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Kultur

Ein Schreiberleben, begründet in der eigenen Kindheit

09. Dezember 2019 00:04 Uhr

Ein Schreiberleben, begründet in der eigenen Kindheit
Literaturnobelpreisträger Olga Tokarczuk (2018) und Peter Handke nach ihrer Rede in der Schwedischen Akademie

Peter Handkes Nobelvorlesung in Stockholm befasste sich mit seiner Schaffensvita.

Ohne begleitende Proteste und Störungen sind am Samstag in Stockholm die Nobelvorlesungen der Literatur-Laureaten 2018 und 2019 gehalten worden. Sie hätten unterschiedlicher nicht sein können. Während die polnische Autorin Olga Tokarczuk – sie erhielt den Literaturnobelpreis 2018 – sich rund eine Stunde lang mit dem heutigen Erzählen befasste, Fake News und Klimawandel behandelte, erinnerte sich Handke an "für mein Schreiberleben entscheidende Episoden" aus seiner Kindheit. Die Ansprache des 77-Jährigen dauerte nur halb so lang.

"Der ewige Friede ist möglich"

Sein 1982 uraufgeführtes dramatisches Gedicht "Über die Dörfer" diente dem österreichischen Nobelpreisträger als Klammer für seine Vorlesung. Zwei längere Passagen aus dem Stück über einen Konflikt zwischen drei Geschwistern las er vor, darunter die Rede der "Nova", in der es etwa heißt: "Der ewige Friede ist möglich." Zentrales Thema seiner Rede waren "kurze, und doch, wenigstens für meine Ohren, unerhörte Begebenheiten", die ihm in seiner Kindheit von seiner Mutter erzählt wurden.

"Die meisten der anderen Begebenheiten, von denen die Mutter mir erzählte, handelten von den Angehörigen der Familie oder Sippe, und die Hauptperson da war fast jedes Mal einer ihrer beiden dann im Weltkrieg ,auf dem Feld der Ehre gefallenen‘ Brüder." Zwei dieser Episoden erzählte Handke. Die eine geistere "von Anbeginn durch meine Bücher, meine epischen Exkursionen sowie Ein-Mann-Expeditionen", bei der zweiten stehe "eine solche Metamorphose aus, oder, so Gott, das Geschick oder was auch immer es vergönnt, bevor".

In der Folge erwähnte Handke Filme von John Ford und Yasujiro Ozu, Lieder von Johnny Cash, Leonard Cohen und Bob Marley, die ihm ebenso "Schwingungen und Schwungkräfte" gegeben hätten wie die als Kind gehörten "slowenisch-slawischen religiösen Litaneien unter den romanischen Bögen der Kirche nah dem Geburtsort Stara Vas".

Die Polin Olga Tokarczuk hatte sich zuvor mit den Veränderungen der Bedingungen des Erzählens im Zeitalter von Wikipedia, Onlineserien und Bildern, die sich ohne erklärende Worte sekundenschnell über die Welt verbreiteten, gesprochen. "Die (literarische) Fiktion hat das Vertrauen der Leser verloren, da die Lüge zu einer gefährlichen Massenvernichtungswaffe geworden ist, auch wenn sie immer noch ein primitives Werkzeug ist." Die literarische Fiktion sei immer eine Art von Wahrheit, Literatur stelle Fragen, die nicht einfach mithilfe von Wikipedia beantwortet werden könnten. Sensibilität sei für sie von großer Bedeutung. "Sensibilität personalisiert alles, worauf es sich bezieht, und ermöglicht es, ihm eine Stimme zu geben, ihm den Raum und die Zeit zu geben, um zu existieren und ausgedrückt zu werden. Es ist der Sensibilität zu verdanken, dass die Teekanne zu sprechen beginnt."

Die mit je 831.000 Euro dotierten Nobelpreise werden am Dienstag im Konzerthaus Stockholm überreicht. Dabei werden auch Proteste gegen Handkes Haltung zu Serbien und Jugoslawien erwartet.

> Auszüge aus Peter Handkes Rede

Boykotte

Aus Protest gegen die Vergabe des Literaturnobelpreises an Peter Handke boykottiert die Botschafterin des Kosovo in Schweden, Shkendije Geci Sherifi, „wegen des umstrittenen Nobelpreisgewinners Peter Handke, eines Freundes und Anhängers der Politik von Milosevic“ die Verleihung.

Auch Peter Englund, Mitglied der Schwedischen Akademie, hat seine Teilnahme abgesagt.

 

Wegen seiner pro-serbischen Haltung während der Balkankriege löste Handke heftige Kontroversen aus. Kritik provozierte er auch 2006 mit einer Rede bei der Beerdigung des wegen Kriegsverbrechen und Völkermords angeklagten einstigen serbischen Staatschefs Slobodan Milosevic.

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