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Kultur

"Diese Platte war unsere Form von Psychotherapie"

Von Lukas Luger 26. April 2019

"Diese Platte war unsere Form von Psychotherapie"
Mike Hogan (Bass), Noel Hogan (Gitarre) und Fergal Lawler (Drums) haben das letzte Cranberries-Album fertiggestellt.

The Cranberries: Noel Hogan im OÖN-Interview über den Tod von Dolores O'Riordan und die letzte CD.

Nach dem Ableben von Sängerin Dolores O’Riordan haben die verbliebenen Mitglieder von The Cranberries das morgen erscheinende letzte Album "In The End" fertiggestellt. Über diesen schweren Prozess sprach Gitarrist Noel Hogan mit den OÖN.

OÖNachrichten: Wie war Ihre Gefühlslage, als im Jänner "All Over Now", die erste Single nach Dolores’ Tod, veröffentlicht wurde? Nervosität, Freude oder doch Erleichterung?

Noel Hogan: All diese Dinge, alles auf einmal! In der Nacht vor der Veröffentlichung übernachtete ich in einem Hotel in London. Plötzlich wurde ich furchtbar nervös und begann alles zu hinterfragen. Ist das jetzt der richtige Weg? Wäre Dolores stolz auf uns? Als ich dann die ersten Reaktionen online las, war ich wahnsinnig erleichtert. Die Leute liebten den Song, genauso innig, wie wir ihn als Band liebten.

Wann begann die Arbeit an den Songs von "In The End"?

Die ersten Ideen entstanden im Frühjahr 2017 in Warschau, am ersten Tag unserer Tournee. Die richtige Arbeit begann aber erst, als die Tour wegen Dolores’ Rückenproblemen abgebrochen wurde. Ich reiste nach Frankreich und komponierte in drei Wochen einen Großteil der Songs. Diese schickte ich Dolores per Mail, die dann in New York, wo sie wegen ihrer Kinder lebte, die Texte dazu schrieb und erste Demos einsang.

In welchem technischen Zustand waren diese Demos, die Sie später alleine fertigstellen mussten?

Die Tonqualität war hervorragend. Wir standen ja kurz davor, gemeinsam ins Studio zu gehen, daher waren die meisten Songs fertig. Dolores hatte die Lieder in ihrem Appartement eingesungen. Daher war ihr Gesang warm, leise und zurückhaltend. Diesem Gefühl folgten wir später beim Fertigstellen.

Diese Arbeitsweise unterschied sich jetzt nicht gravierend von jener bei früheren Alben, oder?

Das stimmt. Trotzdem war es furchtbar emotional im Studio, besonders in den ersten Tagen. Du setzt die Kopfhörer auf, hörst ihre Stimme wieder, und plötzlich sind all diese Erinnerungen präsent. Unser Ziel war aber, das bestmögliche Album zu machen. Und da hilft es leider nicht, wenn man sich der Trauer hingibt. Schlimm war es aber besonders am späten Nachmittag.

Warum das?

Normalerweise kam Dolores zu dieser Zeit zurück ins Studio, hörte sich in Ruhe an, was wir drei Burschen untertags gebastelt hatten, und sang dann die Lieder ein. Oft starrten wir in den vergangenen Monaten zur Studiotür und warteten darauf, dass sie plötzlich hereinkommt. Diese Momente gehörten zu den allerschlimmsten.

Trotz der tragischen Ereignisse, die Texte auf "In The End" sind überraschend positiv und lebensfroh. War Dolores in guter emotionaler Verfassung, als sie starb?

Sie hat viel in ihrem Leben durchgemacht und ist mit diesen Erfahrungen stets sehr offen umgegangen. Sie hatte kurz vor ihrem Tod endlich einen Punkt erreicht, an dem sie ihr Leben wirklich im Griff hatte. Dies spiegelte sich in ihrer Kreativität wider: Sie hatte unendlich viele Ideen und wollte noch so viel sagen. Sie war so positiv und lebensfroh. Unser allerletztes Gespräch – das war am Freitag, bevor sie starb – drehte sich um den ersten Studiotag und eine geplante China-Tour. Viele Texte auf "In The End" handeln vom Aufhören und Beenden. Denn sie hatte mit den dunklen Teilen ihres Lebens abgeschlossen. Das macht es auch so schwer, ihren Tod zu verkraften.

Glauben Sie, dass die Veröffentlichung dieses Albums einen kathartischen Effekt haben wird?

Die Veröffentlichung weniger. Das Fertigstellen der Lieder hatte aber definitv reinigende Wirkung. Wie wir das letzte Jahr überstanden hätten, hätten wir uns nicht in die Arbeit gestürzt, weiß ich nicht. Sie gab uns den Fokus und die Chance, abzuschließen. Diese Platte war unsere Form von Psychotherapie.

Werden The Cranberries als Trio weiter Musik machen?

Nein. Gerne würde ich zwar die neuen Songs von "In The End" live spielen, aber ohne Dolores ist das keine Option. Vielleicht wird es aber ein einmaliges Tribute-Konzert geben. Das ist das Einzige, was ich mir vorstellen könnte.

Artikel von

Lukas Luger

Redakteur Kultur

Lukas Luger
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