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Kultur

Das bewegte Leben des Hans Menasse

Von Ludwig Heinrich 15. Juni 2019 00:04 Uhr

Was für eine Geschichte
Hans Menasse am Wiener Westbahnhof bei der Skulptur, die an die Kindertransporte 1938/39 erinnert.

Hans Menasse - Als Kind von den Nazis vertrieben, als junger Mann ins österreichische Fußball-Nationalteam berufen, dann mehr als vier Jahrzehnte an der Seite von Hollywood-Stars.

Zur längst fälligen Verleihung des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien durch Bürgermeister Michael Ludwig erschien das Buch "Hans Menasse – The Austrian Boy". Menasse, mittlerweile im 90. Lebensjahr, war seinerzeit Fußballer bei Vienna und Austria Wien, zwei Mal sogar Nationalspieler. Danach arbeitete er gut 47 Jahre als Pressechef für die größten amerikanischen Filmkonzerne, betreute deren Stars und Filme. Sein eigenes Leben wäre gewiss ebenfalls eine große Filmstory.

Am 5. März 1930 in Wien als Sohn einer gutbürgerlichen Familie – Mutter Adolphine war Sudetendeutsche und Christin, Vater Richard war jüdischer Herkunft – geboren, wuchs Hans Menasse im Nobelbezirk Döbling auf. Als er sieben Jahre alt war, nahm ihn der Vater, ein begeisterter Vienna-Anhänger, erstmals zu Fußballspielen auf die Hohe Warte mit. Der Senior vergötterte vor allem den ehemaligen Wunderteam-Spieler Karl Rainer, zu dieser Zeit sportlicher Leiter des Vereins.

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Der Spielerpass des Fußballers, der die WM 1954 wegen Gelbsucht versäumte.

Aus der Wohnung vertrieben

Dann kamen die Nazis. Und auch deren Fan Karl Rainer kam – in die Wohnung der Menasses. Um die schöne, große Behausung zu "arisieren". "Wir hatten drei Tage, um auszuziehen, übersiedelten in die Liechtensteinstraße zur Mutter meines Vaters", erzählt Hans, "wo wir es nicht mehr so behaglich hatten. Sechstes Stockwerk, ohne Lift. Aber auch diese Wohnung wurde arisiert. Die Großmutter kam nach Theresienstadt und starb ein paar Tage später. Meine Familie landete auf der sogenannten ‚Mazzesinsel‘ im zweiten Bezirk, wo viele Juden wohnten."

Natürlich versuchten die Nazis, Mutter Adolphine zur Scheidung zu bewegen: "Hätte sie zugestimmt, wäre mein Vater sicher auf schnellstem Weg ins KZ gekommen. Sie weigerte sich. So wurde er ‚nur‘ zum Zwangsarbeiter."

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Klein Hans im Jahr 1940 in England

Die Situation wurde immer unangenehmer, die Eltern wollten ihre Kinder in Sicherheit wissen. Und es gelang, die Söhne – die Schwester war mit ihrem künftigen Mann schon vorher emigriert – mit einem Kindertransport nach England zu schicken: "Ich sollte es nicht als tragisch empfinden, sie haben es mir als ‚lustiges Abenteuer‘ schmackhaft gemacht und gesagt, sie würden bald nachkommen. Es muss aber schrecklich gewesen sein, drei Kinder auf einmal zu ‚verlieren‘ und nicht zu wissen, wie es weitergehen sollte."

Noch vor der Ankunft im Dezember 1938 in London, während der Reise, erkrankte Hans an Scharlach: "Von einer Krankenschwester lernte ich im Londoner Spital die ersten englischen Worte. Sie meinte, wenn der Doktor käme und sich nach meinem Befinden erkundigen würde, sollte ich antworten: ‚Very well, thank you‘. Das sagte ich dann auch, und der Arzt strich mir über die Wange und antwortete: ‚Good boy!‘ Im September 1939 brach der Krieg aus, und weil man fürchtete, die Nazis würden bald London bombardieren, schickte man die Schulkinder und auch uns aufs Land, in die Nähe von Luton." Dort wurde auch Fußball gespielt, ein Talent-Scout wurde auf Klein Hans aufmerksam, und so durfte er in den Fohlenmannschaften von Derby County und Luton Town mitwirken. Erste Anzeichen für eine künftige Karriere …

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Die Sturmreihe der Wiener Austria im Jahr 1959, ganz links Menasse.

Im April 1947 kehrte Hans endlich nach Österreich zurück. Da konnte er kein Deutsch mehr. Über Jahre hatten die Eltern nicht gewusst, wie es den Kindern ging. Umgekehrt ebenso. Der ältere Bruder Kurt war der britischen Armee beigetreten: "Am liebsten wäre er, mit dem Gewehr in der Hand, zurückgekehrt, um – wie Rambo – Österreich zu befreien. Das ging natürlich nicht. Hingegen musste er in Burma gegen die Japaner kämpfen. Ein höchst gefährliches Unternehmen. 80 Prozent seiner Regimentskameraden kamen ums Leben. Schließlich landete er, als britischer Soldat, in der Steiermark. Von dort aus gelang es ihm auch, unsere Eltern zu unterstützen."

Und was war mit dem feinen Herrn Karl Rainer? "Ja, bei dem klopfte mein Bruder in englischer Uniform, in Begleitung unseres Vaters, an. Dem Rainer fiel die Lade runter. Mein Bruder meinte nur verächtlich: ‚Keine Angst, wir wollten uns nur noch einmal die Wohnung anschauen.‘ Unsere Familie hätte sie sich damals wohl auch nicht mehr leisten können."

Gelb wie ein Postkastl

In Hans Menasse erwachte in Wien die alte Liebe zum Fußball und zur Vienna wieder. Alsbald schaffte er es tatsächlich, als Rechtsaußen, in die Stammelf – und in die Nationalmannschaft. Die Krönung war wohl das 1:1 gegen die ungarischen Wunderwuzzis mit Puskas & Co. in Budapest am 26. April 1953. Die Vorlage zum vorübergehenden 1:0 der Österreicher kam von … Hans Menasse. Und beim späteren 2:2 in Wien gegen Jugoslawien lieferte er ebenfalls beide Vorlagen. Mit Sicherheit wäre er im Kader der Mannschaft für die WM 1954 in der Schweiz gewesen, die das rot-weiß-rote Team mit einem ehrenvollen dritten Platz beendete. Aber: "Eines Tages wurde ich gelb wie ein Postkastl. Gelbsucht. Und damit: WM ade!" Für die Vienna und später auch für die Austria bestritt er aber noch zahlreiche interessante und erfolgreiche Spiele.

Im Fußball verdiente man zu jener Zeit noch keine Eckhäuser. Nach Wunsch des Vaters sollte Hans also einen "ordentlichen Beruf" ergreifen. Mithilfe von Bruder Kurt hätte er einen Job als Dreherlehrling bei Siemens antreten können. "Da aber", so Hans, "wurde ein Mann zu einer der entscheidenden Menschen meines Lebens, nämlich unser jüdischer Hausmeister, der ‚alles wusste‘. Als er von diesem Angebot hörte, nahm er sich meinen Vater zur Seite und erklärte: ‚Hören S’, Herr Menasse, wann hat es je einen jüdischen Dreher gegeben?‘ Ich konnte doch Englisch! Ein Riesensvorteil, denn während der Nazizeit hatte es in den Schulen keinen Englischunterricht gegeben. Da würde es einen großen englischen Filmverleih in der Neubaugasse geben, ich möge es doch dort versuchen. Ich ging hin, und es war sogar ein amerikanischer Verleih. Der größte. Und ich wurde genommen und blieb mehr als viereinhalb Jahrzehnte."

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Schauspieler und Komiker Danny Kaye nahm 1955 Hans Menasses Sohn Robert auf den Arm.

Die Stars kamen nach Wien ("Der erste, glaube ich, war Danny Kaye, der reiste als UNO-Botschafter an"), oder er begleitete Journalisten zu Stars ins Ausland. In Wien landeten zum Beispiel Starregisseur Michael Curtiz ("Casablanca") und seine Hauptakteure Sophia Loren und Maurice Chevalier für den Streifen "Olympia": "Die Loren war leider ein bisschen zickig. Sie hatte sich das Recht gesichert, alle Fotos zu sichten und freizugeben. Doch da waren Time, Life, Paris Match, die unbedingt erste Bilder bringen wollten. Was sollte ich angesichts einer solchen Medienmacht tun? Ich hab ihnen Material gegeben, und die Loren hat mich dann zusammengestaucht. In einer Wohnung in der Mahlerstraße, die sie mit ihrem Ehemann Carlo Ponti gemietet hatte. Sie kam mit Bademantel und Handtuch überm Kopf aus der Dusche, und los ging’s mit der Schimpferei …"

Richtig berührend hingegen, als sich Michael Curtiz an den Wiener Pressechef wandte und fragte: "Ich möchte meine Hauptdarsteller gerne begrüßen. Aber mit welchen Worten? Was, Hans, halten Sie davon, wenn ich sage: ‚Mit Ihrer Hilfe, Sophia, und mit der Hilfe von Monsieur Maurice möchte ich einen großartigen Film machen‘. Ist das gut?" Menasse: "Herrlich. Er, der Regisseur des legendären Streifens Casablanca, wollte einen so einfachen Tipp von mir."

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Mit Filmstar Sophia Loren hatte Hans Menasse (links) seine liebe Not.

Zickig zeigte sich auch "Ben-Hur"-Star Charlton Heston: "Der wollte nur Fragen über sich beantworten. Wenn jemand von den Journalisten etwas anderes wissen wollte, schaute er gelangweilt zum Fenster raus und schwieg."

Höchst amüsant hingegen Meister Alfred Hitchcock: "Da reiste ich mit drei Journalisten zu einer Pressekonferenz für ‚Frenzy‘ nach München. Er hatte mitbekommen, dass Österreicher im Saal waren, und dann bat er einen Mitarbeiter: ‚Bring me the Austrians!‘ So landeten wir in seinem großen Appartement im Hilton und er spottete: ‚Habt ihr mitgekriegt, was mich die Germans dauernd gefragt haben? Warum in ‚Frenzy‘ kein Blut fließt. Haben die nicht mitgekriegt, dass alle weiblichen Opfer im Film stranguliert wurden?‘ Wir waren gut 90 Minuten bei ihm, und er erzählte, erzählte, erzählte."

Es ging um einen Fisch

Ja, last but not least: "Einmal kam ein Anruf aus Los Angeles. Sie wollten mir einen jungen Regisseur schicken, der einen TV-Film gemacht hatte, der bei uns in den Kinos laufen würde. Er sei ein Wunderkind. Ich möge für ihn Interviews arrangieren. Das war gar nicht einfach. Nicht alle Journalisten wollten. Doch einiges gelang doch. Mir fiel auch auf, dass der junge Mann dauernd telefonierte und dass die Telefonrechnung höher war als die fürs Appartement im Sacher. Manchmal bekam ich mit, dass es um einen Fisch ging. Und so lud ich ihn zu einem Fischessen nach Fischamend." Nun: Der "Wonderboy" hieß Steven Spielberg, und beim Fisch ging es um seinen späteren Welterfolg "Der weiße Hai".

Für "Schindlers Liste" kam Spielberg wieder an die Donau. "Ich hatte eine Super-Suite im Hotel Imperial bestellt. Plötzlich ein entsetzter Anruf aus Hollywood: ‚Sofort stornieren! Dort hat ja auch Adolf Hitler gewohnt, und es darf nicht sein, dass Steven am Ende in seinem Bett schlafen muss!‘"

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Hans Menasse – The Austrian Boy.

Noch etwas: "Kein Zimmer in einem oberen Stockwerk! Nur im Erdgeschoß oder höchstens im ersten Stock. Denn Steven ist klaustrophobisch und könnte eine Panik kriegen!" Man wechselte also das Hotel, aber der Stargast wurde in die Garage chauffiert: "Demnach mussten wir wohl oder übel den Fahrstuhl nehmen. Doch er hat’s überstanden." Gespeist wurde diesmal im "Steirereck". Kein Fisch.

Nach Pensionsantritt blieb Hans Menasse übrigens sportlich und gewann beim Seniorentennis mit Partner "Max" Horak im Doppel mehrere Titel.

Sein größtes Glück nach einem solchen Leben bleibt aber die Familie: Ehefrau Christine, die er beim Filmverleih kennenlernte, die Kinder Tina, anerkannte Biologin, sowie Eva und Robert, aus denen "Schriftstellergenies" wurden. Interessant: Robert stammt aus der ersten, Eva aus der zweiten Ehe. "Das Geniale", zwinkert Hans in Richtung Ehefrau Christine, "kann also nur von mir kommen …"

Alexander Juraske, Agnes Meisinger, Peter Menasse: "Hans Menasse – The Austrian Boy. Ein Leben zwischen Wien, London und Hollywood", Böhlau-Verlag, 180 Seiten, 24 Euro.

Artikel von

Ludwig Heinrich

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