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Kultur

Christine Dollhofer: Kino "hat immer noch Alleinstellungsmerkmal"

Von nachrichten.at/apa   16. Mai 2021 07:02 Uhr

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Christine Dollhofer

Elf Tage nach der großen Öffnung am 19. Mai startet in Linz am 1. Juni das Filmfestival Crossing Europe. Leiterin Christine Dollhofer hat es mit aufgebaut. Bevor sie nach 18 Jahren im Herbst zum Filmfonds Wien wechselt, bestreitet sie noch eine letzte Ausgabe.

Mit der APA sprach sie über die Herausforderungen der Coronasaison, ihre Entdeckungen bei Crossing Europe, Parallelen zwischen Filmbranche und Suezkanal und warum sich das Kino gegen das Streaming behaupten werde.Linz/Wien. "Für mich persönlich ist es wahnsinnig befriedigend, dass ein Projekt, das bei null begonnen hat, so aufgegangen ist", lautet Dollhofers Bilanz. "Ich freue mich, dass es gelungen ist, mit der Vision des europäischen Gedankens ein Festival in Linz zu verankern" und Talente aufzuspüren: "Regisseure, von denen wir die ersten Filme entdeckt haben, haben jetzt eine große Karriere gemacht", verweist sie etwa auf Alice Rohrwacher, Ruben Östlund, Jasmila Žbanić oder Maren Ade. "Es ist auch eine persönliche Befriedigung, dass wir hier auch immer Trendsetter waren."

Im Vorjahr musste das Festival allerdings coronabedingt abgesagt werden, und heuer folgte im Jänner die erneute Verschiebung von April auf Juni. "Damals dachte man, im Juni kann nichts schief gehen", erinnert sich Dollhofer, aber letztlich wurde erst vor wenigen Tagen klar, dass die Kinos wirklich öffnen dürfen. "Wir haben nicht gewusst, wann die Sperrstunde ist" oder wie viele Leute in einem Saal sitzen dürfen, beschreibt sie die Vorbereitungen. Nun gibt es ein neues Zeitschema: "Die Nachtschienen sind weggefallen, dafür fangen wir schon um 9.30 Uhr an", kündigt sie "Frühstückskino" an. Die maximal mögliche Auslastung liege - dank einer dritten Spielstätte im Central - bei 67 Prozent, die Zahl der Akkreditierungen bei etwa zwei Drittel des Üblichen.

Finanziell sei Crossing Europe "gut über die Runden gekommen. Wir konnten gewisse Kosten stoppen bevor sie schlagend wurden." Da man Förderungen nicht zurückzahlen musste, gelang es über die 'Extracts'-Reihe zwei Drittel des Programms nachzuholen, wenn auch ohne Festivalflair im klassischen Sinn. Insgesamt sei 2020 "viel arbeitsintensiver als ein normales Festivaljahr" gewesen. Mit den Coronahilfen ist Dollhofer einigermaßen zufrieden: "Man hatte das Gefühl, man wird nicht hängengelassen." Das Festivalbudget sei heuer "plus minus gleich zu den Jahren davor, aber wir mussten mehr investieren und werden geringere Einnahmen haben beim Ticketverkauf", die durch die Gastronomie "fast selbstfinanzierende" Nightline falle weg. Fazit: "In Summe geht es sich aus. Es wird nichts überbleiben, aber wir werden uns auch nicht verschulden."

Die Auswirkungen der Lockdowns auf die Branche vergleicht sie mit der Havarie der "Ever Given" im Suezkanal: Trotz etwas verlangsamter Produktion stauen sich Filme. "Es ist schon bitter zu sehen, dass Filme, die in Venedig gelaufen sind, jetzt schon auf Netflix zu sehen sind und überhaupt keinen Kinostart in Österreich gehabt haben." Trotz anderer Verwertungsmöglichkeiten wie Streaming, TV oder DVDs bräuchten vor allem Newcomer den Kontakt zum Publikum, so Dollhofer. "Ich glaube wir sind jetzt alle wahnsinnig froh, wenn wir unsere Couch wieder einmal verlassen können."

Die Kinolandschaft werde sich "sicher sukzessive wieder besser entwickeln", ist sie überzeugt. "Die Kinos müssen attraktive Angebote schaffen, das Ambiente muss stimmen, was Gastro und Rahmenprogramm betrifft, Zielgruppenarbeit ist total wichtig." Und man müsse sich um die junge Generation kümmern. "Damit sich ein Kino das leisten kann, braucht es auch öffentliche Unterstützung." Immer wichtiger würden kuratierte Programme für unterschiedliche Zielgruppen und partizipative Projekte wie Filmtage. Auch Festivals würden weiter an Bedeutung gewinnen, prognostiziert sie, "sie sind ja auch eine Einkommensmöglichkeit für die Rechteinhaber".

Bei der Filmförderung werde sich der Wandels vom Kino hin zum Streaming weiter bemerkbar machen. "Die Streamer bringen ja auch viel Geld mit", und es sei auch wichtig, Anreize für Streamingproduzenten zu schaffen - "aber man muss ein bisschen aufpassen dass die Streamer dann nicht den Markt bestimmen und die klassische Kinofilmproduktion verdrängt wird." An letzteres glaubt sie aber nicht wirklich, "weil das Kino immer noch ein Alleinstellungsmerkmal hat und man mit physischen Einzeltickets mehr Geld verdienen kann als mit einer Streamingplattform."

Genauso wenig wie sie über ihre Nachfolge bei Crossing Europe spekulieren will, möchte sie auf die Zeit im Chefsessel des Filmfonds Wien, nach eigenen Angaben eine der höchstdotierten regionalen Filmförderstellen Europas, "vorausfantasieren". Sie wolle erst einmal sondieren: "Ich bin jetzt der Schwamm, der alle Informationen aufsaugt." Nur soviel: Wien sei bereits eine "Filmstadt", aber "natürlich man kann immer mehr machen, man kann immer neue Fenster und Türen öffnen, Stillstand ist immer ein schlechtes Signal, und man muss immer zwei Schritte vorausdenken, was könnte einem Filmstandort gut tun". Es gebe "sehr viele Player, die Ideen weiterentwickeln" - Stichwort globale Themen wie Green Producing oder Gender Equality aber auch Steueranreize. Für letztere gebe es vonseiten der Branche und der Wirtschaftskammer bereits "sehr viele Anschubinitiativen", so Dollhofer.

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