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Kultur

Das hungrige Herz des Rock’n’Roll

Von Lukas Luger 23. September 2019 00:04 Uhr

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Bild 1/10 Bildergalerie: Bruce "The Boss" Springsteen wird 70

Rock’n’Roll-Ikone, Poet der Freiheit, streitbarer Kämpfer fürden amerikanischen Traum: Heute feiert Bruce Springsteen seinen 70. Geburtstag. Eine Würdigung.

Es war der 9. Mai 1974, als Jon Landau ein Erweckungserlebnis erfuhr, das die gesamte Musikwelt veränderte. Vier Wochen zuvor hatte er einen jungen Rockmusiker aus New Jersey namens Bruce Springsteen in einem Beisl auf ein Bier getroffen. Der dünne und bärtige Musiker, der gerade an seinem dritten Album arbeitete, lud ihn spontan zu seinem nächsten Konzert ein. Dieses fand an besagtem Tag im Harvard Square Theater in Boston statt – und änderte alles. „Ich habe die Zukunft des Rock’n’Roll gesehen, und ihr Name ist Bruce Springsteen“, schrieb Landau später total euphorisiert im Wochenmagazin „The Real Paper“. Ein Rock’n’Roll-Mythos war geboren. Heute feiert Bruce Springsteen seinen 70. Geburtstag.

1974, kurz vor dem großen Durchbruch.

Landaus Lobpreisung für Bruce kam zum idealen Zeitpunkt. Springsteens erste beiden Alben waren gefloppt, die Plattenfirma versuchte ihn zwanghaft als „neuen Dylan“ zu vermarkten. Vergeblich. Springsteen war keine Kopie, sondern ein Original. Mit seiner nächsten Platte „Born To Run“ stellte er dies fulminant unter Beweis. Schnelle Autos, verlorene Liebe, verpasste Gelegenheiten, der ewige Traum von Freiheit und Ruhm – die acht Songs fingen das Lebensgefühl einer ganzen Generation auf zwei Vinyl-Seiten auf unnachahmliche Weise ein.

Aufstieg in die Superstar-Liga

Gemeinsam mit der „E Street Band“ um den Saxofonisten Clarence „Big Man“ Clemons stieg der „Boss“ rasant in die Superstar-Liga auf. Eine Position, die er mit den nachfolgenden Alben, der düsteren Sozialstudie „Darkness On The Edge Of Town“ (1978), der Doppel-LP „The River“ (1980) sowie dem akustischen Meisterwerk „Nebraska (1982), weiter zementierte. 

Seit 28 Jahren mit Patti verheiratet.

Wenn Springsteen darauf in einfachen, doch poetischen Versen über die Verlierer und Enttäuschten, über soziale Grenzen, verlassene Kleinstädte und kaputte Familienbande sang, dann wusste der in eine italienisch-irische, streng katholische Arbeiterfamilie geborene Musiker genau, wovon er da sprach. „Die Kämpfe meiner Eltern, das ist das Thema meines Lebens“ bekannte er in einem Interview. Sein Vater Doug war ein wortkarger, an einer bipolaren Störung laborierender Gelegenheitsarbeiter. Es war Springsteens Mutter Adele, die als Sekretärin die in Freehold, New Jersey, lebende Familie irgendwie über die Runden brachte. In Stücken wie „Independence Day“, „My Father’s House“ oder auch „Adam Raised A Cain“ verarbeitete Springsteen später das gestörte Verhältnis zu seinem Vater, das sich erst kurz vor dessen Tod 1998 leicht besserte.

Die Rettung in seiner Jugend war die Musik. Die Platten von Frank Sinatra, Elvis Presley und den Beatles ließen ihn die triste Realität wenigstens kurz entfliehen. Die Schule interessierte den Heranwachsenden nur wenig. „We learned more from a three-minute record, baby, than we ever learned in school“ sang er ironiefrei auf „No Surrender“, einem Lied von „Born In The USA“.

Wendepunkt „Born In The USA“

Diese im Juni 1984 veröffentlichte LP markierte in mehrfacher Hinsicht einen Wendepunkt. Mit 31 Millionen verkauften Exemplaren war es seine mit Abstand kommerziell erfolgreichste Platte; der Arbeiterklasse-Rockstar avancierte zum größten Popstar der Welt. Mit der neuen Backgroundsängerin Patti Scialfa, die extra für die „Born In The USA“-Tournee zur E Street Band stieß, sollte er später sein privates Glück finden. Das Paar ist bis heute verheiratet und hat zusammen drei Kinder. Und nicht zuletzt schärften die heftigen Diskussionen um den Titelsong Springsteens politisches Bewusstsein.

Mit Barack Obama

Eigentlich ein bitterer Kommentar zum Umgang mit traumatisierten Vietnam-Veteranen, deutete US-Präsident Ronald Reagan „Born In The USA“ zur hurrapatriotischen Hymne für seine Wiederwahl-Kampagne um. Für Springsteen ein Affront, der ihn dazu animierte, sich noch intensiver mit Politik, Minderheitenrechten und der Entfernung zwischen dem amerikanischen Traum und der amerikanischen Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Ein Interesse, das 2008 in seiner intensiven Unterstützung für den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama gipfelte. „Ich bin der Präsident – aber er ist der Boss“, witzelte Obama.

Bis heute verweigert Springsteen die Rolle des gewinnorientierten Kurators seiner eigenen Vergangenheit. Großartige und wichtige Alterswerke wie das karge „Devils & Dust“, das Dust-Bowl-Balladen zitierende „We Shall Overcome – The Seeger Sessions“, das hochpolitische „Wrecking Ball“ oder zuletzt die schöne Folkpop-Platte „Western Stars“ zeugen von der unverminderten Klasse des Mannes aus New Jersey. Kommendes Jahr erscheint ein neues Album mit der E Street Band. Sein „Hungry Heart“, sein hungriges Herz, kriegt eben niemals genug.

Bruce Springsteen: Die besten Alben

19 Studio-Alben und etliche Live-LPs hat der „Boss“ bisher veröffentlicht. Diese fünf Platten sind aber Pflicht in jeder Plattensammlung:

 

1. Born To Run (1976) Wer fiebrig-geniale Songs wie den Titeltrack oder „Thunder Road“ hört, versteht, dass der Sager, Springsteen sei die Zukunft des Rock’n’Roll, nicht nur ein simpler Marketing-Gag war.

 

2. Born In The USA (1984) Eine euphorische Stadionrock-Platte, die sich 31 Millionen Mal verkaufte und neun (!) Hit-Singles abwarf.

 

3. Nebraska (1982) So karg das Cover, so eindringlich die mit einem Vierspurgerät aufgenommenen Folk-Mörderballaden.

 

4. Darkness On The Edge Of Town (1978) Eine düstere, traurige und schonungslose Platte, die bis heute unter die Haut geht.

 

5. The River (1980) 20 Songs, die sämtliche Facetten Springsteens zeigen, gepackt in ein kanonisches Doppelalbum.

 

 

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