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Kultur

Die triumphale Rückkehr der Toten Hosen

Von Lukas Luger 12. Juni 2019 12:07 Uhr

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Bild 1/17 Bildergalerie: Die Toten Hosen in Linz

Nach 35 Jahren gastierte die Band wieder in Linz - und lieferte vor 10.000 Fans eine fantastische Show

Dass Campino mit großen Schritten in Richtung 60er marschiert, erscheint schier unmöglich, sieht man, mit welcher Energie er am Dienstagabend über die Bühne der ausverkauften Linzer Tips-Arena tobte. Auch mit bald 57 Jahren ist der Frontmann der Toten Hosen ein Bühnenviech, das im grellen Scheinwerferlicht zur Höchstleistung aufläuft. Eine solche lieferten die Düsseldorfer Punkrock-Legenden vor knapp 10.000 Fans bei ihrer triumphalen Rückkehr nach Linz ab. Rückkehr deshalb, weil die Toten Hosen bereits einmal in Linz gastierten, und zwar im Dezember 1984 im Posthof. Aufgrund einiger Eskapaden ihres früheren Drummers (angeblich war’s eine Eier-Schlacht) erhielten die Düsseldorfer allerdings damals Hausverbot – und blieben daraufhin Linz dreieinhalb Jahrzehnte lang fern. Viel zu lange, wie Campino scherzend befand: "35 Jahre Hausverbot – das ist ja zweimal lebenslänglich plus Sicherheitsverwahrung."

Dem Motto der Tournee – "Wer bremst, verliert!" – entsprechend, ging es in Linz von Anfang an mit Vollgas zur Sache. "Bonnie & Clyde", "Du lebst nur einmal", "Liebeslied" und "Auswärtsspiel" – bereits nach den ersten Nummern war die Stimmung vor und auch auf der Bühne exzellent.

Während Campino wie ein nervöses Tier im Zoo herumtigerte, lieferten seinen Kollegen Andi, Kuddel (der an diesem Abend seinen 55. Geburtstag feierte), Breiti und Drummer Vom Ritchie den idealen Soundtrack für all die Spompanadeln ihres Sängers.

20 Songs plus zehn Zugaben

Die zwei Aufwärmkonzerte in kleineren Clubs in Polen in der vergangenen Woche hatten sich ausgezahlt. Präzise wie ein Schweizer Uhrwerk, mit viel Spaß an der Freude spielte sich das Quintett bei für Sporthallen-Verhältnisse sehr gutem Sound durch ein Set mit 20 regulären Stücken sowie zehn (!) Zugaben.

Die Höhepunkte? Mit Sicherheit die herrlich zwingenden Versionen von "Niemals einer Meinung" und "Pushed Again", die Zugaben "Wie viele Jahre (Hasta la muerte)" und "Halbstark", sowie die unsterblichen Klassiker "Alles aus Liebe" und "Hier kommt Alex". Die Coverversion von Slades "Far Far Away" geriet wie jene von "Should I Stay Or Should I Go" nett, sie fügten den Originalen aber nicht viel hinzu.

Ein paar politische Seitenhiebe teilte Campino natürlich auch aus. In "Paradies" änderte er die Textzeile "Wie ein Tourist auf Ibiza" in "Wie Strache auf Ibiza", auch "Madelaine " (Refrain: "Gibt es irgendwelche Nazis/In deinem Bekanntenkreis?") widmete er dem früheren Vizekanzler. Mit der Hymne "You’ll Never Walk Alone" und dem hoffentlich als Versprechen zu wertenden Campino-Sager "Hoffentlich bis ganz ganz bald!" entließen die Hosen ihre Anhänger nach 120 Minuten in die Nacht. Verschwitzt, aber glücklich waren danach alle: die Band und auch die Fans!

Fazit: Die bestens aufgelegten Toten Hosen liefen vor 10.000 Fans in Linz zur Höchstleistung auf.

Konzert: Die Toten Hosen, Tips-Arena Linz, 11. Juni

 

Eine ausführliche Konzertkritik des Auftritts der Toten Hosen in Linz lesen Sie morgen in den OÖN. Vor dem Auftritt in der Tips-Arena stand Hosen-Sänger Campino (56) den OÖN Rede und Antwort.

OÖN: Der Herzensverein FC Liverpool steht im Champions-League-Finale – und nach 24 Sekunden gibt’s Elfmeter. Sie waren in Madrid im Stadion, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Campino: Das ging schneller, als wir gucken konnten. Zum Glück war in der Nähe ein Monitor, wo ich mich überzeugen konnte, dass der Elferpfiff korrekt war. Ein gutes Gefühl. In exakt diesem Moment wurden alle Spielpläne in die Tonne gekippt. Für mich als Fan gibt’s nichts Beruhigenderes. Das Match war sicherlich nicht schön anzusehen, die Taktik dominierte. So habe ich Liverpool ehrlich gesagt noch nie spielen sehen: wenig Offensivdrang und sehr zurückhaltend, aber dafür effektiv.

Kann man als Fan so ein langweiliges Match genießen?

Ja! Ich habe so die Nase voll von schönen Spielen, die verloren gehen. Ich habe schon nach fünf Minuten geschrien: "Pfeif endlich ab!". Die Langeweile im Spiel habe ich echt genossen. Nach dieser harten Saison, in der Liverpool in der Premier League derart fantastisch gespielt hat, war der Triumph in Madrid absolut verdient. Ich glaube, es gab niemanden, der uns den Cup nicht gegönnt hat.

Gibt es Parallelen zwischen einem Fußballteam und einer Band?

Ich habe Die Toten Hosen immer als Mannschaft begriffen. Besonders in den Zeiten, in denen es darum ging, die Kurve zu kriegen und nicht im Sumpf unterzugehen. Mit Drogen. Mit Alkohol. Mit all dem Scheiß. Dieses Denken hat mir wahnsinnig geholfen. Eine Tournee ist wie eine Saison. Wir gehen da jetzt gemeinsam raus. Wir gewinnen das Ding. Und morgen ist wieder ein Spiel. Einer meiner engsten Freunde außerhalb der Band war früher Eishockey-Nationaltorwart. Von ihm habe ich mir viel abgeschaut: vor dem Spiel nur Pasta zu essen, vor einem Konzert noch ein bisschen zu schlafen, sich Ruhepausen zu gönnen, wie auch die Sportler das tun. Das habe ich alles übernommen.

"Es ging um das gemeinsame Abenteuer"
Tote-Hosen-Sänger Campino (56) im Gespräch mit den OÖNachrichten

Wie schafft man es als Band, monatelang auf Tour zu sein, ohne dass sich am Ende allesamt leidenschaftlich hassen?

Es gibt kein Geheimnis. Außer nur mit Leuten unterwegs zu sein, die du wirklich magst. Wir sind in erster Linie Freunde gewesen, die auf ihrem Weg zwangsläufig gelernt haben, auch ihre Instrumente zu beherrschen. Natürlich wissen wir genau, wie wir den anderen provozieren können. Gleichzeitig wissen wir auch, wenn jemand Ruhe braucht oder besondere Ansprache. Das ist ein Privileg. Bei den Toten Hosen ging es nie nur um Musik, sondern es geht um die Begegnung und das gemeinsame Abenteuer. Wir haben zusammen die Welt kennengelernt: Argentinien, Usbekistan, Jordanien … Und das nicht als Touristen, sondern mit Musik als Geschenk im Gepäck.

Dieses Tourleben hat die neue Hosen-Doku "Weil du nur einmal lebst" eingefangen. Wie schmerzhaft war es, die Kameras so nahe an sich heranzulassen?

Uns war klar, dass wir – sollte der Film nicht zur Hofberichterstattung verkommen – auch in ungünstigen Momenten eingefangen werden. Manchmal beißt man sich auf die Zunge und denkt: "Muss das jetzt wirklich sein?" Aber das macht den Film auch erst so richtig interessant. Klar, am liebsten hätten wir nur Hochglanzbilder von uns, in denen wir als strahlende Helden dastehen (lacht). Die Kunst ist, über sich selbst zu lachen und auch in seinen Fehlern das Komische zu sehen.

Für die aktuellen Konzerte haben Sie Raritäten wie "Reisefieber" oder "Frühstückskorn" ausgegraben. Welche "Perlen" aus dem Hosen-Oeuvre würden Sie noch gerne bergen?

Wenn du in kleinen Clubs spielst, ist es ein Riesenspaß, solche Nummern rauszuholen. Bei einem Festival, wo viele Leute nicht wegen dir da sind, bringt das nichts. Es ist sinnlos, beim "Nova Rock" vor einer Riesenmenge beispielsweise den "Streichholzmann" zu spielen. Da freuen sich 50 Mann, und der Rest guckt komisch. Da ist es besser, du spielst doch "An Tagen wie diesen" (lacht). Wir schwenken aber gerne zwischen Clubs und Festivals hin und her, das macht uns einfach wahnsinnig Spaß.

"Es ging um das gemeinsame Abenteuer"
Kuddel, Vom Ritchie, Campino, Andi und Breiti besuchten vor ihrem Konzert in der Tips-Arena noch kurz den Posthof, in dem sie zuletzt 1984 gastierten.

Artikel von

Lukas Luger

Redakteur Kultur

Lukas Luger
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