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Kultur

Die Katastrophe ist der einzige Ausweg aus dem Albtraum

Von Peter Grubmüller  27. August 2019 00:04 Uhr

Die Katastrophe ist der einzige Ausweg aus dem Albtraum
Asmik Grigorian

Salzburger Festspiele: "Salome" von Regisseur Romeo Castelluci mit Asmik Grigorian in der Titelrolle beweist ihre zeitlose Wirkung

Hier ergibt sich nicht eine Frau der erotisierenden Mordlust, sondern es wehrt sich ein missbrauchtes Kind. Die 2018 von Bilderzauberer Romeo Castellucci inszenierte "Salome" von Richard Strauss beglaubigte bei der Wiederaufnahme-Premiere am Sonntag in der Felsenreitschule ihre immerwährende Tragfähigkeit.

Mit Castelluci, Asmik Grigorian als Salome und der zusammen mit den Wiener Philharmonikern den Nuancenreichtum aus Strauss’ Musik kitzelnde Franz Welser-Möst erlangen als Dreigestirn die Deutungshoheit für dieses 1905 in Dresden uraufgeführte Werk.

Der rabenschwarze Mond hoch oben in der Felsenreitschule stößt die Ahnung an, dass aus der von Salome so ersehnten Begegnung mit dem im Brunnen gefangenen Propheten Jochanaan (der gewaltige Gábor Bretz) etwas Fatales wachsen könnte. Der verschmutzte Körper des Jochanaan mit einem Pferdekopf wird aus dem Schacht gezogen. Er wird an die Wand gebunden, mit Wasser abgespritzt und gewaschen. Der Salome umschwärmende Hauptmann Narraboth hat das wachsende Verlangen Salomes nach ihrem überhöhten Schwärmen für Jochanaans Körper erkannt und ersticht sich.

Der finstere Schatten bläht sich auf, weil offensichtlich wird, welche geilen Fantasien der entfesselte Stiefvater Herodes (John Daszak) in Salomes Gegenwart ausschwitzt. Einen letzten Missbrauch gestattet ihm das geschundene Kind – im Handel mit dem Kopf des sittenstrengen Propheten.

Als eine der schmerzhaftesten Szenen wird später Salomes Erstarrung nach ihrem Tanz für Herodes als nackte, eiförmig gefesselte Frau auf einem Stein nachwirken. Insgesamt schraubt Grigorian das singdarstellerische Agieren zur Perfektion. Im gesamten Ensemble hatte sich ein Wettkampf um Spitzenleistungen angezettelt: Die beiden Linzer Landestheater-Säulen Matthäus Schmidlechner und Mathias Frey sind als Erster und Zweiter Jude herausragende Kräfte in diesem Spiel- und Stimmfest.

Salome verteilt sinnliche wie obszöne Luftküsse an den imaginären Propheten-Kopf. Nur der Rumpf des Enthaupteten sitzt auf dem Sessel. All das das ist plausibel, erst recht die Verwandlung dieser Frau. Jeder steht hinter Salome, allen voran Welser-Möst und die Musiker. Und weil das Geheimnis der Liebe größer als jenes des Todes ist, wabert mit dem Verklingen des letzten Tons eine anklagende Stille durch die Felsenreitschule, ehe der Jubel losdonnert und am Ende alle im Stehen applaudieren. Ein Opern- und Bühnen-Ereignis, ohne ein Spektakel zu strapazieren.

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Peter Grubmüller

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