater und der wieder von seinem Großvater erhalten habe. "Das Buch unserer Vorfahren!", sagte Opa Alois. Ein Buch, in dem er Antworten auf all die Fragen finden würde, mit denen er bisher seinem Großvater in den Ohren gelegen habe.

Ferdinand Feuersalamander

Ob des Ahnenbuchs, das sein Opa ihm in die Hände drückte, vergaß Ferdinand nicht nur Fliegeneintopf, Blattlaustorte und Ausflug zum Gleichenberger Kogel. Ferdinand vergaß auch die Trübsal, die er ob des Spotts seiner Schulkameraden geblasen hatte. Er begann in dem dicken Buch zu lesen – und hörte gar nicht mehr auf damit. Die Sonne war bereits untergegangen und Ferdinand konnte kaum noch Bilder und Buchstaben erkennen, als es der Mutter endlich gelang, ihn rein in die Felsritze zu holen und zur Nachtruhe zu bringen.

Es war einfach toll, was der kleine Ferdinand da im Ahnenbuch zu sehen und zu lesen bekam. "Super!", hörte man ihn murmeln. "Super! Spitze!" Die ganze Nacht träumte und fantasierte er. Wie seine Vorfahren sah er sich übers weite Vulkanland fliegen, da und dort eine Feuerwolke über die Dörfer blasend, Angst und Schrecken verbreitend. Seine Schulkollegen sah er, vor Furcht schlotternd, um Nachsicht und Vergebung bittend. Hoch auf der Riegersburg ließ er sich nieder, thronte auf dem höchsten Turm, und alles blickte hoch zu ihm, bekundete Ehrerbietung und Unterwürfigkeit. Er wollte gar nicht mehr aufwachen, so schön waren seine Träume. Und seine Mutter hatte alle Hände voll zu tun, ihn aus dem Bett zu kriegen.

Fabelhafte Wesen

In dem Ahnenbuch, das der Großvater seinem Enkelsohn anlässlich dessen zehnten Geburtstages geschenkt hatte, fand der kleine Feuersalamander Ferdinand jede Menge rund ums Drachenwesen, die Drachenwerdung, die Drachengeschichte. Über das körperliche wie seelische Wohlbefinden dieser fabelhaften Wesen, über Lebensweise und Sozialverhalten. Auch über die Fortpflanzung der Tiere, was ihn aber nicht sonderlich interessierte. Dafür saugte er alles andere förmlich auf.

Dass der Saft des Johanniskrauts die Herzen junger Drachen mit Mut und Zuversicht stärke und die Wurzel der Petersilie den Muskeln junger Drachen enorme Spannkraft verleihe, war da zu lesen. Dass ein einziger Tropfen Gift der Kreuzotter den Feuerausstoß eines Drachen um das Dreifache erhöhen würde. Und dass die Topinamburknolle, roh verzehrt, dem Muskelaufbau des Drachen äußerst dienlich sei. Und Übungen standen da geschrieben und gezeichnet, die jungen Drachen empfohlen wurden, um Manneskräfte zu erreichen. Das zwanzigmalige Erklettern einer neunzig Grad geneigten Steinplatte von wenigstens zwei Meter Höhe. Achtundvierzig Hoch-Tief-Beugen auf nur einem Fuß. Der Sprung von Ast zu Ast bei mindestens einmetrigem Corona-Abstand. Das Hochstemmen eines mächtigen Steins allein mit der Kraft seines Nackens. Das Erproben des Fliegens und des Flugs wurde geschildert. In Bildern wurde gezeigt, wie die Vorfahren des Feuersalamanders Ferdinand im Gleitflug übers Land schweben, wie sie fliegend die Welt beherrschen. Wie die Drachen über Dörfer hinwegsegeln und sich die Menschen auf die Knie werfen. Und Bilder von Kämpfen gab es. Wie ein Ritter in Rüstung erfolglos versucht, den Drachen zu töten, mit Lanzen und Schwertern bewaffnet. Wie ein ganzes Heer von Männern mit Sensen und Mistgabeln einen Drachen in die Knie zwingen will. Wie diese Männer am Ende aber, ihre Waffen wegwerfend und laut um Vergebung schreiend, davonlaufen.

(…)

Der kleine Ferdinand schaute, las und studierte nicht nur. Er begann gleichzeitig auch zu üben, zu proben, das erworbene Wissen in die Tat umzusetzen. Schließlich wollte auch er ein Drache werden. Groß, stark, kräftig. Mit solchen Muskeln; groß und stark wie seine Vorfahren.

Wenn Ferdinand in der Früh erwachte, ging er zum Bach und nahm ein kaltes Bad. Das rege den Kreislauf an, mache ihn munter und belebe die Sinne, hieß es im Drachenbuch. Zum Frühstück gab es der Proteine wegen frische Maden, am besten von Fleischfliegen, die den Muskelaufbau besonders unterstützen und für Kraft und Ausdauer sorgen würden. Ferdinand hob Gewichte, kletterte und hüpfte, rannte die Felswand hinauf, stürzte sich die Böschung hinab. Auch zu fliegen versuchte er und Feuer zu spucken, was ihm aber nicht so recht gelang. Trotzdem: Er spürte, dass er auf dem richtigen Weg war. Und er war überzeugt, schon bald ein großer, starker Drache zu sein.

Die Schulkollegen von Ferdinand wussten natürlich nicht, dass dieser zu seinem zehnten Geburtstag das Buch seiner Vorfahren geschenkt bekommen hatte und überzeugt davon war, bald ein großer Drache zu werden. Sie wussten auch nicht, dass Ferdinand Feuer

salamander jede freie Minute nutzte, um größer und stärker zu werden, um das Fliegen und das Feuerspucken zu lernen. Dass er übte und trainierte, Kräutersäfte trank und in Schwefelwasser badete.

Natürlich hatte der kleine Ferdinand noch nichts von einem Drachen an sich, waren ihm noch keine Flügel gewachsen und konnte er noch kein Feuer spucken. Er war immer noch der kleine Ferdinand Feuersalamander. Und wurde deshalb von den Schulkollegen weiterhin gehänselt: "Nichts wirklich Gutes kann der / Feuersalamander", dichteten sie. Oder: "Der Schwächste auf dem Land, der / Feuersalamander", riefen sie hinter ihm her. Mochte er auch noch nichts von einem Drachen an sich haben, der kleine Ferdinand, irgendetwas hatte sich zuletzt doch verändert. Irgendwie schien er stärker, kräftiger geworden zu sein. Wenn auch nicht äußerlich, so zumindest innerlich. Jedenfalls begegnete er den Schmähungen, den bösen Worten, den Beschimpfungen anders als noch vor wenigen Wochen. Sie berührten ihn nicht mehr, trafen ihn nicht mehr tief in seinem Herzen. Er war nicht mehr so verzweifelt, so traurig und ließ nicht mehr alles hängen. Im Gegenteil: Fast trotzig begegnete er den Reimen. Er hielt dem Blick stand und zog seinen Schwanz nicht ein. "Euch werd’ ich’s noch zeigen!", dachte er. "Ihr werdet schon sehen. Es wird euch noch leidtun."

Urschrei durch Mark und Bein

Und er übte weiter, der kleine Ferdinand Feuersalamander. Allein, mit Opa, Papa oder Mama – und manchmal sogar mit Oma, wenn von den dreien niemand Zeit hatte. Man legte ihn in Ketten, und er musste sich befreien. Man häufte Steinplatten auf seinen Bauch, bis sein Schädel rot anlief und zu platzen drohte. Man band einen Strick an seinen Schwanz, und er musste Vater oder Mutter, Großvater oder Großmutter durchs halbe Vulkanland ziehen. Aber damit nicht genug. Von der Brücke aus stürzte sich Ferdinand Feuersalamander in den Bach, um das Gefühl für das Fliegen zu erlangen. Er versuchte, möglichst weit zu spucken und stellte sich vor, dass Flammen aus seinem Munde schlugen. Und immer wieder klopfte er sich mit den Fäusten auf die Brust und übte den Urschrei, jenen Schrei, für den seine Vorfahren gefürchtet waren, der durch Mark und Bein ging und jeder und jedem unsägliche Angst einflößte. Zwar hörte sich der Schrei von Ferdinand Feuersalamander alles andere als angsteinflößend an, aber er selbst war mit dem Fortgang seiner Drachenwerdung vollauf zufrieden.

Und eben weil er zufrieden war und sich Tag für Tag stärker fühlte, drachenähnlicher fühlte, gingen ihm die Schmährufe der Mitschüler bald schon da rein und dort wieder raus. Er hörte sie schon gar nicht mehr. Oder er blieb einfach stehen und lächelte nur, wenn jemand ihn dumm anredete. Manchmal versuchte er sogar zu schnauben, wie das im Buch beschrieben war, wenn vom Feuerspeien der Drachen die Rede war. Er wich dem Blick der anderen nicht mehr aus, sondern hielt standhaft dagegen. Da schauten die Mitschüler dann nicht nur blöd, manche wurden ganz ruhig, senkten den Blick und sagten bald überhaupt nichts mehr.

So kam es, dass immer weniger Mitschüler den kleinen Ferdinand blöd ansprachen, dass da bald fast niemand mehr war, der sich lustig über ihn machte, ihn verspottete. Aber fast ist halt nicht ganz, die Gans ist keine Ente, die Ente kein Säugetier. Jedenfalls gab es nämlich noch Georg, den körperlich Größten an der Vulkanlandschule. Geistig war er eher ein Kümmerling. Aber von seinem Bau, der Muskulatur her, war er Ferdinand doch einiges voraus. Georg wurde auch Drachentöter genannt, weil vor vielen hundert Jahren einmal ein gewisser Georg einen Drachen getötet haben soll. Auf diesen Georg war der Georg aus der Vulkanlandschule mächtig stolz. Der war sein Vorbild, und Georg legte Wert darauf, als "Drachentöter" angesprochen zu werden. Wenn ihn jemand mit Georg anredete, meinte er: "Nenn mich einfach Drachentöter!"

Und dieser Georg Drachentöter, fast einen Kopf größer als Ferdinand und sicher zwanzig Kilo schwerer, war eben der Letzte, der noch über Ferdinand Feuersalamander spottete. "Möchte gern ein Drache sein, ist aber kleiner noch als klein!", rief er. Oder: "He, du kleiner Schwerenöter, ich bin Georg Drachentöter. Komm her, du kleine, feige Sau. Ich hau dich grün und rot und blau!" Weil Ferdinand aber nicht mehr den Kopf einzog und dem Geschau des Möchtegern-Drachentöters mannhaft trotzte, fühlte sich Georg gar nicht mehr so sicher. Offenbar spürte er, dass der Ferdinand, der da vor ihm stand, nur wenig mit dem Ferdinand vor einigen Wochen zu tun hatte, der bei jedem schiefen Blick zu heulen begonnen hatte und davongerannt war. Jedenfalls ließ er es beim Spottgedicht, der Georg Drachentöter, ließ die Luft raus und zog weiter.

Und dann kam der Großkampftag des Sports in der Vulkanlandschule. Ein Tag, den bisher immer Georg, der Drachentöter, beherrscht hatte. Auch wenn er im Denken etwas hinterherhinkte, an diesem Tag war er allen überlegen. Die letzten Jahre hindurch hatte er stets und ohne Unterbrechung und mit großem Vorsprung gewonnen, das Seilziehen ebenso wie den Steinweitwurf oder das Gewichteheben. Ferdinand Feuersalamander hingegen war in all diesen Bereichen eher im hinteren Bereich der Ergebnisliste gelandet. Um ehrlich zu sein: auf dem letzten Platz.

Fair, frisch, frei und fröhlich

Mit der Fanfare der Turteltaubenbläser und der Begrüßungsrede des Vulkanlandschuldirektors sowie den Worten "fair, frisch, frei und fröhlich" durch den Obervulkanier wurden die Spiele eröffnet.

Schon beim Seilziehen gab es die erste große Überraschung. Im Finale standen – wie von allen erwartet – Georg Drachentöter und ihm gegenüber – völlig überraschend – Ferdinand Feuersalamander. Noch viel überraschender war, dass dieses Finale schon nach wenigen Minuten zugunsten von Ferdinand Feuersalamander entschieden war. Tja! Der vor ein paar Wochen noch viel belächelte Ferdinand Feuersalamander besiegte den für unbesiegbar gehaltenen großen Georg Drachentöter. Wohl griff sich der große Georg mit einer Hand an die Schulter, zog ein schmerzhaftes Gesicht und tat, als hätte eine dumme Zerrung zu seiner Niederlage geführt. Aber schon bröckelte der Starkult. Und schon war zu bemerken, dass die weiblichen Cheerleader lange nicht mehr mit der zuvor gezeigten Begeisterung "Schorschi, Schorschi, Schorschi" schrien und vereinzelt auch "Ferdl, Ferdl, Ferdl"-Rufe zu hören waren. Aber natürlich glaubte noch niemand an "Das Wunder von Vulcano", als das dieser Sportgroßkampftag letztendlich in die Geschichtsbücher eingehen sollte.

"Wau" und "Wahnsinn"

Als im zweiten Bewerb, dem Steinweitwurf, dem Ferdinand Feuersalamander mit einem elegant eingesprungenen Rittberger, der auch im Eiskunstlauf die Höchstnote erhalten hätte, ein Sechzig-Meter-Wurf gelang, der von allen Anwesenden mit ungläubigem Staunen, offenem Mund, einem gehauchten "Wow" oder einem faszinierten "Wahnsinn" zur Kenntnis genommen wurde, war klar, dass Georg Drachentöter mit mickrigen vierzig Metern keine Chance mehr auf den Sieg hatte. Die "Schorschi"-Rufe wurden noch weniger, die "Ferdl"-Rufe entsprechend mehr.

Nun war klar, dass Georg Drachentöter im letzten Wettbewerb – Gewichtheben – alles versuchen, sein letztes Hemd riskieren musste, wollte er noch eine Chance auf den neuerlichen Titelgewinn haben. Er ließ sich ein Gewicht auflegen, das sich noch nie jemand auflegen hatte lassen oder gar geschafft hatte, ein Gewicht, das acht Ochsen entsprach und neuen und absoluten Vulkanlandrekord bedeutet hätte. Denn nur mit einem neuen Rekord hätte er das Ruder noch herumreißen können.

Er setzte an … aber keine Chance. Georg Drachentöter scheiterte kläglich. Und wie heißt es so schön: Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Als Georg Drachentöter mit all seiner Kraft und Energie versuchte, die acht Ochsen hochzustemmen, entfuhr gewaltig Luft aus seinem Körper – nicht nur ein lauter, krachender Furz war zu hören. Dass auch ordentlich Material mitging, war zu sehen. Und die ohnehin schon sehr zaghaften "Schorschi"-Rufe verstummten nun endgültig.

Dafür rief alles umso euphorischer: "Ferdl! Ferdl! Ferdl!"

Von dem Tag an sagte keiner mehr "kleiner Scheißer" zu Ferdinand Feuersalamander. Im Gegenteil. Alle drängten sich um ihn, wollten sein Freund sein. Und das, obwohl er gar nicht so sehr gewachsen war, in diesen letzten Wochen. Obwohl er noch lange nicht fliegen oder Feuer spucken konnte. Obwohl sich sein Urschrei noch lange nicht anhörte wie der Urschrei eines Drachen.

Otto Köhlmeier: "Märchen aus Corona-Tagen", Verlag Berenkamp, 212 Seiten, 18,50 Euro

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