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Kultur

Der dichtende Doyen der Architekturkritik ist tot

Von Lukas Luger 28. März 2019 00:04 Uhr

Der dichtende Doyen der Architekturkritik ist tot
Architekt und Literat: Friedrich Achleitner (1930 – 2019)

Der Oberösterreicher Friedrich Achleitner ist 88-jährig gestorben

Die Architektur bezeichnete er einmal nonchalant als "Knochenarbeit", die Literatur war seine Passion. Reüssiert hat Universalgelehrter Friedrich Achleitner aber in beiden Metiers. Der am 23. Mai 1930 in Schalchen in eine Landwirts-/Müllerfamilie geborene Doyen der österreichischen Architekturkritik und zentraler Vertreter der "Konkreten Poesie" verstarb am gestrigen Mittwoch im Alter von 88 Jahren.

Ein Architekturstudium erschien Achleitner nach Abschluss der Salzburger Gewerbeschule naheliegend, gebaut hat er aber nie etwas. Seine Liebe galt der Literatur. 1958 hängte er die Baukunst deshalb erst einmal an den Nagel und widmete sich voll und ganz dem Schreiben. Gemeinsam mit H.C. Artmann, Gerhard Rühm, Oswald Wiener und Konrad Bayer trat Achleitner als Teil der berühmt-berüchtigten "Wiener Gruppe" an die Öffentlichkeit – und zettelte sogleich eine literarische Revolution an!

Mit dem Motorroller enterte er Kleinbühnen, er zertrümmerte Klaviere und schockierte so genüsslich das Publikum. 1959 veröffentlichte Achleitner gemeinsam mit Artmann und Rühm den Dialekt-Band "hosn rosn baa", ein Jahr darauf publizierte er "schwer schwarz".

Dem Dialekt treu geblieben

"Wir dachten, dass Konkrete Kunst auch in der Poesie anwendbar ist. Wahrscheinlich haben wir uns geirrt", sagte Achleitner im OÖN-Gespräch anlässlich der Mostdipf-Verleihung im Jahr 2011 selbstkritisch. In der internationalen Geschichte der Avantgardeliteratur ist dem "Baumeister der Sprache" aber trotzdem ein Platz sicher. Dem Innviertler Idiom blieb er stets treu: "Ich hab immer behauptet, im Innviertlerischen gibt es keinen einzigen vernünftigen Satz. Mit dieser Sprache werden Menschen überredet statt überzeugt."

Von der Dichtung konnte Achleitner nicht leben, der Zufall führte ihn 1964 zur Architekturkritik. Nach einer einjährigen Tätigkeit bei der "Abendzeitung", wechselte Achleitner zur "Presse". Dort schrieb er bis 1972 über die österreichische Baukunst. Als Vater der heimischen Architekturkritik trat er energisch gegen Abbruchspekulation und unkünstlerisches Bauen ein. Sein Bauten von Vorarlberg bis Wien beschreibendes Lebenswerk, die mehrbändige Dokumentation "Österreichische Architektur im 20. Jahrhundert", vollendete er kurz nach seinem 80. Geburtstag. Bis 1998 hatte Achleitner den Lehrstuhl für "Geschichte und Theorie der Architektur" an der Angewandten inne.

Anfang der 2000er-Jahre wandte er sich wieder vermehrt der Literatur zu. Zuletzt erschien sein Gedichtband "wortgesindel" (2015). Weder als Architekturpapst noch als Sprachkünstler wolle er in Erinnerung bleiben, so Achleitner. Sondern vielmehr als jemand, "der Mauern des Unverständnisses niederreißen will". Ein letzter Wunsch, der in Erfüllung gehen wird.

In Memoriam

ORF 2 wiederholt im „Kulturmontag“ (1. April, 23.20 Uhr) ein Gespräch Achleitners mit Alfred Dorfer.
Ö1 bringt drei Spezialsendungen: „Nachtbilder“ (30.3. , 22.20 Uhr), tags darauf folgen die „Gedanken“ (9.05 Uhr) sowie das Feature „Der Literatekt“ (21 Uhr)

 

Artikel von

Lukas Luger

Redakteur Kultur

Lukas Luger
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