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Kultur

Digital oder analog – Wie sieht das Schulbuch der Zukunft aus?

Von Manfred Wolf  03. Juli 2022 07:23 Uhr

Digital oder analog –  Wie sieht das Schulbuch der Zukunft aus?
Geschäftsführer Maximilian Schulyok ist Vater eines Volksschulkindes.

Vor wenigen Tagen feierte der Österreichische Schulbuchverlag in den Sofiensälen in Wien großes 250-Jahr-Jubiläum. Die OÖNachrichten waren dabei und baten Geschäftsführer Maximilian Schulyok (40) zum Gespräch über Vergangenes sowie die Zukunft der Schulbücher.

Man dürfe nicht einer blinden Digitalisierungseuphorie verfallen, sagt Maximilian Schulyok im OÖN-Gespräch, wenngleich die Zukunft der Schule noch digitaler sein werde. Das Buch werde aber auch in Zukunft wichtig sein.

Die Gründung des Schulbuchverlags war ein Meilenstein.

Schulyok: Ja, und es ist auch ein schönes Jubiläum. Wir haben in all den Jahren viel Erfahrung gesammelt, allerdings können wir uns nichts davon kaufen, wenn wir nicht jedes Jahr aufs Neue präsent sind und in die Zukunft blicken.

Bevor wir in die Zukunft blicken, noch ein Blick auf ein anderes Jubiläum: 50 Jahre Schulbuchaktion. Wie wichtig war die Einführung?

Die Grundidee ist extrem wichtig, nämlich dass die öffentliche Hand für alles aufkommt, was die Kinder für ihre Schulbildung brauchen. Das ist heute immer noch wichtig. Die Frage ist aber, wie sie sich weiterentwickelt, denn es sagt ja schon der Name, sie ist extrem auf das Buch fokussiert.

Wie wird sie sich entwickeln?

Das Medium Buch wird es auch in Zukunft geben, aber es wird eine andere Rolle spielen. Die Schule wird digitaler, somit kann individueller auf die Bedürfnisse der Kinder eingegangen werden, sie können dadurch ihre Potenziale besser entfalten. Die "Schulbuchaktion" muss nicht neu erfunden werden, sie muss aber die ganze Bandbreite an Bildungsmedien abdecken – vom Buch über eine hybride Situation, in der mit Buch und digitalem Werkzeug gearbeitet wird, bis hin zum rein digitalen Bildungsmedium.

Familien wurden durch die Schulbuchaktion damals finanziell entlastet. Die Pandemie hat der Digitalisierung der Schule einen massiven Schub verliehen ...

... dazu muss man grundsätzlich sagen, dass Bildung in Österreich nach wie vor ein Stück weit vererbt wird. Es ist in kaum einem anderen europäischen Land so relevant, welchen Bildungsgrad und sozialen Status die Eltern haben, wie bei uns. Das hat sich in der Corona-Zeit noch verstärkt.

Welche Vorteile haben analoge beziehungsweise digitale Medien?

Das ist individuell unterschiedlich – der eine braucht ein Buch, die andere eine digitale Plattform. Manche Unterrichtsfunktionen, wie zum Beispiel Üben, lassen sich digital besser darstellen. Allerdings muss man aufpassen, dass man nicht in eine blinde Digitalisierungseuphorie kommt, wonach alles, was digital ist, gut sei und alles, was analog ist, verstaubt sei. Denn das stimmt so nicht, beim Lesekompetenzerwerb weiß man aus zig Studien, das das mit einem Buch wesentlich besser funktioniert. Man muss für das jeweilige Individuum das richtige Medium finden und kann nicht pauschal sagen, wir digitalisieren jetzt die Schule.

Schul-App-Entwickler bewerben ihre Lern-Apps damit, dass Pädagogen wieder mehr Zeit für Pädagogik haben. Ist das so?

In einer analogen Welt ist Differenzierung schwer, ein Lehrer müsste für 25 Kinder jeweils ein individuelles Arbeitsblatt ausdrucken. In der digitalen Welt geht das dank Algorithmen und künstlicher Intelligenz viel einfacher. Das schafft Entlastung. Auf der anderen Seite müssen wir Lehrkräfte auch befähigen, mit dieser Digitalisierung richtig umzugehen. Wir können ja nicht nur einfordern, wir müssen sie auch unterstützen, sie schulen. Das ist zentral, wenn wir die Chance der Digitalisierung heben wollen.

Ein zu hoher Digitalkonsum birgt aber auch Gefahren: Bei Kindern kann Bluthochdruck entstehen, Kurzsichtigkeit, Tagesmüdigkeit ...

Ja, denn Kinder haben auch zu Hause das Handy in der Hand, zocken auf der Konsole, und wenn dann auch in der Schule der Laptop ins Spiel kommt und Hausübungen online zu machen sind, dann wird die Bildschirmzeit überbordend – das ergibt keinen Sinn. Natürlich muss es auch analoge Bestandteile im Unterricht geben, da rede ich gar nicht nur vom Buch. Auch soziales Lernen ist wichtig. Es ist sinnlos, das gesamte Leben der Kinder zu digitalisieren. Das Berufsleben ist ja auch hybrid und nicht nur digital. Keiner von uns kann zwölf Stunden am Tag in einen Bildschirm schauen, da braucht es auch ausgedrucktes Material.

Das zentrale Medium in der Schule ist das Buch, digitale Medien sind der Begleiter. Dreht sich das um?

Ja. Wir haben als Leitmedium das Buch, und dazu gibt es digitale Anreicherungen, interaktive Übungen. In naher Zukunft ist es möglich, als Leitmedium das Digitale zu haben und dazu Leseergänzungen. Aber es ist kein Entweder-oder, es ist ein Miteinander. Es gibt Vorteile in beiden Welten.

An der Schulbuchaktion gab es damals die Kritik der Ressourcenverschwendung ...

Ja, aber die kann ich nicht nachvollziehen. Sicher, einige Bücher landen später im Mistkübel, aber schauen Sie nach Deutschland, dort werden die Bücher weitergegeben. Das heißt, dass das Buch etwas schlanker ist, in der Ausführung aber wesentlich aufwändiger, mit Hardcover, weil es ja fünf Jahre halten muss. Auf der anderen Seite sind die Arbeitsteile viel umfangreicher, weil ja in die Bücher nicht reingeschrieben werden darf. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile, aber es ist nicht günstiger, und wenn ich es fünf Jahre lang weitergebe, dann ist es bald nicht mehr aktuell. Am Ende geht es um Bildung von jungen Menschen, und die hat einen höheren Stellenwert als der Ressourcenverbrauch.

Der Markt ist groß, es gibt neben dem Österreichischen Schulbuchverlag viele andere wie den Veritas-Verlag. Belebt die Konkurrenz?

Es gibt einen breiten Markt – manche sind Vollanbieter, also für alle Fächer, manche haben sich spezialisiert. Allein für Geografie gibt es für die Oberstufe in der Schulbuchaktion 20 unterschiedliche Werke, jeder Lehrer kann sich aussuchen, welches Produkt für seinen Unterrichtsstil besser passt. Viel Angebot heißt, dass jedes Unternehmen intensiv an seinem Produkt arbeiten muss. Dieser Mitbewerb bringt einen dazu, innovativ zu sein. In einigen Schweizer Kantonen gibt es ein obligatorisches Bildungsmittel, beispielsweise in Englisch muss jeder Lehrer das gleiche Buch verwenden. Und wenn man die Qualität vergleicht zu Kantonen, in denen es dieses Obligat nicht gibt, dann ist dort, wo es einen Mitbewerb gibt, das Produkt besser. Ein Monopol ist nie gut.

Zahlen

Der Österreichische Schulbuchverlag hat ein Portfolio von 2800 Printprodukten und 50.000 digitalen Medien

Artikel von

Manfred Wolf

Redakteur Magazin, Chef vom Dienst

Manfred Wolf

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