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Kultur

Ein Mörder, aber sonst nett …

Von Christian Schacherreiter  16. Januar 2021 00:04 Uhr

Ein Mörder, aber sonst nett …
Patricia Highsmith in einer TV-Diskussionsrunde 1988

Ihr Name repräsentiert wie kein zweiter den psychologisch klugen Kriminalroman. Patricia Highsmith zum 100. Geburtstag.

Zwei Männer lernen einander während einer Zugfahrt kennen. Der eine hat Probleme mit seiner Ehefrau, der andere mit seinem Vater. Beseitigt der eine die Ehefrau des anderen, dann könnte sich der andere mit einer Gegenleistung in Sachen Vater revanchieren. Der perfekte Doppelmord? "Strangers on a Train" ("Zwei Fremde im Zug"), der Debütroman der damals 29-jährigen Patricia Highsmith, erschien 1950. Kein Geringerer als Alfred Hitchcock wurde auf ihn aufmerksam und erwarb um bescheidene 6800 Dollar die Filmrechte. Die Verfilmung wurde zum Welterfolg und brachte für Patricia Highsmith den Durchbruch zum Star.

Eine Unbekannte war die am 19. Jänner 1921 in Fort Worth (Texas) geborene Autorin zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht mehr. Schon als Studentin hatte sie – neben Ambitionen als Zeichnerin – erste Erzählungen veröffentlicht. Eine ihrer Kurzgeschichten wurde als beste Geschichte des Jahres 1945 mit dem O.-Henry-Preis ausgezeichnet. Als Comic-Texterin war Highsmith einige Jahre beim New Yorker Verlag Fawcett erfolgreich und bekam schon in dieser Zeit Kontakte zur Kulturszene von Manhattan, unter anderem zu Truman Capote, William Faulkner, Marlene Dietrich und Djuna Barnes.

Das psychologische Labyrinth

In etwa fünfzig Schaffensjahren veröffentlichte Patricia Highsmith 22 Romane und zahlreiche Kurzgeschichten. Die seit 2002 bei Diogenes erscheinende Neuübersetzung des Gesamtwerks wird mehr als 30 Bände umfassen. Wer Patricia Highsmith als typische Krimiautorin kategorisiert, vereinfacht die Sache zu sehr. Obwohl das Verbrechen in vielen ihrer Texte zentrales Motiv ist, geht es bei der Handlungsführung nicht in erster Linie um dessen Aufklärung. Bei Highsmith ist– im Unterschied zur klassischen Detektivliteratur – der Täter meist von Anfang an bekannt. Was sie interessiert, ist das psychologische Labyrinth einer Figur.

Patricia Highsmith erzählte in einem ihrer letzten Interviews, sie habe als Achtjährige im Bücherschrank ihrer Eltern das psychologische Sachbuch "The Human Mind" von Karl A. Meininger entdeckt. Die darin geschilderten realen Fallgeschichten von Kleptomanen, Pyromanen, Triebtätern etc. hätten sie mehr interessiert als die Kindermärchen. Dass Highsmiths Literatur eher mit der Gedankenwelt von Nietzsche, Dostojewski und Kafka in Zusammenhang gebracht wird als mit üblicher Kriminalliteratur, ist daher nachvollziehbar. Hinter den Fassaden der Freundlichkeit kann es sehr hässlich zugehen: ein Serienmörder, aber sonst nett …

Ein Mörder, aber sonst nett …
Alain Delon in der Highsmith-Verfilmung "Nur die Sonne war Zeuge"

Die bekannteste Täterfigur aus der Feder von Patricia Highsmith ist zweifellos der "talentierte Mr. Ripley", Protagonist in fünf Romanen. "The Talented Mr. Ripley" wurde in der Verfilmung mit Alain Delon ("Nur die Sonne war Zeuge", 1960) zum Welterfolg. "Leute ohne Moral amüsieren mich", sagt Patricia Highsmith, "sie haben Fantasie, geistige Beweglichkeit und sind dramatisch nahrhaft". Ripley ist vieles: Dandy und Ästhet, gebildet und gewandt, schwul und narzisstisch – aber eines ist er ganz sicher nicht: moralisch. Er ermordet einen reichen Freund und nimmt dessen Identität an. Er erschlägt einen Kunstsammler, bevor dieser ihn eines Betrugs überführen könnte. Dass er sich dabei in tückische Machenschaften verstrickt, die für ihn selbst lebensbedrohlich werden, ist allerdings vorprogrammiert.

Intellektuell anspruchsvolle Unterhaltungskultur aus Amerika ist in Europa meist erfolgreicher als in den USA. Diese Erfahrung machte nicht nur Woody Allen, sondern auch Patricia Highsmith. Eine gewisse Affinität zur europäischen Kultur hatte sie schon als junge Frau. Ihr Vater stammte aus einer deutschen Auswandererfamilie. Als Nebenfach zu ihrem Studium der englischen Literaturwissenschaft am Barnard College wählte sie Latein. 1963 übersiedelte Highsmith für immer nach Europa. Vier Jahre lebte sie in Großbritannien, vierzehn Jahre in Frankreich, das sie 1981 verließ, weil sie von den Durchsuchungsmethoden der französischen Steuerbehörde ziemlich irritiert war. Ihr letzter Wohnort wurde Tegna im Tessin, wo sie nach ihrem Tod 1995 auch begraben wurde. Der Nachlass der Autorin – laut Wikipedia soll er 50 Regalmeter umfassen – befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, darunter auch Tagebücher und Briefe.

Diszipliniert, aber trinkfreudig

Menschen, die privaten Kontakt mit Patricia Highsmith hatten, zeichnen ein ambivalentes Bild ihrer Persönlichkeit: enorm diszipliniert beim Arbeiten, aber auch trinkfreudig; vielseitig talentiert, vielschichtig als Freundin und Liebhaberin. Die Liste ihrer lesbischen Liebesbeziehungen, die Patricia Highsmith selbst erstellt hat, ist lang. An Unglück und Kränkungen fehlte es dabei nicht, weder an erlittenen noch an verabreichten. In jüngeren Jahren soll die Autorin gerne Gäste empfangen und bekocht haben, als ältere Dame kredenzte sie hauptsächlich Alkoholisches. Journalisten gegenüber ging sie mit Informationen zu ihrem Privatleben sparsam und vorsichtig um. Ihren zweiten Roman "Salz und sein Preis", die Geschichte einer Liebe zwischen zwei Frauen, veröffentlichte Patricia Highsmith 1952 unter dem Pseudonym Claire Morgan. Dass sie die Autorin war, gab sie erst 1990 preis.

Artikel von

Christian Schacherreiter

Christian Schacherrreiter
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