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Kultur

"Stahlstadtkinder": Die Geburt einer Hymne

Von Peter Pohn   31. Juli 2021 19:04 Uhr

Die Geburt einer Hymne
Willi Warma, Aushängeschild der Linzer Musikszene Ende der 1970er-Jahre: Christian Unger, Peter Donke, Kurt Holzinger, Julius Zechner (v.l.)

Mit "Stahlstadtkinder" gab die Band "Willi Warma" vor 40 Jahren weiten Teilen der Linzer Jugend eine Identität

Es war im Juli 1981, als "Willi Warma"-Fans die im englischen Cambridge produzierte Debüt-Single von Kurt Holzinger (Sänger), Peter Donke (Bass), Julius Zechner (Gitarre) und Christian Unger (Schlagzeug) erstmals auf den Plattenteller legen konnten: Bald wurde "Stahlstadtkinder" zur Hymne und gab vielen Stahlstadt-Jugendlichen eine Identität, obwohl der Titel auf den Ö3-Index kam.

Schon als Schüler hatten Kurt, Peter und Christian 1976 im Zuge eines Schüleraustausches die Möglichkeit, in London durch ein weites musikalisches Fenster zu sehen, und beschlossen in Linz die Musikszene zu revolutionieren. Der englische Pub-Rock wurde importiert.

1977 stieß Gitarrist Julius Zechner zur Band und steuerte den Bandnamen bei. In einem Sex-Shop, ebenfalls in London, hatte Julius einen gestrickten Peniswärmer mit der Bezeichnung "Willy Warmer" entdeckt. Daraus wurde "Willi Warma". Im Interview spricht Schlagzeuger Christian Unger, einziger noch lebender Musiker der Originalbesetzung, über seine Zeit bei der Linzer Szene-Band.

Die Geburt einer Hymne
Christian Unger, von 1977 bis 1981 Schlagzeuger bei „Willi Warma“

OÖN: Herr Unger, wie kam es, dass "Stahlstadtkinder" zur Identifikationshymne für die Linzer Jugend wurde, obwohl sie im Radio kaum zu hören war?

Christian Unger: Wir hatten viele Live-Auftritte und brachten so den Song unter die Leute. Der fehlende Radioeinsatz lag natürlich an der provokanten Textzeile "Nirgendwo sonst gibt’s so viel Polizisten – legalisierte Terroristen". Das war damals ein No-Go. Dieser Text ist ja auch gegenüber den meisten Polizisten unfair gewesen, aber es war eine plakative Aussage, die den Zeitgeist traf.

"Willi Warma" war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung schon als kritische, aufmüpfige Band bekannt. Was hat die "Willis" an der Stahlstadt Linz gestört?

Wir wollten mit dem Lied "Stahlstadtkinder" nicht behaupten, dass in Linz alles schlecht ist. Im Vergleich zu Wien gab es ja hier damals eine kleine, aber aufregende Musikszene. Wir sangen eben über das graue und raue Linz der 70er-Jahre, darüber, dass wir auch ein Überangebot an Polizisten vorfanden, die unserer Meinung nach oft brutal vorgingen und auch Freunde von uns geschlagen hatten. Auch darüber, dass die Schwerindustrie zwar Arbeitsplätze brachte, aber noch kein Gedanke an Umweltschutz existierte. Damals hat der Linzer Bürgermeister gesagt, dass es in der Sahara auch stauben würde. Die Ideen zu den Texten unseres Sängers Kurt Holzinger stammten eben aus realen Gegebenheiten.

Wogegen haben Sie rebelliert?

Rebelliert haben wir zeitweise gegen unsere Eltern, auch wenn unsere großteils liberal eingestellt waren, aber vor allem ging es gegen die verkrustete Gesellschaft. Ich hatte Lehrer, die dem NS-Gedankengut noch sehr nachhingen. Deshalb waren wir aufmüpfig. Ich bin zweimal von der Schule geflogen. Donke und Holzinger zogen ihre Schullaufbahn im Peuerbach Gymnasium durch, hatten aber auch ihre Probleme mit manchen Lehrern. Julius, früher Internatsschüler in Kremsmünster, hat als offen bekennender Homosexueller mit seiner Bühnenshow gegen das starre Geschlechtersystem rebelliert. Er trat auf der Bühne sehr freizügig auf und machte später das Badcafé zum Hotspot der Schwulenszene. Die Hälfte der Gäste waren dort aber Mädchen, weil Julius so ein charmanter Kerl war.

Heute wird "Willi Warma" oftmals als Punk-Band bezeichnet. Sehen Sie das auch so?

Nein, wir spielten einen musikalischen Mix: Unsere Einflüsse kamen von Rock-, Pub-Rock- oder Rhythm-&-Blues-Bands wie "The Kinks", "Ramones" oder "Dr. Feelgood". Das waren damals für uns wichtige musikalische Wegbereiter. Wir haben uns denen aber nicht angepasst, weil sie erfolgreich waren, sondern weil uns diese Musik einfach gefallen hat.

Die B-Seite "Ich sprenge alle Ketten", ein Ricky-Shayne-Cover aus den 1960er-Jahren, wurde zum Programm?

Das ist richtig. In unserer Generation hat diesen Schlager kaum jemand gekannt. Uns hat das Lied aber gefallen, weil so viel Kraft dahintersteht. Mit der Musik, die von uns verschärft wurde, war das eine super Live-Nummer, die ordentlich angeschoben hat. Wir haben uns damit sehr identifiziert. Der Titel "Ich sprenge alle Ketten" passt zu "Willi Warma", denn wir haben ja Ketten gesprengt. In der Linzer Musikszene der späten 1970er-Jahre waren wir mit unserer Musik und Bühnenpräsenz sicherlich Erneuerer. Und wir haben das Café Landgraf als Auftrittsmöglichkeit wieder zum Leben erweckt.

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Peter Donke und Kurt Holzinger 1980 im Linzer Café Landgraf

Die "Willi Warma"-Konzerte im Landgraf sind legendär. Wie kam es dazu?

Der heutige Journalist Bernhard Praschl hat in der Nähe von mir gewohnt und wurde unser erster Manager. Er hat von einem Lehrer erfahren, dass im Café Landgraf früher Bands gespielt hatten und fragte Anfang 1978 das Pächterehepaar Hackl, ob wir dort auftreten könnten. Das hat extrem eingeschlagen: Zum ersten Konzert kamen 100 Leute, später 200 und bald 300. Die Leute standen beim Fenster, auf den Tischen, es war kaum noch Platz und es kam manchmal auch die Polizei. Der Wirt war irrsinnig cool, indem er sagte, dass wir hier spielen könnten, wir dürften aber nichts kaputt machen. Die Getränke würde er kassieren und wir bekommen den Eintritt. Es gab keine schriftlichen Verträge, nur mündliche Abmachungen. Die Hackls wurden so zu den "Godfathers" einer neuen Linzer Musikszene. Zudem traten wir auf Bällen, im Vereinshaus oder in der Arbeiterkammer auf. Unser Heimathafen blieb aber immer das Café Landgraf. Dort sind wir auch tagsüber gesessen und haben das Lokal als unser Wohnzimmer betrachtet. In der angeschlossenen Bar stand eine Musikbox, die wir mit unserer Lieblingsmusik bestückten.

Welches Publikum ging zu Ihren Konzerten?

"Willi Warma" war im Gegensatz zu anderen Bands auch mit der intellektuellen Szene verbunden. In den 1970er-Jahren ist ja die Kunstschule zur Kunsthochschule geworden. Es waren also auch die ersten Kunsthochschüler in Linz, die teilweise unsere Freunde und Fans wurden, neben den Arbeiterkindern und den ersten Punks. Wir sahen uns zwar selbst nicht als intellektuell an, hatten aber Fans aus dieser Szene, die andere Bands, zum Beispiel die "Mollies", nicht hatten.

Bei einem Auftritt am Germanistik-Institut der Uni Salzburg sollen sogar Stühle durch die Luft geflogen sein …

Das stimmt, teilweise ist es schon sehr wild zugegangen. Kurt hat Konzerte eröffnet mit dem Sager: "Das ist das Selbstzerstörungskommando Willi Warma". Wir waren eben eine provokante Band, die sich nicht anpasste. Die Musik war sehr aufputschend und wenn das Publikum einen gewissen Alkoholpegel hatte, konnten schon Gegenstände durch die Luft fliegen. Meines Wissens kam es aber nicht sehr oft zu Tumulten, und wenn, wurde dabei nie jemand verletzt.

"Willi Warma" gilt als die Band mit den meisten Demos, aber den wenigsten Singles oder LPs. Warum wurden vergleichsweise wenig Titel veröffentlicht?

Als Band hatten wir leider nie den Biss, den man braucht, um einen fairen Plattenvertrag zu bekommen. Will man in Österreich Profimusiker werden, sollte man zudem auch in Deutschland Platten verkaufen und dort touren. Wir wollten uns nicht anbiedern, sondern die Musik produzieren, die uns persönlich am meisten gefallen hat. Dabei schrammten wir beinahe immer am Mainstream vorbei. Zudem bevorzugten wir über Linz zu singen, also jenen Ort, den wir gut kannten. Außerdem wollten wir unser Leben nicht ausschließlich der Band widmen und uns einer Plattenfirma ausliefern müssen. Wir hatten auch mit den zahlreichen Live-Auftritten genug zu tun.

Einige wenige "Willi Warma"-Tondokumente wurden 2008 auf CD herausgebracht.

Im Domino-Studio in Mauerkirchen wurde uns damals über unseren Manager viel Aufnahmezeit zur Verfügung gestellt. Dort sind sehr viele Demo-Tapes entstanden. Peter Donke hat dann gemeinsam mit Hans-Peter Falkner von Attwenger das Beste herausgesucht und auf das Album "Stahlstadtkinder" gepackt. Die CD beinhaltet die wichtigsten "Willi Warma"-Songs.

Welche Bands standen Ihnen damals nahe?

Wir haben "Chuzpe", "Mordbuben AG", "Novak’s Kapelle" oder "The Vogue" mit Ronnie Urini gerne gehört. Das waren alle Wiener, mit den Linzern konnte ich, außer den "Mollies", damals nicht so viel anfangen. Später gab’s aber auch hier viele hörenswerte Gruppen.

Warum haben Sie die Band 1981, also nur wenige Monate nach der Veröffentlichung von "Stahlstadtkinder", verlassen?

Weil ich bemerkt habe, dass mich diese musikalische Schiene, auf der wir gefahren sind, nicht mehr befriedigt. Ich wollte auch mein Schlagzeugspiel verbessern, konnte in Linz aber keinen Lehrer finden, der mich voranbrachte. Daher bin ich für ein Jahr nach Los Angeles gegangen und habe dort Schlagzeug studiert. In den USA konnte ich aber erst so richtig erfahren, wie hart das Profi-Musikerleben ist. Da sind 50.000 Musiker bei der Gewerkschaft angemeldet, von der Musik können aber nur 2000 bis 3000 gut leben. Der Rest fährt Taxi oder kellnert. Ich bin daher zurückgekommen und habe in Wien Wirtschaft studiert.

Die Geburt einer Hymne
Gitarrist Julius Zechner

Wie betrübt sind Sie, dass Sie mit Julius, Peter und Kurt nach ihrem viel zu frühen Tod nicht mehr über alte Zeiten sprechen können?

Es ist ganz tragisch, dass meine Bandkollegen von früher nicht mehr leben. Julius Zechner ist mit 34 Jahren gestorben, Peter Donke mit 56 und Kurt Holzinger mit 59 Jahren. Ich denke natürlich oft in tiefer Trauer an sie. Andererseits verbinde ich so viele schöne Erlebnisse mit ihnen und versuche mittels Fotos und alten Aufnahmen den Schmerz, der immer wieder hochkommt, zu bewältigen. Ich bin kein melancholischer Mensch, aber in ruhigen Minuten grüble ich manchmal schon darüber nach, warum gerade die drei, die mir so nahe waren, so früh sterben mussten.

  • Zur Person: Christian Unger (61) studierte nach seinem Band-Ausstieg 1981 in Los Angeles ein Jahr lang Schlagzeug, danach in Wien Handelswissenschaften. Er stieg ins internationale Bankenwesen ein. Nach Stationen in New York und Madrid lebt Unger heute mit seiner Frau und zwei erwachsenen Kindern in Wien.
Die Geburt einer Hymne
Zeit- und Tondokument: Erst 2008 wurden 19 Lieder von Willi Warma auf dem Album „Stahlstadtkinder“ verewigt.

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