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„Der Wettbewerbsgedanke ist infantil“

Von Karin Schütze   19.August 2019

Auch das Bruckner Orchester spielte schon ein Werk von ihm.Foto: F. Helal

Ralph Mothwurfs „Antworten auf Bruckner“ und dessen zweite Sinfonie auf zwei Klavieren, getanzt von Bruckneruni-Studierenden, eröffnen morgen, 19.30 Uhr, die Brucknertage St. Florian (bis 25.8.).

OÖNachrichten: Welche Fragen wirft Bruckner für Sie auf?

Ralph Mothwurf: Er hat seine Sprache, ich habe meine. Wo finde ich Synergien oder bin vielleicht nicht einverstanden? Mir war klar, dass unsere Lebensrealitäten völlig andere sind, allein durch die Zeit. Bruckner war höchst religiös, das ist nicht der Hauptfokus meiner Arbeit. Ich habe große Inspiration aus dem gewonnen, was ich nicht mit ihm teile. Die alten Meister sind so unantastbare Lichtgestalten. Mir war eine Entmystifizierung von musikalischem Material und der Person wichtig.

In den „Anhörungen“ an der Bruckneruni haben
Markus Poschner und das Bruckner Orchester im Vorjahr ein Werk von Ihnen uraufgeführt. Wie war es für Sie,
es erstmals zu hören?

Ich war sehr aufgeregt. Das Medium der Notation ist missverständlich. Gewisse Sachen, kleine Nuancen können auf der Strecke bleiben. Im ersten Erklingen hört man sofort, was funktioniert hat und was nicht. Hat etwas nicht funktioniert, sind das die bereicherndsten Erfahrungen.

Was war Ihre Initialzündung zum Komponieren?

Meine ersten musikalischen Schritte habe ich mit 20 gemacht. Davor habe ich als Autodidakt schon Lieder geschrieben. Es war starke Intuition, es hat sein müssen. Die Liebe wird jeden Tag und mit jedem Projekt stärker.

Wie schwer ist es, Aufführungsmöglichkeiten zu finden?

Ich finde es nicht leicht. Es gibt eine Unkultur an Wettbewerben, die einerseits wichtig sind, um Plattformen zu schaffen. Andrerseits nimmt der Auftraggeber meistens in Kauf, dass viele schreiben, aber nur wenige ihre Werke tatsächlich aufführen können und Geld dafür bekommen. Das führt dazu, dass Komponisten entweder bestehendes Material adaptieren, was ich uninspirierend finde, oder dass Leute ins Leere arbeiten.
Wie es die Brucknertage machen, ist so, wie ich es mir wünschen würde: Man bekommt einen Auftrag, eine ordentliche Aufführung, tolle Interpreten. Dass dieser Wettbewerbsgedanke im Kulturbetrieb und in den Lebensläufen so wichtig ist, finde ich infantil.

Wohin führt diese Entwicklung?

Durch das Prekariat unter den Kulturschaffenden gibt es eine große Tendenz, dass man nur auf seins schaut, aber keine längerfristigen Strukturen aufbauen kann. Es wird schwerer für uns. Jedes Jahr kommen exzellente Leute aus den Institutionen. Das Schulwesen ist oft schon übersättigt, Orchester werden gekürzt, zeitgenössische Musik wird viel zu wenig programmiert. Die Strukturen für junge Komponisten sind stark unterteilt in ernste, Popular- und Jazzmusik. Was schon seit Jahrzehnten von den Komponisten ausgehebelt, aber nach wie vor von der Musikwelt getragen wird – in den Studienrichtungen, den Programmierungen. Das finde ich gestrig.

Woran arbeiten Sie gerade?

Jetzt schreibe ich für mein eigenes Ensemble, das am 5. Dezember an der Bruckneruni debütiert. Im Frühjahr ist das zweite Album von „Yasmo und die Klangkantine“ erschienen, ein Pop-Projekt. Ich bin ein bunter Hund.

Infos, Karten: 0732 77 52 30, www.brucknertage.at

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