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Kultur

Die Schrift, die wichtigste Erfindung der Menschheit

Von Manfred Wolf  22. Januar 2022 00:04 Uhr

Die Schrift, die wichtigste Erfindung der Menschheit
Ein Blatt aus der „Wiener Genesis“

Eine Zeitreise zu den Anfängen der Schrift und wie sie sich verbreitet hat.

Menschen – also Homo sapiens – gibt es seit rund 300.000 Jahren, doch die ersten Versuche einer Schrift reichen gerade einmal 5000 Jahre zurück. Bis dahin wurde alles Wissen mündlich weitergegeben. Freilich sind Höhlenmalereien wesentlich älter. Sie waren gewissermaßen auch die ersten Überlieferungen von Wissen, die ein Menschenleben überdauerten. Doch als Schrift werden sie noch nicht gewertet.

Erste Spuren der Verschriftlichung führen nach Mesopotamien und Ägypten. Hier wurde mittels Rebus-Prinzip ein Vorläufer der Schrift erfunden – wo genau zuerst, darüber lässt sich streiten. In Mesopotamien jedenfalls war es eine erste Form der Buchhaltung, die zur Schrift führte: Striche auf Tontafeln und später Symbole – wie zum Beispiel eine Gerstenähre – erleichterten den Handel und die Aufzeichnungen darüber. Daraus entstand das sogenannte Rebus-System: Das Symbol der Gerste (ausgesprochen "sheh") und das Symbol von Milch/Kuheuter ("ga") zusammengezogen ausgesprochen ergaben zum Beispiel das Wort "sheh-ga" – also "hübsch". Ein Wort mit einer völlig neuen Bedeutung als die beiden Symbole – de facto also ein Vorläufer der Schrift.

Die Schrift, die wichtigste Erfindung der Menschheit
Andreas Fingernagel, Leiter der Handschriftensammlung der Nationalbibliothek

Aus diesen Zeichen wurde im Laufe der Jahrhunderte eine erste Form des Alphabets – geprägt von einfachen Wanderarbeitern. Funde in Sarabit al-Chadim auf der Sinai-Halbinsel in Ägypten, die rund 4000 Jahre alt sind, geben darauf Rückschlüsse.

Papyrus, Pergament und Papier

Die Schrift ist also "erfunden", doch für die Verbreitung brauchte es ein geeignetes Trägermaterial, denn bis dahin wurde auf Stein und Ton "geschrieben". Dieser Trägerstoff wurde in den Fasern des Papyrus gefunden. "Die Anfänge der weiteren Verbreitung von Handschrift werden daher mit Papyrus verbunden", sagt Andreas Fingernagel, Leiter der Handschriften-, Autographen- und Nachlass-Sammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. "Erst mit dem Papyrus wurde die Schriftlichkeit in größerem Umfang tradiert."

Papyrus wurde aber schon vor dem Niedergang des Römischen Reiches im europäischen Raum Mangelware und es begann die Hochzeit des Pergaments – vergleichsweise widerstandsfähigeren Tierhäuten. Es war jedoch teuer und rar. Währenddessen gab es in China und später im arabischen Raum bereits Papier. Vor allem Zentralasien kam so – dank Papier und Schrift – zu einer Hochblüte. Erst viel später wurde auch in Europa Papier geschöpft – so konnte sich die Schriftlichkeit verbreiten.

Entscheidend für die Entwicklung der modernen Schrift war dann aber deren Vereinheitlichung. Dies geschah während der Karolingischen Zeit im achten Jahrhundert. "Unter Karl dem Großen gab es eine Schriftreform, die das Ziel hatte, die vielen Schrifttypen zu vereinheitlichen und klar lesbar zu machen", sagt Fingernagel. Zu dieser Zeit trachteten auch im heutigen Österreich – zum Beispiel in den Klöstern St. Peter in Salzburg und Mondsee – die Mönche nach Vereinheitlichung. Schriftbilder aus Frankreich wurden übernommen. Im zwölften Jahrhundert hat sich dann eine romanische Buchschrift durchgesetzt, später eine gotische. Zur Normierung dienten auch Schriftmusterbücher.

Diese handschriftlichen Buchstaben hatten naturgemäß großen Einfluss auf den Beginn des Buchdrucks und seinen Schöpfer Johannes Gutenberg, der sich bei der Prägung seiner Lettern an der gotischen Handschrift orientierte, die leicht lesbar war und deren Buchstaben nicht ineinandergriffen. Dank des Buchdrucks konnte sich Europa in den folgenden Jahren auch intellektuell rasch weiterentwickeln.

Handschriftlich setzte sich ab dem 16. Jahrhundert als Verkehrsschrift die Kurrentschrift durch. Sie zeichnete sich durch verschnörkelte Buchstaben aus, die sie teilweise schwer lesbar machten, da einzelne Buchstaben wie zum Beispiel "e" und "n" schwer zu unterscheiden sind. Sie wurde im 19. Jahrhundert durch die heute noch gebräuchliche Schreibschrift abgelöst, deren Wurzeln allerdings ebenfalls weit zurückreichen – bis ins Mittelalter.

Noch viel weiter zurück reicht die Geschichte eines der wertvollsten Bücher der Sammlung von Handschriften und alten Drucken, der Fingernagel seit 2008 als Direktor vorsteht. Eine der ältesten ist die sogenannte "Wiener Genesis". Was sie so besonders macht? Zum einen ist das Pergament Purpur gefärbt, jene Farbe, die den Kaisern und Herrschern vorbehalten war. Geschrieben wurde das Buch, das wohl aus dem fünften Jahrhundert nach Christus stammt, mit Silber (das allerdings dem Pergament zusetzt). Zudem ist diese fragmentierte Bibel durchgehend illustriert. Eingedenk dessen und der Tatsache, dass an so einem Buch mehrere Schreiber gleichzeitig über ein Jahr einzelne Lagen beschrieben und illustriert haben, und diese "Genesis" auch viel über die Genese der Schrift und folglich der Menschen verrät, kann der Wert des Buches gar nicht hoch genug angesehen werden. Und jener der Schrift für die Menschen ohnehin nicht.

Artikel von

Manfred Wolf

Redakteur Magazin, Chef vom Dienst

Manfred Wolf

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