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Kultur

Wie die ORF-Experten die Ski-Nation spalten

Von Peter Grubmüller und Christoph Zöpfl  22. Januar 2020 00:04 Uhr

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Das ORF-Fernsehen zelebriert den alpinen Skiweltcup mit Countdown vor den Rennen, Liveübertragung und Analysen. Ehemalige Skistars sollen die Leistungen der Athleten erklären und einordnen. Aber tun sie das wirklich?

Sechs ehemalige Alpin-Stars begleiten das ORF-Publikum durch den Winter – Einsparungspotenzial oder inhaltliche Bereicherung?

Hans Knauß ist ein lieber Kerl. So nett, dass ihn manche gerne zu sich nach Hause einladen würden, wo ihn andere wieder in ein Kammerl sperren möchten, um die alpinen Skirennen im ORF wieder einmal ohne seine Plattitüden im rhetorischen Niemandsland zwischen „Bist du g’scheit“ und „Bist du deppad“ anzusehen. Und ja, mitunter fragt man sich, wann der ORF so vehement sparen muss, dass er unter seinen Sport-Experten insgesamt und seinen ehemals aktiven Ski-Auskennern im Speziellen aufräumt. Mit Knauß, Armin Assinger, Benjamin Raich, Thomas Sykora, Alexandra Meissnitzer und Nicole Hosp kurven gegenwärtig sechs über die Fernseh-Piste. Das ist üppig – für alle anderen Nationen sowieso, aber auch für Österreich, das sich im Post-Hirscher-Zeitalter gerade ans Hintennachfahren gewöhnt.

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Hans Knauss

14 Prozent weniger Zuschauer

Um 16 Prozent weniger Zuschauer hatten sich seit Oktober bei alpinen Wettkämpfen im ORF eingeblendet – und dann kamen am vergangenen Wochenende die Wettbewerbe in Wengen. Insgesamt 2,275 Millionen Österreicher wussten von Freitag bis Sonntag nichts Besseres zu tun als Ski zu schauen. Seitdem steht das Minus auf 14 Prozent korrigiert da. Was der ORF nicht ausweist, ist die Zahl jener, die von der vermeintlich hysterischen Einsilbigkeit der ORF-Experten zur analytischen Qualität des Liechtensteiners Marco Büchel (ZDF) oder zum geistreichen Schmäh des kecken Felix Neureuther (ARD) übergelaufen sind.

400 Euro brutto am Tag

Die Sparsamkeit des Senders sei ob der Ski-Experten laut ORF-Sportchef Hans-Peter Trost nicht in Frage gestellt. Die Gagen seien unterschiedlich, durchschnittlich verdienen die ehemaligen Ski-Stars 400 Euro brutto am Tag, exklusive Anreisespesen und Unterbringung mit Frühstück. Gestattet sind außerdem zwei exakt abgemessene Werbepickerl, deren Honorare sich die Experten selbst aushandeln. Eine Haube wie jene mit Emblem des Schnitten-Herstellers Manner, die es auch im gewöhnlichen Handel zu kaufen gibt, gilt nicht als Werbung. Die Personenversicherung für die Kamerafahrten übernimmt der ORF. Im Gegenzug treten Knauß, Sykora und Meissnitzer ihre Rechte für die Bilder ab.

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Thomas Sykora

An den Debatten, ob während der Skirennen zu viel geplaudert wird, mag sich Trost nicht beteiligen. Er beschränke sich darauf, ob inhaltlich alles korrekt sei – und er wolle die sprachliche Vielfalt Österreichs auch bei den Experten gewährleistet wissen.

Was dem einen zu viel Dialekt ist, klingt dem anderen noch zu hochdeutsch. Und wer sich jetzt Büchel oder Neureuther im ORF wünscht, den erinnert Trost an das Analytik-Intermezzo des ehemaligen Fußball-Teamchefs Marcel Koller. Es sei auf keine Kuhhaut gegangen, wie viele damals angerufen und ihn, Trost, für blöd erklärt hätten, weil im ORF ausgerechnet ein Schweizer Fußball-Taktisches erklärt.

 

 

 

Sykora ist der Beste

Wie sich die Haltung gegenüber Experten verändert, ist an Thomas Sykora festzumachen. Zu Beginn seiner Kommentatoren-Karriere im Jahr 2000 hatten sich die Zuschauer noch über seine merkwürdig hohe Stimme gewundert. Inzwischen würde der 51-jährige Technik-Fuchs aus Niederösterreich jede Umfrage über glaubwürdige und sachlich formulierte Kompetenz gewinnen. Was diese Einschätzung über die Leistungen seiner Experten-Kollegen sagt, muss jeder Zuschauer für sich bewerten.

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Alexandra Meissnitzer

Keine Zeit für ein Mittagessen

Der Tag der Experten beginnt sehr früh.

Wer meint, dass die ehemaligen ÖSV-Asse, die jetzt für den ORF als Ski-Experten vor der Kamera stehen, eine ruhige Kugel schieben, ist auf dem Holzweg. Tatsächlich beginnt ein normaler Arbeitstag bereits mit der offiziellen Streckenbesichtigung in aller Früh. Während die meisten Berichterstatter noch in den Federn liegen oder das Frühstücksbuffet ansteuern, studieren Hans Knauß, Alexandra Meissnitzer und Co. mit den aktiven Rennläufern die Tücken der Kurssetzung und die Beschaffenheit des Kunstschnees. Nach der Besichtigung geht es wieder hinauf zum Start, wo man sich bei der Kamerafahrt keinen Konzentrationsfehler leisten darf. Hans Knauß oder auch Niki Hosp gelten als besonders verwegene „Testpiloten“.

Bei den technischen Disziplinen (Slalom, Riesentorlauf) wiederholen sich die Abläufe vor dem zweiten Durchgang. Je nach Programmgestaltung, gibt es nach der Siegerehrung noch einen analytischen „Einkehrschwung“, wo die Expertenmeinung noch einmal abgefragt wird. Das Mittagessen fällt gewöhnlich aus.

Und nach dem Rennen ist oft vor dem Rennen. Am späten Nachmittag holen sich die Experten in der Mannschaftsführersitzung die aktuellen Infos, danach gibt es meistens noch eine ORF-Redaktionssitzung. 

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Armin Assinger

Zwischen Schmäh und echter Expertise

"Das ist mir zu viel Geplärre, zu viel Geschrei." Mit seiner Kritik an ORF-Experte Armin Assinger machte sich der deutsche Kultkommentator Sigi Heinrich (Eurosport) vor drei Jahren auf dem Küniglberg keine Freunde. Dafür gab es in zahlreichen Onlineforen viel Applaus, denn wie Assinger haben auch die meisten anderen Ex-Sportler und -Sportlerinnen, die für den ORF für die Expertise zuständig sind, nicht nur Fans, sondern auch viele Kritiker.

Für Thomas Sykora ist das ein Bestandteil seines Jobs: "Wer nur weichzeichnet, ist kein Experte. Immer, wenn man etwas zu analysieren hat und das zudem noch binnen Hundertstelsekunden, polarisiert man."

Mit seiner Strategie, ehemalige Sportler als Experten und Co-Kommentatoren einzusetzen, folgte der ORF einem amerikanischen Vorbild. In den USA hat die "Doppel-Conference" bei Live-Übertragungen von Sportereignissen eine lange Tradition.

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Nicole Hosp

Die ORF-Pionierinnen, die vom Sportplatz in die Kommentatorkabine wechselten, waren mit Eva Pawlik (ab 1963) und Ingrid Wendl (ab 1973) zwei erfolgreiche Eiskunstläuferinnen. Sie vereinten allerdings Expertin und Kommentatorin in einer Person.

In den 1980er-Jahren wurden die ersten Doppelbesetzungen im Skiweltcup ausprobiert. Werner Grissmann und Uli Spieß waren hier die Versuchskaninchen, die zwischen Schmäh und echter Expertise herumsprangen. Lisi Kirchler sprach Anfang der 1990er-Jahre den "Beipacktext" zu den Damenrennen und polarisierte auch mit ihrer Vorliebe für modische Grenzgänge die Zuseherschaft. Armin Assinger betrat 1995 die ORF-Bühne, auf der ihm eine Karriere gelang, die seinen sportlichen Werdegang in den Schatten stellte. Der Kärntner wurde als "Mister Millionenshow" eine Instanz, seine Ausflüge zum Skiweltcup sind eher "Liebhaberei" und kein Broterwerb. Zum Publikumsliebling avancierte auch Hansi Hinterseer, der parallel zu seiner Expertenlaufbahn eine Schlagerkarriere auf den Weg brachte, die ihn in die Liga der Showstars aufsteigen ließ. Für den ORF wurde der blonde Barde damit zu teuer.

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Benjamin Raich und Rainer Pariasek

Bewertung: Vom Stammtisch-Bruder bis zum Ski-Professor

  • Hans Knauß:  Der Natürlichste von allen, der seit Jahren die immer gleichen Superlative neu mischt. Der Stammtisch-Bruder im Team. 3 von 6 Sterne
  • Armin Assinger: Die graue Eminenz, die nur noch Großereignisse veredelt. Frei von Selbstironie, aber mitreißend, bis die Komantschen pfeifen. 4 von 6 Sterne
  • Alexandra Meissnitzer: Klingt mitunter, als würde sie aus einem Tagebuch längst vergangener Jahre vorlesen. Sie sieht, was die meisten sehen – aber herzlich. 3 von 6 Sterne
  • Thomas Sykora: Der Professor mit geschliffener Sprache. Was er nachvollziehbar analysiert, hilft sogar dem gewöhnlichen Bogerl-Fahrer im Skiurlaub. 6 von 6 Sterne
  • Benjamin Raich: Ein respektvoller Sir, der nicht aus dem Nähkästchen plaudert, sondern eigene Erfahrungen plausibel in die Gegenwart einwebt. 5 von 6 Sterne
  • Niki Hosp: Eine humorvolle Frau, die fehlerfrei vorliest, sofern die Zwischenzeit schlecht ist. Mit Expertisen kommt sie so gut wie nie ins Ziel. 2 von 6 Sterne

>>> Quiz: Sind Sie ein Hahenkamm-Experte. 

Kitzbühel im ORF

  • 23. Jänner, 11.05 Uhr: Abfahrtstraining live, 13 Uhr: Analyse
  • 24. Jänner, 11 Uhr: Der Countdown, 11.25 Uhr: Super-G live, 13.05 Uhr: Die Analyse
  • 25. Jänner, 10.55 Uhr: Der Countdown, 11.25 Uhr: Abfahrt live, 13.10 Uhr: Die Analyse, 18 Uhr: Die zweite Analyse, 18.25 Uhr: Siegerehrung, 19 Uhr: Die Stars
  • 26. Jänner, 9.30 Uhr: Der Countdown, 10.25 Uhr: Slalom, 1. Durchgang live, 11.40 Uhr: Die Analyse. 12.40 Uhr: Der Countdown, 13.25 Uhr: Slalom, 2. Durchgang live, 14.35 Uhr: Die Analyse. 18 Uhr: Sport am Sonntag aus Kitzbühel.

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