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Kultur

Die tödliche Hasslawine der Außenseiter

Von Peter Grubmüller   21. Januar 2019 00:04 Uhr

Die tödliche Hasslawine der Außenseiter
Tim Weckenbrock, Judith Mahler, Ines Schiller (v.l.)

Uraufführung: Martin Plattners großes Stück "rand:ständig" gerät im Landestheater zu klein.

Martin Plattner ist ein mit tollen Werkzeugen ausgestatteter Dramatiker, der das deutschsprachige Theater in den kommenden Jahren maßgeblich mitgestalten kann. Aktuell ist der 43-jährige Tiroler Thomas-Bernhard-Stipendiat des Linzer Landestheaters, am Freitag kam sein sprach- und humorgewaltiger Text "rand:ständig" auf der Studiobühne (Promenade) beim Regiedebüt von Tanja Regele zur Uraufführung.

Plattner weiß, was Menschen bei sich denken. Auf dieser Gabe basieren die Dialoge der drei Bewohner aus der Randsiedlung eines alpinen Dorfes und einer todessehnsüchtigen Skischülerin. In ihren absurden Zufluchtsorten (Krautfass, Ofenloch, Kühltruhe) haben das verbittert rassistische Weib, der schwule Spiegeltrinker und das keineswegs einheimische, sondern bloß von ihrem einheimischen Mann misshandelte "Küchenmoped", das für alle das "Kopftuch" ist, einen Lawinenabgang überlebt. Die Körper der drei Außenseiter sind unversehrt, ihre Psyche war schon vorher ramponiert. Einzig die Skischülerin ist schwer verletzt und unglücklich darüber, dass sie auf dem Idiotenhügel der Menschheit nicht endgültig abschwingen durfte. Eine weiße Schaumstofffläche mit Hohlräumen, die sich dem Publikum zuneigt, ist der Lawinenkegel, auf dem es mit den Menschen erbarmungslos bergab geht (Bühne: Helene Payrhuber).

Dämonischer Hass

Gast Johanna Orsini-Rosenberg ist in der Rolle der nur für ihr Ringlottenkompott liebesfähigen Krautfass-Alten, die von Pulverln gegen die eigene Instabilität ruhig gestellt wird, ein Geschenk. Ihr Hass hat die richtige Dosis, um eine Gesellschaft zu vergiften. Der für die Rettung zuständige Nebenschauplatzbeauftragte (gemein, gönnerhaft, gut: Julian Sigl) hat keine Lust, für die Verwahrlosten etwas zu riskieren. Bruckneruni-Student Tim Weckenbrock bleibt als sich selbst verbergender Säufer auch wegen seiner preußischen Sprachfärbung ein Fremdkörper. Ines Schiller ist eine feine Gedemütigte, die sich für den Einheimischenstatus vergeblich abrackert – und die Schauspielstudentin Judith Mahler wird als Skischülerin zur Entdeckung.

Regele hat nicht viel inszeniert, sondern eher Text eingerichtet. Krautfass, Tiefkühltruhe und Ofenloch kommen nicht vor, die Hüllen der Rettung muss man sich denken. Und leider war das Landestheater zu mutlos, um das fulminante Stück des eigenen Stipendiaten, das weit über die pausenlosen 85 Minuten hinauswirkt, in den größeren Kammerspielen auf die Bühne zu bringen. Langer Applaus.

Fazit: Eine filterlose, sprachlich gewaltige Entlarvung von Hass und dessen Ursprung. Mit mehr Vertrauen in das Stück hätte der beachtliche Abend großes Theater werden können. Termine: 22., 26. Jänner; 7., 16. Februar; 2., 9. März.

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